Mammutprojekt : Tempel von Ramses II. versetzt

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Vor 50 Jahren rettete ein internationales Team den Tempel Abu Simbel vor menschengemachten Fluten.

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02. November 2018, 12:00 Uhr

Abu Simbel | Die spektakuläre Versetzung des über 3200 Jahre alten Felsentempels des Pharaos Ramses II. erregte in den 1960er-Jahren weltweit Aufsehen. Ohne die Aktion wäre die einzigartige Tempelanlage von Abu Simbel in den Fluten des Nassersees versunken. Vor 50 Jahren, am 22. September 1968, wurde die geglückte Verlagerung offiziell gefeiert.

Bereits 1954 hatte Ägyptens Staatspräsident Gamal Abdel Nasser beschlossen, den Nil südlich von Assuan zu einem gigantischen Trinkwasserreservoir aufzustauen. Der gewaltige Staudamm mit einer 111 Meter hohen Mauer und einem 3800 Meter breiten Sockel sollte Dürrekatastrophen verhindern und die landwirtschaftliche Zukunft sichern. Doch in dem neuen, riesigen Nassersee – zehnmal so groß wie der Bodensee – drohte eine der bedeutendsten Tempelanlagen Ägyptens zu versinken.

Im April 1959 bat der ägyptische Kulturminister Tharwat Okasha die Unesco zur Rettung der bedeutenden nubischen Tempel um Hilfe. 1960, als die Arbeiten am Assuan-Staudamm schon begonnen hatten, appellierte Unesco-Generalsekretär Vittorino Veronese an das Weltgewissen: „Diese Kostbarkeiten gehören nicht nur den Nationen, die sie heute in Verwahrung haben. Die ganze Welt hat ein Anrecht auf ihre immerwährende Erhaltung.“

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mago/ZUMA/Keystone
 

Zur Rettung der Bauwerke entschieden sich die Verantwortlichen 1963 schließlich für ein schwedisches Projekt, das die Zerlegung der Tempel, die Abfuhr der gesamten Felsmasse und den Wiederaufbau an einem höher gelegenen Ort vorsah. Der Auftrag ging an ein internationales Firmenkonsortium unter Leitung des Essener Konzerns „Hochtief“. Beinahe zu spät, da im Mai 1964 schon der erste Zulauf zum neuen Stausee freigesprengt worden war und der Wasserpegel kontinuierlich anstieg. „Vordringlichste Aufgabe war daher zunächst, die beiden Tempel mit einem Kofferdamm mit Spundwand zu umgeben, der sie vor dem steigenden Wasser frei hielt und in dessen Schutz der Abbau selbst durchgeführt werden konnte“, stellte Karl-Heinz Martini von der Firma „Hochtief“ fest.

Rund 200 Menschen halfen

Nachdem Kräne, Bagger und Baumaterial per Schiff herbeigeschafft worden waren, mussten zunächst die Felsen oberhalb der Tempel abgetragen werden. Rund 2000 Arbeiter, Techniker, Archäologen sowie weitere Experten waren mit dem Projekt beschäftigt. Sie zerlegten die Kultstätte mit Trockenseilsägen in 1036 jeweils maximal 30 Tonnen schwere Felsblöcke. Auch die vier 21 Meter hohen Statuen am Eingang des Ramses-Tempels zersägten italienische Fachleute, die Erfahrung mit dem Abbau von Marmor hatten. Um die Kolosse vor herabstürzenden Gesteinsbrocken zu schützen, wurden die Fassaden mit Wüstensand verschüttet.

Zur Stabilisierung erhielt der poröse Sandstein Eisenklammern und Anker, zusätzlich verfestigten 33 Tonnen Kunstharz das Material und schützten außerdem die Schnittfugen. Der erste Block wurde am 12. Mai 1965 verladen, die Quader durchnummeriert und auf gepolsterten Tiefladern zu einem Zwischenlager im Landesinneren verfrachtet. Hier wurden sie für den originalgetreuen Wiederaufbau katalogisiert, der parallel zum Abbau begann. Der neue Standort lag 64 Meter höher und 180 Meter landeinwärts. Als Stütze diente ein riesiges Gerüst aus 234 Stahltraversen, zur Restauration wurden noch 1112 Felsstücke aus der unmittelbaren Umgebung mit verbaut. Keine Fuge durfte breiter als sechs Millimeter sein.

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imago/Belga
 

Am westlichen Nilufer hatten Arbeiter in der Regierungszeit von Ramses II., dem Pharao aus der 19. Dynastie des Neuen Reichs, in den Jahren um 1250 v. Chr. die Tempel ins Massiv des Kalksteins gemeißelt. Sie drangen bis zu 65 Meter tief in das Gebirge vor. Ein großer Tempel wurde zu Ehren des Herrschers und ein kleinerer zu Erinnerung an seine Frau Nefertari erbaut. „In Stein gehauen für die Ewigkeit“, heißt es auf einer Inschrift. Die Große Pfeilerhalle des Tempels misst fast 300 Quadratmeter, die Wände zeigen Kriegsszenen, in denen Ramses II. gegen Hethiter und Syrier stets siegreich kämpft. Historisch korrekt ist das nicht, denn beispielsweise die Schlacht in Kadesch verlor er gegen Hethiter-König Muwattalli II.

Über die Jahrhunderte war ein Großteil der Tempelfront von Sand verschüttet worden. Wiederentdeckt wurde Abu Simbel 1813 von dem schweizerischen Gelehrten Johann Ludwig Burckhardt, erst 1817 gelangte der italienische Abenteurer und Amateurarchäologe Giovanni Battista Belzoni ins Innere des Tempels. Die wissenschaftliche Untersuchung der Anlage begann schließlich 1828.

20 weitere Tempel gerettet

Berühmt ist der Tempel auch für das sogenannte „Sonnenwunder“. Im Inneren symbolisieren vier Sitzfiguren den Schöpfergott Ptah, den Reichsgott Amun-Re, Ramses und den Sonnengott Re-Harachte. Die Figuren sind so ausgerichtet, dass jeweils am 22. Februar sowie am 22. Oktober die Sonne durch den Tempeleingang drei der vier Götterstatuen erleuchtet. Lediglich Ptah ganz links bleibt mit Ausnahme seiner linken Schulter im Dunkeln. Die aufgehende Morgensonne strahlt ab circa 5.45 Uhr etwa 60 Meter tief in das Herz der Anlange, allerdings nur für rund 20 Minuten. Eigentlich vollzieht sich das Sonnen-Phänomen über drei Tage, aber nur am 22. erreicht es seine volle Strahlkraft. Wegen der Tempel-Versetzung hat sich das „Wunder“ um einen Tag nach hinten verschoben.

Neben dem Doppeltempel in Abu Simbel wurden mehr als 20 weitere vor dem Untergang im Nassersee gerettet, darunter auch die Anlage in Kalabscha. Experten aus 51 Ländern waren daran zwischen November 1963 und Ende 1968 beteiligt. Heute zeigt sich Abu Simbel als Kuppelbau, der hintere Teil der Tempel wurde mit jeweils einer mächtigen Betonschale überspannt, die mit Steingeröll überlagert ist, sodass das ursprüngliche und charakteristische Aussehen der Heiligtümer als Felsentempel bewahrt werden konnte. Seit der Zusammensetzung der einzelnen Bauteile und dem Wiederaufbau am neuen Platz wird das Innere der Tempel – teilweise hängend – von darüber befindlichen Stahlbetonkuppeln gehalten.

Besonderen Wert legten die Planer auf die exakte originale Ausrichtung der Tempel. In einem prunkvollen Staatsakt mit Gästen aus über 40 Ländern wurde der Umzug am 22. September 1968 gefeiert, obwohl die Arbeiten noch nicht vollständig abgeschlossen waren. Seit 1979 gehört die imposante Tempelanlage von Abu Simbel zum Unesco-Weltkulturerbe. Die Kosten für die Verlegung lagen bei rund 80 Millionen US-Dollar. Zur Einweihung des Assuan-Staudamms am 15. Januar 1971 würdigte der damalige ägyptische Staatspräsident Anwar as-Sadat die Umsiedelung der Kulturschätze: „Völker können Wunder vollbringen, wenn sie für einen guten Zweck zusammenarbeiten.“

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