Lebende Statuen : Stillgestanden!

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Sie sind aus keinem Stadtbild mehr wegzudenken: Straßenkünstler, die wie eingefroren in einer Position verharren und sich als historische Persönlichkeit, Märchenfigur oder Fantasie-Gestalt ausgeben.

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20. September 2015, 08:00 Uhr

Bei den „World Living Statues“ in Arnheim üben sich die Besten ihres Fachs in der Kunst des Stillstands. Auch der Berliner Aktionskünstler John Eicke: Er ist der bislang Einzige, der zweimal zum Weltmeister gekürt wurde. 

Je kälter der Blick, desto heißer der Typ: Maschinenhaft und im knallroten Lackanzug bewegt sich der Roboter-Mensch stumm mit steifem Oberkörper vorwärts. Er tätschelt Haare, wirft Kusshände. Jede seiner Bewegungen wirkt wie von außen gesteuert. Auf seiner blitzblank polierten Glatze thront ein rotweiß kariertes Mützchen, rotweiße Kontaktlinsen verdecken die Augäpfel. Kinder lachen, ziehen Grimassen. Ein deutscher Senior staunt, schüttelt den Kopf: „Was heute nicht alles möglich ist!“

Mailand, im August auf der Expo: Der „CANDYMan“ ist da, der Weltmeister der „Living Statues“ von 2010! Dreimal täglich für jeweils 30 Minuten verteilt der mechanisch agierende Hüne vor dem deutschen Pavillon Lollies an die Besucher. „Besonders die Kinder fahren drauf ab!“ freut sich der umjubelte Süßwarenverteiler, als er sich in der Pause aus seinem Anzug pellt und als John Eicke in die Realwelt zurückkehrt.

John Eicke steht und steht. Stehen ist sein Beruf, seit mehr als einem Vierteljahrhundert. „Das ist physisch sehr anstrengend.“ Der 50 Jahre alte Berliner gehört zu den „Living-Doll“-Darstellern der ersten Stunde und hat diese Kunstrichtung in Deutschland entscheidend mitgeprägt. Er wird von Messe- und Sportveranstaltern, für Firmenjubiläen und Festivals engagiert. Als lebende Leinwand „Blanko“ hatte Eicke 2013 seinen zweiten WM-Titel gefeiert, was noch keinem vor ihm gelang. Sakko, Hose, Ohren, Hals – von der Glatze bis zu den Sneakern strahlte alles an ihm in reinem Weiß. Der spätere Sieger hockte auf einem Stuhl, vor ihm diverse Pinsel und Farbeimer. „Die Leute sollten mich nach ihren eigenen Vorstellungen anmalen.“ Die farbige Performance entlud sich zum Happening und endete im Triumph. „Es entstand ein Kunstwerk, wie es der Action-Painter Jackson Pollock nicht phantasievoller hätte gestalten können“, befand die Jury. Jetzt könnte sich Eicke in seinem „Wohnzimmer“ ein Denkmal setzen: zum dritten Mal Weltmeister werden bei der WM der lebenden Statuen in Arnheim am 27. September. Doch der Steher von der Havel gibt sich bescheiden: „Weil ich zweimal gewonnen habe, bin ich nicht gleich der Beste der Welt!“

Seit elf Jahren lädt die 150000-Einwohner-Stadt Arnheim zur Weltmeisterschaft der lebenden Statuen ein. 300 der allerbesten Stillsteher aus drei Dutzend Ländern, darunter viele nationale Titelträger, verteilen sich am letzten Herbstwochenende auf den Straßen der Altstadt. Alle 50 Meter steht ein Podest mit einer Figur. „Um die 350000 Besucher“, so Festival-Sprecherin Karin Terwisse, werden sich durch die Gassen schieben, vorbei an roten Klinkerbauten, bunt lackierten Haustüren, Boutiquen, Pommesbuden und Pralinengeschäften.

Bis vor einigen Jahren war es noch gang und gäbe, klassische Figuren wie Beethoven, Shakespeare oder Wilhelm von Oranien zu imitieren, sagt Karin Terwisse. „Viele gaben den Dichter und Denker, Fürsten und Feldherrn.“ Inzwischen hätten sich viele Künstler von dem Klischee entfernt. Künstliche Wesen, aber auch Fantasiegestalten erwachten in den letzten drei Jahren zum Leben. Goldene Barock-Menschen mit schnabelartigen Pest-Masken, bronzene Musketiere, Seemänner und Stierkämpfer. Manche setzten auf Mini-Dramen: Die niederländische Meisterin Yvon Hollander baumelte, eingeschnürt im engen Mieder und scheinbar nur von einem Kleiderbügel gehalten, an einer Straßenlaterne. Über ihr zartes Gesicht glitt die ganze Gefühlswelt von Freude bis Verzweiflung. Eine andere Künstlerin gab den „lebenden Ast“. Den ganzen Körper mit Moos, Blättern und Gräsern bedeckt, die Augen von Efeu verhüllt, verschmolz sie mit einem Baum zu einer Pflanze.

Artisten aus aller Welt – sie müssen mindesten 17 Jahre alt sein – träumen von einem Start beim weltweit größten Festival dieser Art. Hunderte Einschreibungen hat das Festival-Komitee empfangen. Von Afrika bis Australien, von China bis Amerika. Mit Fotos und Filmen buhlen die Straßenkünstler um die begehrten Plätze. Auch Kinder und Amateure stellen sich in eigenen Konkurrenzen zur Schau. Wenigen widerfährt das Glück, in Arnheim stillstehen zu dürfen. „Nur wer die strenge Vorauswahl überstanden hat, kann um den Titel kämpfen“, sagt Routinier Eicke.

Die Jury benotet die lebenden Statuen nach vier Kriterien: Originalität, handwerkliches Können, Unterhaltungswert und Ästhetik. Motive aus der Werbung, mit politischen und religiösen Inhalten sind verboten. Dem Sieger winkt viel Ehr, aber wenig Geld: ganze 2000 Euro bei den Profis. Amateure müssen sich mit 500 Euro begnügen. Dabei sein ist alles.

Bevor Eicke zur lebenden Statue erstarrte, versuchte sich der gelernte Stahlschiffbauer in der DDR in den verschiedensten künstlerischen Disziplinen, u. a. als Assistent bei einem Zauberkünstler und nach der Wende bei einer freien Theatergruppe in Berlin-Weißensee. Irgendwann hieß es: „Es gibt da was Neues aus den USA! Da ziehen sich Leute komisch an. Die schminken sich, stehen still und tun so, als wären sie nicht echt.“
Die Idee lässt den Sohn einer Krankenpflegerin nicht mehr los: 1992 erhält Eicke seinen ersten Gedulds-Job. Für eine Konditorei mimt er auf einer Messe einen lebenden „stummen Diener“ mit Gebäck auf dem silbernen Tablett.

Seine Requisiten näht Eicke selbst. Nachts, beim Autofahren, kommen ihm die Ideen. Mal „leant“ er wie Michael Jackson im 45-Grad-Winkel mit festgenageltem Schuhwerk schräg nach vorne. Mal befreit er sich als Stein gewordene Büste aus dem Marmor-Sockel. Straßenkunst sei in Deutschland nicht so anerkannt wie in anderen Ländern, bedauert der WM-Favorit. Die meisten machten das nur nebenbei. „Kann man davon leben?“ hat ihn seine Großmutter mal gefragt. „Man kann gut“, sagt Eicke, „aber reich wird man davon nicht.“

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