Kryonik : Tiefgekühlt in die Zukunft

Kopfüber im Tank: Mehr als 350 Menschen liegen weltweit im Tiefkühl-„Schlaf“.
Kopfüber im Tank: Mehr als 350 Menschen liegen weltweit im Tiefkühl-„Schlaf“.

Eingefroren und in einer besseren Welt wieder aufgeweckt werden: Tausende setzen ihre Hoffnungen auf Kryonik

von
18. Dezember 2017, 12:00 Uhr

Wie riesige Thermoskannen stehen die Edelstahlbehälter aufgereiht hinter schusssicherem Glas. Darin warten, tiefgekühlt in flüssigem Stickstoff, die sterblichen Überreste von derzeit 153 Menschen auf die Zukunft. Auch der Kopf der kleinen Matheryn Naovaratpong aus Thailand lagert bei Alcor in der Wüste Arizonas. Zwei Jahre war sie alt, als sie 2015 an einem aggressiven Hirntumor starb und ihre Eltern die Entscheidung trafen, Matheryns Gehirn konservieren zu lassen – in der Hoffnung, dass neue Technologien ihre Tochter irgendwann in irgendeiner Form zum Leben erwecken.

Max More, Präsident des Unternehmens in Scottsdale, weiß nicht, ob das je möglich sein wird. Auch Alcor-Mediziner Aaron Drake räumt ein, das Vorhaben sei vielleicht nur ein „ewig fortlaufendes Wissenschaftsexperiment“. Aber beide glauben an ein Leben nach der Kälte. Die Alcor Life Extension Foundation ist neben dem Cryonics Institute (CI) einer der zwei großen Non-Profit-Anbieter in den USA. Einen weiteren, kommerziellen gibt es in Russland. Insgesamt haben etwa 3500 Interessenten aus aller Welt bereits Geld gezahlt, um sich selbst – oder ihr Haustier – kryokonservieren zu lassen.

Zwei von drei Mitgliedern sind männlich, die meisten weiß und reich. Je nach Anbieter und Art der Aufbewahrung investieren sie zwischen 30 000 und 200 000 US-Dollar. PayPal-Mitgründer Peter Thiel oder KI-Forscher Ray Kurzweil gehören dazu, auch Interessierte aus Deutschland, wo die Kryokonservierung von Menschen verboten ist. Mehr als 350 Personen, darunter Baseball-Legende Ted Williams, liegen schon im Tiefkühl-Todesschlaf.

Wie funktioniert das? Die „Patienten“, wie man sie bei den Kryonik-Unternehmen hoffnungsvoll nennt, werden sofort nach dem klinischen Tod mit Eiswasser gekühlt, um den Gewebezerfall aufzuhalten. Beatmung und Herzmassage werden fortgesetzt, während Notfallteams den Körper so schnell wie möglich in die Kryo-Zentrale bringen. Dort wird im OP Frostschutzmittel in die Arterien geleitet, während die Körperflüssigkeiten herausgepumpt werden. Dieses Verfahren, Vitrifizierung genannt, wird auch beim Einfrieren weiblicher Eizellen genutzt und verhindert, dass sich in den Zellen schädigende Eiskristalle bilden.

Über zwei Wochen hinweg wird der Körper langsam auf minus 196 Grad abgekühlt. Dann wird er in einen der Zylinder mit flüssigem Stickstoff hinabgesenkt – kopfüber, damit bei einem Notfall, wenn Stickstoff aussickert, das empfindliche Gehirn am längsten gekühlt bleibt. Anders als CI bietet Alcor alternativ die sogenannte Neuro-Konservierung an: Dabei wird der Kopf des Verstorbenen abgetrennt, um nur das vitrifizierte Gehirn im schützenden Schädel für den Tag X aufzubewahren.

Maßgebliche Probleme sind allerdings noch ungelöst: Wie entfernt man den giftigen Gefrierschutz wieder aus den Zellen? Sind die zugefügten Schäden reparabel? Und wie taut man die Konservierten schonend auf? Zwar gelingt es inzwischen, einfache Tiere wie Fadenwürmer oder Egel aus dem Tiefkühlzustand zu wecken – von komplexen Strukturen wie dem Gehirn ist dies jedoch noch weit entfernt. Kryoniker glauben, dass neue Auftauverfahren, aber auch Nanotechnologien und Fortschritte beim 3-D-Druck von Zellen und Organen weitere Entwicklungen bringen.

Matheryns Mutter zumindest scheint ihren Frieden gemacht zu haben: „Wenigstens haben wir ihr Leben und ihren Körper für den Fortschritt der Wissenschaft eingesetzt“, sagte sie in einem Interview mit „Motherboard“.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen