Strandbad-Streit in Italien : Stress im Sand

Wer nicht bezahlen will, sieht den Strand nur durch Gitter.
Foto:
Wer nicht bezahlen will, sieht den Strand nur durch Gitter.

Baden im Meer – das kann in Italien teuer werden: Der ewige Strandbad-Streit

svz.de von
13. August 2016, 09:00 Uhr

Hier muss es sein: das Meer. Zu sehen ist es nicht. Betonmauern und Zäune versperren in vielen Badeorten Italiens die Sicht auf das ersehnte Nass. Badeanstalt reiht sich an Badeanstalt. Wer sich hier unter den Sonnenschirm legen will, muss zahlen.

An den offenen Stränden tobt ein Handtuch-Krieg um die besten Plätze: Die Küstenwache beschlagnahmt dort gnadenlos zur Reservierung ausgelegte Handtücher und Liegen. Für seinen „regulären“ Platz muss der Badegast also in die Tasche greifen.

Für einen Sonnenschirm mit zwei Liegen blättert man in einer Badeanstalt um die 25 Euro hin, es können auch mal 50 Euro sein. Die Pächter dagegen entrichten relativ geringe Beträge an den Staat, laut Berichten 50 Cent monatlich pro Quadratmeter. Dicht an dicht haben sie Hunderte Schirme in den Sand gerammt. Eine Konzession zum Gelddrucken. Rund 30    000 Badeanstalten gibt es in Italien, Tendenz steigend. Nach einem jüngsten Bericht sind von untersuchten 1800 Kilometern Küste mehr als 55 Prozent verbaut. Irreversibel sei Natur zerstört worden.

In Ostia, dem Strandbad, der als unregierbar geltenden Hauptstadt Rom, blühten Schwarzbau und Erpressung, Bestechung und Korruption. Immer wieder berichteten Zeitungen über Razzien und Beschlagnahmungen in mehrstelliger Millionenhöhe. Es gab Schießereien verfeindeter Familien, die um die Macht buhlen – auch um das Geschäft am Strand.

Vor einem Jahr wurde die Verwaltung des zu Rom gehörigen Vororts aufgelöst und einem Kommissar unterstellt. Die Polizei griff durch. Strandbäder wurden geschlossen, die Betreiber mussten Strafen zahlen. Jetzt kommt auch noch eine Entscheidung des Gerichtshofs der Europäischen Union (EuGH) von Mitte Juli hinzu. Demnach ist die italienische Vergabepraxis für Strandbad-Konzessionen unrechtmäßig. Die Konzessionen wurden bisher einfach automatisch verlängert. Die Genehmigungen müssten aber regelmäßig ausgeschrieben werden – europaweit.

Die Strandbadbetreiber sind sauer. Schließlich hätten sie gehörig investiert. Am Ende übernähmen das ureigne italienische Geschäft Norweger, Franzosen oder gar Chinesen, die in Italien längst viele Läden betreiben und Fußballclubs und Reifenhersteller kaufen.

Nicht zum ersten Mal gibt es Stress am Strand. Oft wurde im Strandbad auch derjenige abkassiert, der nur ans Meer wollte – ohne Sonnenschirm und Liege. Dabei ist der freie Zugang zum Wasser wenigstens auf einem schmalen Streifen gesetzlich festgeschrieben. In Ostia kontrolliert die Polizei das inzwischen streng.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen