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Ein Besuch bei den Wellenkönigen : Strand, Meer und Marihuana

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Das ganze Jahr sind die besten Surfer der Welt an den malerischsten Stränden unterwegs – doch es gibt auch Schattenseiten.

Kurz nach Sonnenaufgang nippen die Surf-Fans an der französischen Atlantikküste lässig am ersten Bier, der süßlich-herbe Duft von Marihuana ist schon morgens allgegenwärtig. Dann kommt Kelly Slater – und mit einem Mal weicht die Leichtigkeit dem totalen Chaos am malerischen Strand Culs Nus. Hastig marschiert der US-Superstar in Richtung Ozean, dennoch bedrängen ihn binnen Sekunden hunderte Anhänger, halten Handys und Kameras hoch, brüllen frenetisch „We love you, Kelly!“ Ein einziger Sicherheitsmensch – Glatze, von oben bis unten tätowiert, Typ Vorzeige-Bodybuilder – schirmt den Rekordweltmeister irgendwie von der Menge ab, bis Slater sich auf sein Brett schmeißt und ins Wasser abtaucht.

Er ist, das kann man so sagen, ein formvollendeter Sportstar. In Amerika kennt fast jeder den Namen des besten Wellenreiters der Geschichte – Slater wird in seiner Heimat in einem Atemzug genannt mit anderen Sportgrößen wie Michael Jordan oder Pete Sampras. Surfen ist an den US-Küsten Volkssport – und Slater dank seiner elf WM-Titel die Ikone von Millionen.

Abseits Frankreichs fehlt in weiten Teilen Europas nur deshalb die Aufmerksamkeit, weil Surfen in einer Nische steckt. So wie in Deutschland: Schon seit 2009 wartet der Deutsche Wellenreit Verband (DWV) vergeblich auf einen Impulsgeber, nachdem in Marlon Lipke der bis dato einzige Profitour-Starter nach nur einem Jahr wieder aus der ersten Liga abgestiegen ist.

Wellenreiten – das war schon immer mehr ein Ding von Amerikanern, Australiern, Brasilianern. Alles Länder, in denen die Strände weit und die Wellen hoch sind. Frankreich kann dank seiner Küstenstreifen so gesehen zumindest in Teilen mithalten und hat auch deshalb seinen festen Platz im Kalender der World Surf League (WSL). Im Département Landes ganz im Südwesten steigt zurzeit der drittletzte Weltmeisterschafts-Stopp der diesjährigen Saison. Jeden Tag kurz nach Sonnenaufgang pilgern tausende Zuschauer ans Meer, stellen ihre Campingstühle auf, rollen ihre Badehandtücher aus, holen Chips, Bier, Sekt und Kippen aus den Taschen, genießen die Sonne und beobachten die Surfer-Elite bei der Suche nach der perfekten Welle.

Auch ein sanfter Marihuana-Geruch in der Luft gehört bei Surf-Events seit Jahrzehnten fest dazu. Das Wellenreiten galt schon immer als maximal alternativ, als Aussteigersport voller rebellischer Männer, für die Freiheit und Ungezwungenheit alles bedeutet. Joints, Wasserpfeifen und Aufputschmittel sind für viele Ausdruck dieses besonderen Lifestyles. Der Drogenkonsum selbst im Profilager ist schockierend. Erst der Tod des dreifachen Weltmeisters Andy Irons 2010 veranlasste die Funktionäre der Profisurfer-Organisation ASP dazu, Kontrollen einzuführen. „Es ist ein großes Problem, dass unser Sport vor allem immer mit Drogen in Zusammenhang gebracht wird“, sagt DWV-Vizepräsident Philipp Kuretzky.

Die Szenerie in Soorts-Hossegor hat etwas von Autokino aus der hintersten Reihe, wenn der Ton zu leise und das Bild zu klein ist. Strand und die Surfer im Meer trennen meist mehrere hundert Meter, eine Großbildleinwand existiert nicht. Wer alles im Detail verfolgen will, muss Fernglas oder Kamera samt Teleobjektiv mitbringen. Und lange warten. Je nach Wetterlage dauert ein Duell 25 Minuten, manchmal länger. Die meiste Zeit lauern Slater & Co. nur im Wasser.

Sie müssen das Meer lesen lernen und zielsicher entscheiden, in welche Welle sie sich stürzen sollen, und welche sie auslassen. Den Zuschauern bleibt viel Freizeit. „Wir machen jetzt mal eine ganz kleine 25-minütige Pause. Genießen Sie doch einfach den wundervollen Sonnenuntergang!“, brüllt der Moderator den Fans am Strand zu. Obwohl es da erst Nachmittag ist. Hippe Beats als musikalische Untermalung, sonst vor allem bei amerikanisch-geprägten Sportarten meist Standard, gibt es nicht. Vielleicht auch, weil das Freiheitsgefühl mit Blick auf den Ozean schon groß genug ist. Dennoch: „Surfen hat den Nachteil, dass zwischendurch oft gar nichts passiert“, meint Kuretzky.

Die Biografie des Ehrenamtlers aus Köln ist typisch für einen, der Basisarbeit für diesen Sport betreibt. Der Vater brachte ihm in Frankreich das Surfen bei, Kuretzky blieb begeistert bei der Sache, stieg ständig aufs Brett, inzwischen engagiert er sich seit vielen Jahren im Verband, und das quasi nebenbei. Finanziell bringt ihm das gar nichts. „Da springt kein Cent Geld heraus“, sagt der 27-Jährige, der Sport und Sozialwissenschaften studiert. „Man braucht Enthusiasmus und muss Geld investieren, um die großen Strecken auf sich nehmen zu können.“ Richtig gutes Geld verdienen nur die Besten in der World Surf League.

Der WM-Gesamtführende Mick Fanning aus Australien hat allein in dieser Saison schon mehr als 290 000 Euro an Preisgeldern eingesackt. Hinzu kommen üppige Sponsorenverträge, die nahezu alle Stars der Szene abgeschlossen haben. Slater hat wie andere Mehrfach-Weltmeister Abermillionen verdient und sich längst auch in der freien Wirtschaft Standbeine aufgebaut. 43 ist Slater schon, ein alter Mann in dieser Surf-Welt. Jahrzehntelang dominierte er die Szene fast alleine, aber allmählich bekommt er sein Alter zu spüren, überall am Körper zwickts. Bestes Saisonresultat: ein dritter Platz.

Man kann sagen, dass Slater den richtigen Moment verpasst hat, um abzutreten. Denn eigentlich ist er einer, der schon alles hinter sich hat. Trotzdem will er weiter kein Karriereende benennen. „Surfen ist mein Leben, ich liebe es immer noch“, sagt er. Slater ist ein Freigeist durch und durch, immer hinterlässt er den Eindruck, als sei er nur auf Zwischenhalt. Ein Erlebnissüchtiger, ein unbändiger Immer-weiter-Mensch. Mit Ausnahme einer kleinen Karrierepause bestimmt die Surfer-Tour seit mehr als 20 Jahren seinen Alltag. Slater behauptet: „Ich habe ein tolles Leben. Aber manchmal denke ich, dass ein einfacheres Leben leichter für mich wäre, um ehrlich zu sein.“

In der Profiszene ist Slater ein Held, für viele der dominanteste Athlet, den es je irgendwo gegeben hat. „Einer der Besten unserer Zeit, ein echter Superstar“, sagt sein Landsmann Kolohe Andino, der ihn in Frankreich früh schon in Runde drei aus dem Contest wirft. Kurz darauf steht Slater mit grauer Mütze, schwarzem Shirt und grauer Jogginghose vor der Athletenbox, die so unkonventionell aussieht wie die Empfangslounge einer Start-up-Firma aus dem Silicon Valley.

Der Amerikaner nimmt sich viel Zeit – und philosophiert über Ausnahmefiguren wie Erfinder Nikola Tesla und Schriftsteller Mark Twain, „zwei inspirierende Menschen“. Was er damit auch sagen will: Dass es viele gibt, die deutlich mehr erreicht haben als er.

Dabei ist Slaters Geschichte Hollywood-reif, voller Höhepunkte und Schicksalsschläge. Der Vater starb früh an Krebs, sein Freund Irons mit nur 32 Jahren an den Folgen eines Herzinfarktes. Bei der Obduktion des Weltklasse-Surfers vor fünf Jahren stellten die Ärzte Spuren eines hoch giftigen Cocktails mit Methadon und Kokain fest – nicht nur für Slater, der sich gegen Drogen ausspricht, ein Schock.

Auf der anderen Seite stehen Slaters Rekorde, die vielen WM-Titel, der erste 1992, der bis dato letzte 2011. Als Jimmy Slade spielte er Anfang der Neunziger gar in mehreren „Baywatch“-Folgen mit. Jener weltberühmten US-Serie also, die wie keine andere die scheinbare Vollkommenheit an der kalifornischen Küste darzustellen versuchte. Mit den Darstellern wurden Attribute wie Lebenslust und Tatendrang bis hin zum Draufgängertum assoziiert.

Aber eben ohne Drogen, an denen viele Wellenreiter auf ihrem Weg in eine Illusion von Glück festhalten. Als größtes Problem gelten in der Szene nicht mal leistungssteigernde Mittel, sondern Freizeitdrogen, die auch unter den Profis beliebt sind. Das sei „eindeutig ein Problem“, klagte Slater zuletzt, „das ist weit verbreitet.“

Die ASP verteidigt ihre seit 2012 zumindest auf dem Papier verschärfte Anti-Drogen-Politik immer wieder, sie gelte uneingeschränkt. Der Eindruck, die Profiorganisation wolle mit ihren öffentlichen Bekenntnissen ein bisschen auch den Schein wahren, bleibt dennoch. „Im Prinzip ist die ASP ein Konzern“, sagt Kuretzky. Und Konzerne wollen vor allem: Geld machen.

In Tokio 2020 könnte Surfen sogar zum olympischen Programm gehören, wenn das Internationale Olympische Komitee kommenden Sommer Ja sagt. Als Wettkampfstätte ist allerdings nicht die freie Natur, sondern ein Wave Pool im Gespräch – ein großer Bottich mit Wasser und Wellenantrieb. So gefährlich wie manches Mal in der Natur wird es dann nicht. So wurde im Juli der Australier Fanning beim WM-Contest in Südafrika von einem Hai attackiert - zum ersten Mal in der Geschichte der Profisurfer. Auch so eine Geschichte wie für Hollywood gemacht.

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