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Kalter Krieg in Berliner Zoos : Tierisches Wettrüsten

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Berliner Zoo und Tierpark konkurrierten während des Kalten Krieges. Kaufte der eine Zwergesel, rüstete der andere mit Rieseneseln nach.

svz.de von
erstellt am 06.Mär.2017 | 11:45 Uhr

An Erfahrung mit großen Tieren mangelt es Heinz Graffunder nicht. Gerade hat er als Leiter des Architektenkollektivs den Palast der Republik gebaut, da erhält er den Auftrag für ein Dickhäuterhaus im Tierpark Berlin-Friedrichsfelde. Seit Jahren leben die Elefanten dort in provisorischen Behausungen. Weil kein Platz im Stall war, durfte sich Elefanten-Mädchen „Kosko“ 1958 in den ersten Wochen sogar frei auf dem Gelände bewegen und mit Kindern um die Wette sprinten. „Überholen ohne einzuholen“, war damals ja in aller Munde.

Lange verzögert die Mangelwirtschaft die Planung. Nun soll es endlich soweit sein. Auf 6000 Quadratmetern bietet das Dickhäuterhaus Platz für Zwergflusspferde, Nashörner sowie zwei Zuchtgruppen von Afrikanischen und Indischen Elefanten. Doch selbst als die ersten grauen Riesen einziehen, fehlen noch die Türen. Pfleger müssen Nachtwache schieben. Mancher nutzt die Chance, um mit der Freundin eine Nacht unter Palmen zu verbringen. Das aber ist halb so romantisch wie geglaubt, da die Elefanten mir Heu rascheln und ständig furzen. Als das Haus im September 1989 eröffnet wird, gilt es wegen der langen Planungsphase technisch schon als überholt. Zwei Monate später fällt die Mauer.

Kinder laufen im Berliner Tierpark mit Elefantenbaby Kosko um die Wette.

Kinder laufen im Berliner Tierpark mit Elefantenbaby Kosko um die Wette.

Foto: Archiv Tierpark Berlin/Zimmer
 

Jahrzehntelang lieferten sich der Berliner Zoo und der Tierpark Friedrichsfelde einen erbitterten Konkurrenzkampf. Was auch daran lag, dass mit Heinrich Dathe (Ost) und Heinz-Georg Klös (West) zwei Alphatiere als Direktoren das Sagen hatten. „Wenn der eine einen Zwergesel kauft, kauft der andere einen Riesenesel“, sagte der langjährige Leiter des Berliner Aquariums Jürgen Lange einmal.

Schon in den 1960ern soll Klös den damaligen Oberbürgermeister Willy Brandt dazu gebracht haben, über den Kopf seines Finanzsenators hinweg Geld für Elefanten zu bewilligen. So etwas konnte Dathe nicht ab. Kam der Kollege Klös nach Ostberlin, tischte er ihm „Klößchen“ auf.

Treffen der Alphatiere: Tierparkdirektor (Ost) Prof. Heinrich Dathe (l.) und Zoodirektor (West) Heinz-Georg Klös

Treffen der Alphatiere: Tierparkdirektor (Ost) Prof. Heinrich Dathe (l.) und Zoodirektor (West) Heinz-Georg Klös

Foto: Klaus Rudloff
 

Jan Monhaupt erzählt in seinem Buch „Der Zoo der anderen“  von dem tierischen Wettrüsten während des Kalten Krieges. Es geht ihm dabei nicht um moralische Verurteilungen (weder ideologische, noch ethische), sondern einzig und allein um Geschichte und Geschichten. Während Zoos in West und Ost sonst durchaus kooperierten – der Berliner Zoo mit Bananen aushalf, wenn in Leipzig ein Orang Utan kränkelte, oder Nilpferdkühe aus Leipzig auf Hochzeitsreise nach Westberlin reisen durften –, gestaltete sich das Verhältnis zwischen Klös und Dathe eher schwierig. Beim Streit darüber, wer „den größeren hat“ –  gemeint  waren Elefanten –  soll es einmal sogar zu Schubsereien gekommen sein.

Wie kam es zu der Konkurrenz? Nach den Unruhen vom 17. Juni 1953 sollte ein Zoo im Osten neben neuen Wohnungen und einer Poliklinik dazu beitragen, die Bevölkerung zu beruhigen. „Unser Berlin noch schneller voran im neuen Kurs“, verkündete die Propaganda. Der aus Leipzig kommende Heinrich Dathe wollte zunächst ablehnen, als er aber das Gelände rund ums Schloss Friedrichsfelde sah, war er begeistert und nahm die Stelle als Tierparkdirektor an.

Prof. Dathe mit Katzenbär

Prof. Dathe mit Katzenbär

Foto: Archiv/Tierpark Berlin
 

In Ostberlin entstand der größte Tierpark  der Welt. Mit 90 Hektar war die Fläche dreimal so groß wie die des West-Zoos. In 100 000 Aufbaustunden halfen Baubetriebe und Freiwillige, die Gehege anzulegen. Am 2. Juli 1955 feierte man Eröffnung. Die Elefanten wurden vom Ministerium für Schwerindustrie und vom Parteiorgan „Neues Deutschland“ gestiftet, der VEB „Kälte“ sammelte für Eisbären, die Stadt Strausberg für Strauße und das Wachregiment Berlin des Ministeriums für Staatssicherheit für zwei Brillenbären.

Wenig später wird 1956 Klös Direktor im Westberliner Zoo. Der kann es gar nicht haben, dass direkt vor seiner Nase am Bahnhof Zoo ein Plakat für den Tierpark in Friedrichsfelde wirbt. Die Bahnhöfe aber unterstehen der ostdeutschen Reichsbahn, also kann er nichts tun. Noch mehr jedoch schmerzt ihn, dass Dathe es wagte, das Pandaweibchen „Chi Chi“ 1958  im Tierpark zu zeigen. In drei Wochen sehen es dort 400 000 Besucher. Danach wird es für 120 000 Mark nach London verkauft. Auch Klös bekam das Angebot eines Tierhändlers, ihm aber war das Risiko zu groß. Was, wenn das Tier in dieser Zeit eingeht? Bis 1980 dauert es, bis er nachziehen kann. Vor dem Staatsbesuch des chinesischen Regierungschefs Hua Guofeng in Bonn schreibt Klös einen Brief an Helmut Schmidts Frau Loki, sie solle sich keine „Vasen oder Seidenteppiche“ schenken lassen, sondern lieber Pandas. Als „Bao Bao“ und „Tjen Tjen“ eintreffen, ist Westberlin im Bärenfieber.

Bei den Bauvorhaben allerdings kann die DDR nicht mithalten. Zwar schafft sie es mit dem Alfred-Brehm-Haus, 1963 eines der weltweit modernsten Tierhäuser zu eröffnen. „Ein Meilenstein zur Erreichung des Sozialismus“, verkündet ein Banner. (Der West-Zoo kontert schnell mit einem neuen Menschenaffenhaus.) Wegen der Situation im Land aber wird es immer schwerer, an Baumaterial zu kommen. Die Devisen, um Menschenaffen zu kaufen, hat die DDR nicht, auch das Eisen für Gitterstäbe wird an der Karl-Marx-Allee nötiger gebraucht.

Zur Voliere für Möwen wird deswegen eine Traglufthalle für Traktoren umfunktioniert. Im Dach der Krokodilfarm verbaut man Scheiben aus alten Gewächshäusern. Und das aufsehenerregende Projekt eines Tapir-Hauses versandet als Bauruine auf dem Gelände, bis es nach einem Jahrzehnt schließlich wieder abgerissen wird. Es steht so als Sinnbild allzu großer Träume.

Jan Mohnhaupt: Der Zoo der anderen. Als die Stasi ihr Herz für Brillenbären entdeckte & Helmut Schmidt mit Pandas nachrüstete. Hanser, 300 S., 20 Euro, ISBN 978-3-446-255-4-3

 

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