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Mata Hari : Tänzerin und Spionin

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Als nackte Schönheit verband sie auf der Bühne Erotik mit Exotik, doch weltweite Berühmtheit erlangte die Schlangentänzerin als Spionin. Vor 100 Jahren wurde Mata Hari verhaftet, ein Militärgericht verurteilte sie zum Tode. Im Juli 2017 werden in Frankreich bislang geheime Gerichtsakten geöffnet.

Als nackte Schönheit verband sie auf der Bühne Erotik mit Exotik, doch weltweite Berühmtheit erlangte die Schlangentänzerin als Spionin. Am 13. Februar 1917 wurde Mata Hari im Palace-Hôtel an den Pariser Champs-Élysées verhaftet. Gut fünf Monate später verurteilte sie ein Militärgericht zum Tode, am 15. Oktober 1917 starb sie durch ein Exekutionskommando. Im Juli 2017 werden in Frankreich bislang geheime Gerichtsakten geöffnet.

Die Rechtmäßigkeit ihrer Hinrichtung ist bis heute umstritten. Aus Mangel an belegbaren Fakten sind Wahrheit und Fiktion nur schwer auseinanderzuhalten. Im Jahr 1999 vom britischen Geheimdienst MI5 freigegebene Akten lassen vermuten, dass Agentin „H 21“ vom deutschen Konsul in den Niederlanden, Karl Cramer, 20  000 französische Francs erhalten hatte. Dafür sollte sie Informationen beschaffen.

Mit bürgerlichem Namen hieß Mata Hari Margaretha Geertruida Zelle. Das Licht der Welt hatte sie am 7. August 1876 im holländischen Leeuwarden erblickt. Ihre Mutter stammte aus Java, die Insel im Indischen Ozean gehörte zum niederländischen Kolonialreich. Früh versucht sie, ihrem zerrütteten Elternhaus zu entfliehen. Als 19-Jährige heiratet Margaretha den 20 Jahre älteren Rudolph MacLeod, ein Marineoffizier mit schottischen Wurzeln, den sie per Zeitungsinserat kennengelernt hatte. Das Paar übersiedelt nach Niederländisch-Ostindien (heute Indonesien), bereits 1900 kehrt es nach Europa zurück, und zwei Jahre später wird die Ehe geschieden.

Skandalöse Show

Im Frühjahr 1903 zieht Margaretha nach Paris, ins Mekka der damaligen Unterhaltungsindustrie. Obwohl ihr Theaterdebüt floppt und sie auch als Malermodell sowie als Zirkusreiterin wenig erfolgreich ist, gibt sie nicht auf. In einem Lokal am Montmartre tritt sie mit einem indischen Tempeltanz auf. Hier erregt „Lady MacLeod“, wie sie sich nun nennt, erstmals Aufmerksamkeit. Im März 1905 lernt sie den reichen Fabrikanten Emile Guimet kennen. Er gibt ihr den Rat, einen Künstlernamen zu wählen, der besser zu ihren Auftritten passt. Fortan nennt sie sich „Mata Hari“, das bedeutet in der javanischen Sprache „Sonne“, wörtlich übersetzt „Auge“ (Mata) des „Tages“ (Hari).

Parallel zu ihrer Namensänderung strickt sie an mehreren Legenden. Eine lautet: Sie sei „Java-Prinzessin vom priesterlichen Hindugeschlecht“. Das Paris der Belle Époque ist verrückt nach Exotischem, eine indische Bajadere, die mit einer geheimnisvollen Geschichte aufwarten kann, ist etwas Neues. In einer anderen Version behauptet sie, von der Küste Malabars zu stammen und in der unterirdischen Halle des Gottes Shiva aufgewachsen zu sein. Oder sie bezeichnet sich als „Enkelin eines Königs aus Batavia“. Wenigstens ihre Tanzvorführungen sind real. Zum Ende ihrer Vorstellungen lässt sie alle Hüllen fallen, das ist gleichermaßen sensationell wie skandalös, und das Publikum tobt.

Kritiker überschlagen sich mit Komplimenten, im „Courrier Français“ schreibt Marcel Lami: „Ihr dunkler Teint, ihre vollen Lippen und glänzenden Augen zeugen von weit entfernten Landen, von sengender Sonne und tropischem Regen. Sie wiegt sich unter den Schleiern, die sie zugleich verhüllen und enthüllen.“ 1905 wird zu ihrem erfolgreichsten Jahr, sie tritt im Trocadéro und im Olympia auf, verdient pro Abend 10  000 Francs und bewohnt ein luxuriöses Appartement in der vornehmen Rue Balzac. Über ihre Darbietungen sagt sie einmal: „Der Tanz ist ein Gedicht, dabei ist jede Bewegung ein Wort.“

Hari feiert auch Triumphe in Wien, Rom, Mailand, Madrid und Monte Carlo, sie tanzt in noblen Nachtclubs, auf Privatpartys, in Salons und auf Soirées der Bankiersfamilie Rothschild. Neben ihren Auftritten hat die Tänzerin offenbar noch eine andere Beschäftigung. Sie gilt als Edelprostituierte, bevorzugt schläft sie mit hochrangigen Militärs, Millionären und Ministern. Sogar eine Affäre mit dem Sohn des Deutschen Kaisers wird ihr nachgesagt.

Doch als sie 1907 nach Paris zurückkehrt, muss sie feststellen, dass ihre „Tempeltänze“ von Nachahmerinnen wie Suzy Deguez und Colette kopiert werden. Zunächst kann sie sich noch gegen die Konkurrenz wehren, aber mit den Jahren sinkt ihr Stern immer weiter. Bei Kriegsausbruch 1914 ist der Ruhm der inzwischen 38-Jährigen verblasst. Kurzfristig zieht sie nach Den Haag. „Mata Hari brauchte Geld; ihren aufwendigen und luxuriösen Lebensstil konnte sie nicht aufrechterhalten“, schreibt Jürgen Prommersberger in seinem Buch „Von Kurtisanen, Mätressen und Hetären“.

Deshalb lässt sie sich von Konsul Cramer, vermutlich im Spätherbst 1915, für den deutschen Geheimdienst anwerben. Schon bald gerät sie ins Visier der britischen Kollegen. Die liefern den Franzosen Abschriften aufgefangener Funksprüche, die Mata Hari als deutsche Spionin verdächtig machen. Der französische Geheimdienst hatte sie ebenfalls als Agentin gewonnen, musste aber feststellen, dass sie vor allem Falschinformationen lieferte. Nach ihrer Verhaftung wird sie im Frauengefängnis Saint Lazare interniert.

Während der Verhöre behauptet sie, nur veraltete Informationen weitergeleitet zu haben. Vor Gericht erklärt sie zur Herkunft der 20  000 Francs dem Vorsitzenden des Militärtribunals: „Monsieur, das ist der Preis, den man mir als Mätresse zahlt. Keiner meiner Liebhaber hätte es gewagt, mir weniger zu bieten.“ In einem zweitägigen Geheimprozess wird sie am 25. Juli 1917 wegen Spionage und Hochverrats zum Tode verurteilt. Laut den Akten des MI5 hatte sie offenbar die Gefährlichkeit ihres Handelns für sich selbst stark unterschätzt.

Am 15. Oktober erfährt die 41-Jährige erst eine Stunde zuvor von ihrer Hinrichtung. Über den Ablauf existieren wirre Geschichten, die meisten wurden im Nachhinein erfunden. Fest steht, dass die Todeskandidatin vor dem zwölfköpfigen Exekutionskommando Augenbinde und Fesseln ablehnte. Dann aber soll sie angeblich dem Pfarrer einen Handkuss zugeworfen haben und sich mit ihren letzten Worten „Monsieur, ich danke Ihnen“ an den befehlshabenden Offizier gewandt haben.

Mata Haris Körper landete in der Pathologie der Medizinischen Fakultät der Pariser Universität Sorbonne. Ihr Kopf wurde ins Musee d’Anatomie Delmas-Orfila-Rouvière gebracht und präpariert. Ein Dokument aus dem Jahr 1918 bestätigt den Eingang. Aber schließlich verliert sich die Spur. Vermutlich wurde der mumifizierte Schädel 1954 entwendet, als das Museum in die Rue des Saint-Pères umzog. „Die Geschichte des gestohlenen Kopfes basiert weitgehend auf einer Mitteilung des französischen Professors Paul de Saint-Maur, der sich erinnern will, als junger Medizinstudent das Präparat eines rothaarigen Frauenkopfes in der Fakultät gesehen zu haben, das von jedem als ,Mata Haris Kopf‘ bezeichnet worden sei“, meint Prommersberger. Die Aussage ist widersprüchlich, denn Mata Hari war schwarzhaarig.

Neue Erkenntnisse?

Nach französischem Recht müssen Gerichtsakten zu Spionagefällen 100 Jahre unter Verschluss bleiben. Demnach wird die Akte Mata Hari im Juli 2017 vom Pariser Amtsgericht geöffnet werden. Historiker versprechen sich davon neue Erkenntnisse und hoffen, Spekulationen durch Tatsachen ersetzen zu können. Bereits 1936 stellte Friedrich Wencker-Wildberg in seinem Buch „Mata Hari. Roman ihres Lebens“ fest: „Unterzieht man die Schriften der letzten 20 Jahre über Mata Hari einer kritischen Untersuchung, so bleibt sehr viel Spreu und herzlich wenig Weizen übrig…“

Die bisher verlässlichsten Informationen stammen von dem niederländischen Autor Sam Waagenaar. Er interviewte Zeitzeugen und sichtete Originalunterlagen. 1963 veröffentlichte er eine erste Biografie, die 1976 in überarbeiteter Fassung erschien. Mata Haris Geschichte wurde mehr als ein Dutzend Mal verfilmt, bereits drei Jahre nach ihrem Tod mit Asta Nielsen sowie 1931 mit Greta Garbo in der Titelrolle. Die Figur diente auch als Musical- und Ballettvorlage, mehr als 200 Bücher beschäftigen sich mit ihrem Leben und ihrem tragischen Ende.

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erstellt am 21.Apr.2017 | 20:45 Uhr

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