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Selbstbild des Lehrers im Wandel : Teamspieler statt Einzelkämpfer?

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Eine Studie sieht die Zukunft des Lehrkörpers in der Zusammenarbeit

svz.de von
erstellt am 26.Feb.2016 | 12:00 Uhr

„Kiebitzen“ erlaubt, abkupfern auch: Für Lehrer wie Martin Hölzel eine Selbstverständlichkeit – solange es nur im Kollegenkreis passiert. Als Projektleiter eines innovativen Pädagogenteams am Gymnasium Olching bei München wurde der 43-Jährige kürzlich mit dem „Deutschen Lehrerpreis“ ausgezeichnet. Er praktiziert seit Jahren, was im Schulalltag noch längst nicht normal ist: den neugierigen Blick über den Tellerrand, gegenseitige Inspiration, kreative Kooperation.

Hölzel und seine Kollegen haben verstanden, dass Teamwork im Einzelkämpfer-Job des Lehrers den Unterricht meist verbessert, unnötige Arbeit erspart – und vor allem „einen Riesenspaß“ macht. „Unsere Ausbildung ist ja darauf ausgerichtet, dass wir lernen, allein vor der Klasse zu bestehen. Und das ist auch notwendig“, sagt der Bayer. „Aber wenn man etwas Großes machen will, dann ist es besser, als Team aufzutreten.“

In Olching kämen zwei Dinge zusammen, um Vorzeigeprojekte wie die jahrgangsübergreifende naturwissenschaftliche Themenreihe „My Science“ zu stemmen: „Dass niemand unter Zwang dabei ist. Und dass wir von der Schulleitung einen geschützten Raum dafür bekommen.“ Aufgeschlossenen Pädagogen wie Martin Hölzel gehört die Zukunft, so lautet ein Fazit der gestern präsentierten Studie zur Lehrerkooperation in Deutschland. Die Gegenwart sieht aber noch weniger rosig aus. So macht nur jeder vierte der gut 1000 repräsentativ befragten Lehrer gemeinschaftlichen Unterricht mit Kollegen. Nicht einmal jeder Zehnte hospitiert häufiger im Unterricht anderer Lehrer. Zur Zusammenarbeit in fachbezogenen Pädagogenteams ringt sich immerhin jeder Zweite durch. Über den Austausch zu Unterrichtsmaterialien (82 Prozent) geht die Kooperationsbereitschaft aber oft nicht hinaus.

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„Teamspieler oder Einzelkämpfer – das ist keine Frage der Lehrerausbildung“, betont der Wuppertaler Bildungsforscher Dirk Richter, einer der Autoren des Reports. „Die Schulstrukturen sind oft noch so, dass Kooperation nur auf einem eher oberflächlichen Niveau stattfindet.“ Hinzu kommt, dass viele Lehrer ungern ihre pädagogischen Karten auf den Tisch legen. Auch Richter meint: „Die Angst, im eigenen Unterricht etwas falsch zu machen und dafür kritisiert zu werden, ist immer noch sehr groß.“

Eine Furcht, die nach den Erfahrungen des Kooperationspraktikers Hölzel freilich unnötig ist: „Man bekommt doch vor allem die Stärken des anderen mit, wenn man dort hospitiert. Und man denkt dann: Wow, das könnte ich ja auch machen.“ Die Studie der Stiftungen Bertelsmann, Deutsche Telekom, Robert Bosch und Mercator weist nach, dass kooperationswillige Lehrer oft kompetenter und in ihrem Job zufriedener sind – und sich insgesamt fitter fühlen. „Wir wissen nicht genau, ob die Zusammenarbeit mit Kollegen dafür Ursache oder Wirkung ist“, sagt Richter. „Aber negative Zusammenhänge können wir ausschließen: Zu mehr Stress oder Unzufriedenheit führt solche Teamarbeit nicht.“

Auffällig ist auch, dass Lehrer mit nur wenig Berufserfahrung lieber im Team unterrichten als ältere (26 zu 19 Prozent) und auch lieber größere Projekte gemeinsam planen (29 zu 17 Prozent). Lehrer mit viel Berufserfahrung sind aber ebenfalls bereit, mit Sozialpädagogen, Sozialarbeitern oder Psychologen zu kooperieren (48 Prozent) oder sich von Schülern Feedback zum Unterricht zu holen (35 Prozent).

In puncto Kooperation vernagelt sei in Deutschland praktisch kaum ein Lehrer mehr, sagt Bildungsforscher Richter.

Schlussfolgerungen aus der Studie müssen nun aus den Ministerien kommen, fordert der Verband Bildung und Erziehung (VBE). „Die notwendigen Rahmenbedingungen werden den Lehrkräften genau von denen versagt, die ständig Teamarbeit einfordern, nämlich von der Politik“, sagte VBE-Chef Udo Beckmann.

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