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Gesundheit : Süße Droge Zucker

vom
Aus der Onlineredaktion

„Zucker ist der neue Tabak“, warnte die frühere Verbraucherschutzministerin Renate Künast. Knapp 90 Gramm verputzt ein deutscher Esser durchschnittlich pro Tag – mit oft schwerwiegenden Folgen für die Gesundheit. Schokolade, Bonbons und Kuchen sind dabei gar nicht das größte Problem, denn Zucker versteckt sich überall: vor allem in Getränken und Fertiggerichten.

svz.de von
erstellt am 18.Mär.2017 | 16:00 Uhr

Ein Tisch mit roten Johannisbeeren, ein Paket Zucker, das von oben auf die herben Früchte plumpst, und ein Pfarrer, der dankbar in den Himmel guckt. „Mit Zucker lacht das Leben“, lockte die Werbung in den 1990er Jahren dazu. Zucker war etwas fürs Gemüt. Inzwischen hat sich das Bild vom süßen Leben gewandelt. Wir konsumieren zu viel von dem weißen Stoff.

Karies, Übergewicht, Diabetes – so nachdrücklich Experten vor den Folgen warnen, so wenig ändert sich am Ernährungsverhalten zum Guten. Im Gegenteil: Die Zuckerfalle schnappt nicht in der Bonbontüte, sondern bei Getränken und Fertigprodukten zu.

Lecker soll es sein, gesund, klar, vor allem aber schnell: Der jüngste Ernährungsreport des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft zeigt, wohin der Hase läuft, wenn es ums tägliche Essen geht. 55 Prozent der Befragten legen Wert auf eine einfache und schnelle Zubereitung ihrer Mahlzeiten, satte zehn Prozent mehr als noch im Jahr zuvor. Frauen haben es mit 63 Prozent besonders eilig, Männern ist Geschwindigkeit zu 46 Prozent wichtig. Und Tempo in der Küche, das heißt immer häufiger auch: Fertigprodukte.

„Ich esse gern mal eine Tiefkühlpizza oder andere Fertigprodukte“, geben mit 41 Prozent der Befragten neun Prozent mehr an als ein Jahr zuvor zu. Die Lust am Selberkochen nimmt dagegen weiter ab. Täglich am Herd stehen nur noch 39 Prozent (2015: 41 Prozent). „Noch deutlicher ist der Rückgang bei denen zu spüren, die zwei- bis dreimal pro Woche zum Kochlöffel greifen (von 37 auf 33 Prozent)“, vermerkt die Publikation „Deutschland, wie es isst. Der BMEL-Ernährungsreport 2017“. Zeit ist ein kostbares Gut und auch in Familien eine knappe Ressource. Ob Zeitmangel allerdings mit dem Bedürfnis nach gesunder Ernährung zusammengehen kann, bezweifeln Experten.

Als Gesundheitsgefährder hat übermäßiger Zuckerkonsum dem übermäßigen Fettkonsum den Rang abgelaufen. Schokolade, Bonbons, Kuchen sind überall für wenig Geld zu haben – und dennoch nicht das größte Problem, denn Zucker versteckt sich überall. Im Ketchup, in Frühstücks-Cerealien, Dosensuppen, Fruchtjoghurts, Limos und auch in Tiefkühlpizza. Knapp 90 Gramm Zucker verputzt ein deutscher Esser durchschnittlich pro Tag und bringt es auf das Dreieinhalbfache dessen, was die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt. Die sichtbaren Folgen sind Übergewicht bei mehr als der Hälfte der deutschen Erwachsenen, die meist unsichtbaren Folgen sind die dadurch begünstigten Krankheiten.

Bekannt ist das Zuckerproblem seit langem, geradezu explodiert ist es aber mit der ursprünglichen Absicht, das als Krank- und Dickmacher unter Verdacht stehende Fett aus der Nahrung zu verbannen. Ein Schlagabtausch unter Wissenschaftlern begann und hatte Ende der 1970er Jahre zur Folge, dass Fett in Nahrungsmitteln reduziert, stattdessen aber zugunsten von Geschmack und Konsistenz Zucker beigemengt wurde.

Etliche sogenannte Light-Produkte rühmen sich heute noch für einen geringen Fett-Anteil und lassen den Zuckergehalt im Kleingedruckten verschwinden. Zucker leistet für den Geschmack und das Mundgefühl nicht nur die gleichen Dienste wie Fett, sondern sorgt ganz nebenbei für ein wohliges Gefühl beim Konsumenten. Das Gehirn nämlich reagiert auf Zucker ganz ähnlich wie auf Alkohol oder Drogen und schüttet den Glücksstoff Dopamin aus. Eine Art Belohnungssystem kommt in Gang, bei dem das eine Stückchen Schokolade, die Viertel Pizza, der halbe Becher Fruchtjoghurt nicht reicht, weil der Körper nach mehr schreit.

Dass da durchaus die Absicht der Hersteller dahinter steckt, war jüngst erst wieder in einem ZDF-Beitrag des Wissenschaftsjournalisten Harald Lesch zu besichtigen. „Bliss Point“ heißt die optimale Konzentration von Zucker (auch von Salz oder Fett), die den Kick auslöst und den Esser gefügig macht, bis die Tüte leer ist. Man streitet darüber, ob dieser wirkungsvolle weiße Stoff als Droge bezeichnet werden kann.

Was weniger bekannt ist, war bei Lesch zu später Fernsehstunde um 23 Uhr ebenfalls zu erfahren: Kalorien sind nicht gleich Kalorien, bei gleicher Kalorienzahl macht zuckerreiche Ernährung dicker und gefährdet die Gesundheit messbar stärker.

„Wir müssen im Dialog mit Wirtschaft, Verbrauchern und der Landwirtschaft gemeinsam daran arbeiten, dass Deutschland gut is(s)t“, gibt der Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Christian Schmidt, den Lesern des aktuellen Ernährungsreports mit auf den Weg. An strengere Kontrollen in Sachen Zuckerbeimengung, an eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke gar, wie sie Großbritannien vom kommenden Jahr an vorsieht, denkt Schmidt allerdings nicht, er setzt auf Überzeugungsarbeit und Aufklärung. Ein schwieriges Unterfangen, besonders, wenn der Zucker schon Hirne und Geschmacksnerven vernebelt und das Ess- und Trinkverhalten fundamental verändert hat. Zum Beispiel mit reinen Fruchtsäften, die ganz zu Unrecht den guten Ruf genießen, flüssiges Obst zu sein und ratzfatz mit drei, vier Äpfeln die empfohlene Zucker-Tageshöchstgrenze in ein Glas pressen. Ballaststoffe, die das Obst wertvoll und sättigend machen, landen dabei in der Biotonne.


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