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„Schwarzer Kanal“ aktuell wie nie : „Sudel-Edes“ Agit-Prop-TV nun auf DVD

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Vom Klassen- zum (streit-)Kultur-Kampf: Karl-Eduard von Schnitzlers „Schwarzer Kanal“ war die berüchtigtste Sendung des DDR-Fernsehens. Sein Kampf gegen die westliche Lügenpresse hat bemerkenswerte Parallelen zum Heute

svz.de von
erstellt am 24.Feb.2017 | 21:00 Uhr

Ja, im „Schwarzen Kanal“ gab’s auch mal Plattenkritik, so wie 1971, als Karl-Eduard von Schnitzler Udo Jürgens’ Lied „Liebvaterland“ vorspielte: „Lieb Vaterland, wofür soll ich dir danken / für die Versicherungspaläste oder die Banken / Konzerne dürfen maßlos sich entfalten / im Dunkeln stehen die Schwachen und die Alten“. Dazu der Kommentar: „Ich finde es objektiv gut, dass Jürgens singt: ’Ich kann dich nicht aus heißem Herzen lieben’.“ Doch dann fragt er sich, was die Zeilen sollten, die BRD hätte „nach bösen Stunden aus dunkler Tiefe einen neuen Weg gefunden“? Als ob sie nicht der Staat sei, „der lebens-, friedens- und jugendfeindlich ist, beteiligt an jeder Schweinerei in der Welt“ und im Inneren faul, von der Abgeordnetenbestechung bis Bild und Strauß. „Nichts da Lieb Vaterland! Ich begrüße, dass Udo Jürgens so was singt und es enthält viele Teilwahrheiten, die den Bundesbürgern von ’Bild’ vorenthalten werden. Nur sollten Teilwahrheiten nicht dazu dienen, von der ganzen Wahrheit abzulenken.“

Vorzeigejournalist der SED

Ein typischer Schnitzer, dem unangefochtenen DDR-Meister der Halbwahrheiten. Der Mann war freilich kein Dummer, im Gegenteil: Ein Hochintelligenter und mit einem glaubhaft antifaschistischen Gewissen, zu dem ihn die eigene adlige Berliner Sippschaft getrieben hatte. Zu seinen Vettern gehörten ein Steigbügelhalter von Hitler sowie ein Manager des Giftgas-Zulieferers für die Konzentrationslager. Der junge Schnitzler wendete sich früh den Kommunisten zu, nahm als Soldat im Krieg Kontakte zur französischen Résistance auf und arbeitete in der britischen Gefangenschaft als Antinazi-Propagandist bei der BBC. Nach Kriegsende wurde er Kommentator beim Rundfunk in der britischen Besatzungszone und stellvertretender Intendant des NWDR in Köln, wo man ihn wegen allzu rotgefärbter Kommentare entließ. Er ging nach Ostberlin, wo er rasch Chefkommentator des DDR-Fernsehens wurde und im März 1961 erstmals „Der Schwarze Kanal“ moderierte.

Kübelweise Kapitalismus-Kritik

Mit dem gedachte er die von den Westmedien auf den Kopf gestellte Wahrheit wieder auf die Füße zu stellen, wie er seinen persönlichen Programmauftrag beschrieb. Heute würde er vielleicht sagen, er widmete sich ganz der Entlarvung der westlichen Lügenpresse bei ihrer Berichterstattung über DDR und BRD. Scharfzüngig und mit unerschütterlichem „Klassenstandpunkt“ kommentierte Schnitzler O-Töne von Adenauer und Strauß, Westkritik am Mauerbau, das Dutschke-Attentat, Berichte von DDR-Korrespondenten, Sozialreportagen oder eben auch Udo Jürgens-Lieder. Im Stil anprangernd, im Tonfall harsch („Lügner, Hetzer, Dummdreistredner“). Als Scharfmacher und Zyniker machte er seine zwanzigminütige One-Man-Show zur legendärsten Sendung des DDR-Fernsehens neben dem Sandmännchen – und zu dessen Gegenstück in punkto Beliebtheit. Der Montagabendgruß des monologisierenden Echt-Bartträgers bekam sogar seinen eigenen Witz: Ein „Schnitz“ war der Teil einer Sekunde, den man nach Schnitzlers Anblick auf dem Bildschirm zum Umschalten brauchte. Auch wohlmeinende DDR-Bürger taten sich „Sudel-Edes“ Agit-Prop nicht an.

Insofern stellt sich die Frage, warum der nun auf sechs DVDs erschienen ist. Um den Freunden schrägen Humors oder gar den alten und neuen Gegnern des BRD-Systems ein Weihnachtspräsent zu bieten und damit Kasse zu machen? (Wenn’s klappt, könnte das ZDF eine Box mit dem „ZDF-Magazin“ des Schnitzler-Gegenspielers Gerhard Löwenthal veröffentlichen.) Offiziell wird es als Lehrstück verkauft: So funktionierte die DDR-Politpropaganda zu Zeiten des Kalten Krieges.

Die Rückschau ist durchaus interessant. Weniger wegen der selbstherrlichen, staubtrockenen Politschulungsrethorik, sondern wegen der Parallelen, die man unwillkürlich zum Heute zieht, wo Stimmungsmache Hochkonjunktur hat und zunehmend nur jene Fakten zählen, die dem eigenen Weltbild entsprechen. Auch Schnitzler hatte nur das aus dem Westfernsehen gekramt, was als Beleg für die „Menschenmarktwirtschaft“ taugte: Drogentote, Arbeitsplatzunsicherheit, Wohnungsnot, die übrigens 1989 zu fast gleichlautenden Unmutsäußerungen von Bundesbürgern gegen die DDR-Flüchtlinge führten wie heute gegen die Kriegsflüchtlinge. Was Schnitzler genüsslich aus BRD-Politmagazinen zitierte. Wahrscheinlich stimmt sogar seine Behauptung, dass ihm „keine Fälschung“ nachzuweisen gewesen sei. Warum seine „wahrheitsgemäße Polemik“ trotzdem nicht verfing, hatte einfache Gründe, die – im typischen Schnitzer-Stil aufgeführt – wären: Erstens, kein Fernsehpublikum der Welt mag Politschulung im Abendprogramm. Zweitens, Schnitzler war ein Hundertfünzigprozentiger ohne Hang zur Selbstkritik an der DDR und mit wenig Bereitschaft, auch die gesellschaftlichen Umschwünge in der Aufarbeitung der Nazivergangenheit oder den Ausbau des Sozialsystems „drüben“ zur Kenntnis zu nehmen.

Legende vom Arbeiterparadies

Drittens, seine BRD-Kritik perlte schon deshalb an vielen DDR-Bürgern ab, weil die immer den Vergleich zur eigenen Lage suchten und da schnitt die DDR beim Lebensstandard schlecht ab. So erschien Schnitzers Lobhudelung der DDR als Menschenparadies („dynamisch, stabil und unumkehrbar sozialistisch“) wie ein Hohn. Viertens, aber nicht zuletzt: Der Mann war ein klassischer Bonze, dessen Frau in Westberlin einkaufen durfte und dort auch noch beim Klauen erwischt wurde. Nachdem Schnitzler bis ins Wendejahr 1989 ideologische Standhaftigkeit bewies und DDR-Flüchtige und Oppositionelle als westgesteuert verunglimpfte, schlug sein letztes Vierminütlein im DDR-Fernsehen kurz vorm Mauerfall. „Nicht dass ich etwas zu bereuen hätte“, verkündete er trotzig und im Glauben, alles richtig gemacht zu haben. Stur verkennend, dass er der „guten Sache“ DDR und ihrem Ansehen bei den eigenen Bürgern mehr Schaden zugefügt hatte, als es jeder „ideologisch-subversive Angriff“ des Klassenfeindes gekonnt hätte. In der erweiterten Bundesrepublik schrieb er dann noch die Kolumne „Der rote Kanal“ für die „Titanic“. Sich als Witzfigur an ein westdeutsches Satireblatt verkauft zu haben, ist eine schöne Pointe seines Lebens, das 2001 friedlich endete.

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