Interview : „Tief sitzende Angst vor der Chemie“

Sieht die Glaubwürdigkeit seiner Behörde untergraben: Andreas Hensel.
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Sieht die Glaubwürdigkeit seiner Behörde untergraben: Andreas Hensel.

Andreas Hensel, Chef des Bundesinstituts für Risikobewertung, zur Debatte um Glyphosat und Taktiken der NGOs

svz.de von
21. Februar 2018, 05:00 Uhr

Seine Behörde hielt trotz Kritik und Morddrohungen an der Einschätzung fest: Glyphosat ist nicht krebserregend. Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), äußert sich im Interview mit Redakteur Dirk Fisser zur Angst der Deutschen vor Chemie, dem Glyphosat-Ausstieg und Nichtregierungsorganisationen.

Herr Hensel, im vergangenen Jahr verbreiteten Fipronil und Glyphosat Angst und Schrecken. Zweifeln Sie manchmal am gesunden Menschenverstand der Deutschen?
Hensel: Diese Ängstlichkeit hat mit den Dämonen zu tun, die ein Land umtreiben. In Deutschland sitzt beispielsweise die Angst vor der Chemie besonders tief. Das ist Teil unserer Kultur. Ich vermute, das geht bis auf die Epoche der Romantik zurück. Wir Deutschen neigen zur Verklärung der Natur. Schlecht ist eben das, was nicht natürlich, sondern menschengemacht ist. Im Labor werden die Monster wie Glyphosat oder Fipronil erschaffen, denen wir später ausgesetzt werden, ohne dass uns jemand fragt. Das ist eine Art von Kontrollverlust, der unsere Ängste befeuert. Durch die starke Polarisierung verstellen wir aber unseren Blick auf tatsächliche Risiken.
Bei Glyphosat sind Ihre und fast alle anderen Behörden der Auffassung, es sei nicht krebserregend. Warum sind Sie mit dieser Einschätzung in der Debatte nicht durchgedrungen?
Die Dynamik der Diskussion war überraschend. Glyphosat gehört zu den am besten untersuchten Stoffen der Welt, es wird seit 40 Jahren eingesetzt. Die Studienlage ist eindeutig und wird von sämtlichen Bewertungsgremien geteilt, denen die Originalstudien vorlagen: Der Wirkstoff ist als nicht krebserregend einzustufen. Es gibt keine Untersuchung, die das Gegenteil belegt. Kritiker verweisen häufig auf Gesundheitsschäden in Südamerika, übersehen dabei aber, dass hier ganze Giftcocktails per Flugzeug über den Köpfen der Menschen ausgesprüht werden. So etwas wäre hierzulande undenkbar. Das wird aber ausgeblendet. Risikobewertung ist kein postfaktischer Beliebtheitswettbewerb. Die Diskussion läuft aber darauf hinaus, wer vertrauenswürdig ist und wer nicht. Es wird zur Durchsetzung eigener Ziele versucht, die Glaubwürdigkeit der wissenschaftlichen Seite und uns als Behörde zu diskreditieren. Im Gesundheitsbereich ist es Nichtregierungsorganisationen zudem gelungen, den Eindruck zu erwecken, alles, was von der Industrie komme, sei grundsätzlich schlecht.
Die Bösen in dieser Diskussion sind aus Ihrer Sicht also nicht Monsanto und Co, sondern Nichtregierungsorganisationen?
Glyphosat ist heute eine riesige Projektionsfläche: Welche Natur wollen wir? Wie intensiv soll die Landwirtschaft sein? Sollen genetisch veränderte Pflanzen angebaut werden? Und so weiter. Es gibt wie immer Gründe dafür und dagegen. Unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Glyphosat stehen aber mancher Agenda im Weg. Einige Nichtregierungsorganisationen und ihre Kampagnen leben davon, hochkomplexe Sachverhalte unterkomplex zu kommunizieren und auf Schwarz oder Weiß, Gut oder Böse zu reduzieren. Wer gegen Glyphosat ist, gehört dann automatisch zu den Guten. Wir Deutschen, so scheint es mir, sind hier empfindlich. Wir haben oft den Drang, uns mit vorbildlicher Gesinnung gegen die weniger edle Realität abzuheben.
Wie gefährlich ist diese Entwicklung?
Angst ist ein hervorragender Anker für Kampagnen aller Art, die den Zweck verfolgen, vereinfachte Botschaften in die Köpfe zu pressen. Dahinter steckt die Verheißung von der Errettung vor den eigenen Ängsten, wenn ich nur eine bestimmte Partei wähle oder der richtigen Organisation spende. Das klingt zynisch, ist aber unsere Realität. Die ausgeuferte Glyphosat-Debatte hatte zum Ergebnis, dass meine Mitarbeiter und ich Morddrohungen erhalten haben. Unserem Bundesminister Schmidt ist es ja nach seiner Pro-Glyphosat- Entscheidung ebenso ergangen. Angst darf aber nicht der Ansatz für Politik sein. Damit arbeitet man eben auch gegen die Wissenschaft. Es gibt sicher manchmal auch politische Gründe dafür, und man hält es auch eine gewisse Zeit aus. Aber letztlich ist das zutiefst fortschrittsfeindlich.
Haben wir den Punkt erreicht? Im Groko-Vertrag wird der Glyphosat-Ausstieg als Ziel ausgegeben …
Wenn sich Parteien in einer Demokratie zu etwas entscheiden, dann ist Wissenschaft manchmal nachgeordnet. Vielleicht ist das ja auch ganz gut so. Wenn wir immer nur rein fachlich entscheiden würden, wer würde dann noch Steak und Chips essen oder Bier trinken? Das Leben wäre doch reichlich freudlos. Ein Glyphosat-Ausstieg bedeutet aber auch, dass wir mit den Konsequenzen leben müssen: Andere Wirkstoffe werden angewendet, die möglicherweise giftiger sind als Glyphosat. Das Ende der pfluglosen Bodenbearbeitung lässt alte Probleme wie die Erosion neu auferstehen. So ist das nun einmal bei Stellvertreter-Kriegen, wenn der Stellvertreter tot ist. Es wird jedenfalls nicht automatisch mehr Insekten geben, und die Biodiversität nimmt zu, nur weil wir auf Glyphosat verzichten. Vielleicht sogar im Gegenteil.
Der Stellvertreter ist also tot. Was wird denn das nächste Schlachtfeld? Genome-Editing?
Das Thema der Gen-Scheren scheint mir in der Gesellschaft noch nicht angekommen zu sein. Aber natürlich gibt es bei der Gentechnik diese diffuse Angst, weil fast niemand weiß, worum genau es eigentlich geht. Der Mensch verändert seit Jahrhunderten die Genetik von Tieren und Pflanzen. Hätten wir nicht gezielt die Gene des Ur-Kohls verändert, gäbe es beispielsweise keinen Wirsing, Blumenkohl, Kohlrabi oder Brokkoli. Mit den neuen Gen-Scheren geht die Züchtung heute präziser, schneller, effizienter und auch ohne das Einfügen artfremder DNA. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung zur Nutzen-Risiko-Abwägung dieser Technologie steht uns aber sicherlich noch bevor.
Die wissenschaftliche Einschätzung hat schon bei Glyphosat nicht geholfen. Hat die Wissenschaft, hat Ihre Behörde auch selbst Schuld daran, dass sie nicht durchdringt?
Wir befinden uns in einer schweren Sinnkrise zur Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft, die zum Teil sicherlich auch selbst verschuldet ist. Die Frage ist doch immer, welchen Preis zahlen wir für den wissenschaftlichen Fortschritt? Wir haben die Angst der Menschen nicht ernst genug genommen, weil sie wissenschaftlich nicht zu begründen ist und weil wir glaubten, allein unsere Zahlen und Argumente überzeugen unsere Zweifler. Dabei haben kollektive Ängste aber ganz reale Auswirkungen und wirken sich auf politische Entscheidungen aus. Emotionen müssen also in einem partizipativen Dialog zur Sache ihren berechtigten Stellenwert bekommen.

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