Leipziger Buchpreis : Tausend Seiten Zeitgeschichte

Guntram Vesper wurde gestern für seinen Roman „Frohburg“ mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.
Guntram Vesper wurde gestern für seinen Roman „Frohburg“ mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.

Leipziger Buchpreis geht an Guntram Vesper. Sachse schickt die Leser von „Frohburg“ auf Deutschlandreise

svz.de von
17. März 2016, 21:00 Uhr

Um Guntram Vesper war es zuletzt ruhig geworden. Sechs Jahre lang arbeitete der Autor, einst Mitwirkender der Gruppe 47, an einem großen Roman über seine sächsische Geburtsstadt Frohburg. Dann legte der 74-Jährige das mehr als 1000 Seiten starke „Frohburg“ vor. „Ausufernd“ sei das Werk geworden, schreibt er darin selbst. Es hat ihm nun den Preis der Leipziger Buchmesse eingebracht.

„Frohburg“ ist vieles: Eine Autobiografie Vespers, ein tiefer Blick in das Deutschland der Weimarer Republik, der Nazizeit, der deutsch-deutschen Teilung. Der Schöffling-Verlag nennt es ein „Geschichts- und Geschichtenpanorama, wie wir schon lange keines hatten“.

Tatsächlich reiht Vesper in „Frohburg“ eine sorgsam recherchierte Geschichte an die nächste. Es ist dem Buch auf fast jeder Seite anzumerken, wie viel Aufwand und Akribie darin stecken.

Preise der Leipziger Buchmesse: Buch über Georg Forster geehrt

• Der Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Sachbuch/
Essayistik geht an Jürgen Goldstein für sein Buch „Georg Forster“.

• Für die Übertragung des Buchs „Die Tutoren“ von Bora Cosic aus dem Serbischen wird in der Sparte Übersetzung Brigitte Döbert ausgezeichnet.

Vesper verbindet Anekdoten aus seiner Familiengeschichte – einen Motorrad-ausflug seiner Eltern Wolfram und Erika, seine Polio-Erkrankung als kleiner Junge, die Übersiedlung in den Westen 1957 und viele andere mehr – mit historischen Geschehnissen. Die Materialflut ist fast erschlagend, weckt aber auch Neugier auf die jeweils nächste zu erzählende Geschichte.

Der Autor schreibt dabei nicht chronologisch, sondern wechselt munter zwischen den Zeiten hin und her. So etwas ist nicht immer eine gute Idee, weil es – schlecht gemacht – die Gefahr birgt, dass der Leser den Überblick verliert. Vesper allerdings gelingen die Zeitensprünge elegant. So schafft er immer wieder Überraschungsmomente, etwa wenn er einen Dialog seiner Eltern nach der Niederlage der Wehrmacht in Stalingrad mit bissigen Bemerkungen über den aktuellen sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich (CDU) enden lässt, einst in der DDR stellvertretender Vorsitzender des Rates des Kreises Kamenz, „der sich in jedem tagtäglichen Sachsenspiegel des MDR zwei-, dreimal zeigen lässt, im blaßsteinernen Gesicht mit demokratisch süffisantem Lächeln, das unter den alten Verhältnissen nicht infrage gekommen wäre, undenkbar war, etwas hat er also doch gelernt, der Tillich“.

„Frohburg“ ist wegen der vielen Details interessant für Leser, die sich ein wenig in der sächsischen Provinz auskennen. Aber ausgehend von der Kleinstadt Frohburg und Vespers Familiengeschichte ist es weit mehr als das: Es ist eine ausführliche Zeitreise in die deutsch-deutsche Geschichte.

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