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Medikamente : Streit um Verbot von Internet-Apotheken

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Das EuGH-Urteil gegen die Preisbindung hat Deutschlands Apotheker geschockt. Gesundheitsminister Gröhe will helfen, doch das geplante Verbot des Versandhandels ist umstritten - auch in der Koalition.

Apotheken-Bestandsschutz auf Kosten chronisch Kranker? Oder notwendiger Eingriff zur Sicherung wohnortnaher Medikamentenversorgung?
Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) treibt mit Hochdruck ein Verbot des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Medikamenten voran, arbeitet an einem Gesetzentwurf, der Internet-Apotheken ins Abseits stellen würde. Doch mit seinem Vorstoß riskiert Gröhe Zoff mit dem Koalitionspartner. Bei der SPD hält man ein Verbot für einen Irrweg. Auch die Krankenkassen laufen Sturm, setzen sie doch auf Kostensenkungen. Hoffnung in den Plan des Ministers setzen hingegen die 20 000 Apotheker. Denn sie sehen sich durch die Discount-Konkurrenz aus dem Netz akut bedroht.

Grund für den Wirbel ist ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) aus der vergangenen Woche: Demnach erhalten Versandapotheken aus dem EU-Ausland das Recht, verschreibungspflichtige Pillen und Tropfen mit Rabatten in Deutschland an den Patienten zu bringen. Ein Schock für Deutschlands niedergelassene Apotheker: Für sie gilt eine Preisbindung, sie müssen die Arzneien also auch weiterhin teurer verkaufen. Über einen „nicht nachvollziehbaren und völlig ungerechtfertigten Wettbewerbsvorteil“ schimpfte gestern Friedemann Schmidt, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). Ohne rasches Eingreifen der Politik könnten Versorgungsapotheken unter Druck geraten. Die Gefahr sieht wohl auch
Gröhe: Nur durch ein Versandhandelsverbot könne die notwendige Qualität und Sicherheit einer flächendeckenden Versorgung mit Arzneimitteln erreicht werden, begründet sein Haus den Tempovorstoß.

Genau das Gegenteil sei richtig, meint dagegen SPD-Vizefraktionschef und Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Gerade für chronisch kranke Menschen in strukturschwachen Gebieten wäre es „unzumutbar“, sie von dem einfachen Weg abzuschneiden, sich online versorgen zu lassen.

Europas größte Versandapotheke DocMorris geht noch weiter: Sie hatte das EuGH-Urteil angestrengt, sich so Zugang zum deutschen Markt erstritten. Sollte der jetzt von Gröhe wieder kassiert werden, wäre das verfassungswidrig, sagte DocMorris-Chef Olaf Heinrich, und fuhr fort: „Ich hätte mir gewünscht, dass sich Herr Minister Gröhe darüber freut, dass mit dem Ende der Preisbindung für Medikamente auf Rezept der Kumpel im Ruhrgebiet und die Rentnerin in der Eifel entlastet werden.“

Längst steht die Internet-Apotheke in den Startlöchern für den deutschen Markt, will mit hiesigen Krankenkassen, die rund 20 Millionen Mitglieder repräsentieren, in Kürze Rabatt-Verträge abschließen. Das mögliche Einsparvolumen wird auf mehrere hundert Millionen Euro pro Jahr beziffert. 
 

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erstellt am 28.Okt.2016 | 21:00 Uhr

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