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Streitbar - Starkult : Stars als moderne Götter

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Menschen sehnen sich nach Idolen, aber ob Sportler oder Musiker wirklich als neue Heilsbringer taugen?

svz.de von
erstellt am 21.Sep.2014 | 08:45 Uhr

Oh Gott! Oder doch eher so? Oh Gott? Gespräche mit Kirchenmusikern können erhellend sein. Ein geflügeltes Wort unter ihnen geht so: „Nicht alle von uns glauben an Gott, aber alle von uns glauben an Bach.“ So wird der größte aller Musiker zum Sinn allen Seins. Der Mann war offenbar mindestens ein Prophet. Johann Sebastian Bachs Musik ist der Gottesbeweis. In einer Modulation oder einer Fermate können sich auf einmal alle Geheimnisse der Welt offenbaren. Pianisten schwärmen, dass sich in Bachs Werken die Bewegungen der Finger wie von selbst fügen. Die Klaviatur wird zum Werkzeug der Schöpfung. Der Mann war offenbar geküsst vom Allmächtigen. Schauen Sie sich die Ergriffenheit von Konzertbesuchern an, die „Kommt Ihr Töchter, helft mir klagen“ hören, den Auftakt der Matthäuspassion.


Der fünfte Evangelist

Aber ein Star war Bach zu Lebzeiten nicht. Die ewige Gültigkeit und das Überragende des gewaltigen Schaffens des „Fünften Evangelisten“, zu dem Albert Schweitzer Bach ernannte, erschloss sich erst im Laufe der Jahrhunderte, bis irgendwann der französische Komponist Claude Debussy von Bach als dem „Lieben Gott der Musik“ sprach. Heute versammeln sich in seinem Namen Musiknerds aus aller Welt zu mehrtägigen Musikfesten. Es sind Gläubige, Jünger, von Bach Erleuchtete. Der Diener Gottes, als der sich der Leipziger Thomaskantor verstand, ist schließlich selbst zum Angebeteten geworden.

Denn wer Gott ist, entscheidet nicht Gott, es entscheidet auch keine Kirche mehr. Wir machen uns Gott. Wir erkennen und ernennen Gott. Da kann noch so oft dekretiert werden, dass wir uns kein Bild von ihm machen dürfen.

Mitte Juli inkarnierte in Rio de Janeiro eine weitere Gottheit, die nun mit der Last umgehen muss, noch zu Lebzeiten als solche erkannt zu werden. Bastian Schweinsteiger ist jetzt Fußballgott. Sein Spiel im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft gegen Argentinien war ein Martyrium.


Fußball-Martyrium

Wieder und wieder wurde er brutal gefoult und niedergeknüppelt. Wieder und wieder erhob sich Schweinsteiger. Mit jeder Minute wurde der Mittelfeldstratege erhabener. Nachdem Agüero mit seinem Ellenbogen Schweinsteigers Gesicht blutig schlug, verlangte der Geschundene und Geplagte nicht beim Schiedsrichter nach Sühne und Gerechtigkeit, er stellte sie selbst her. Es war der pure Wille, der Schweinsteiger auf den Beinen hielt und den Sieg seines Teams brachte. Damals glaubten Fußballfans in aller Welt, es schwebe jemand über dem Rasen des Estádio do Maracanã; so wie einst andere glaubten erkannt zu haben, dass da einer über das Wasser des See Genezareth läuft.

Nun könnte man sagen, seit immer mehr Leute nicht mehr an diesen einen abrahamitischen Gott glauben, auf den sich Juden, Christen und Muslime geeinigt haben, glauben sie an beinahe alles und dass das eine ziemlich schreckliche Entwicklung sei. Das ist aber zu kurz gesprungen. Wenn professionelle Gottesbedienstete und ihre stetig abnehmende Kundschaft in den Kirchen davor warnen, dass Stars und Sternchen, dass Sportler, Musiker, echte oder vermeintliche Spitzenköche angebetet werden, sollten sie sich mal ansehen, wofür sie ihre eigenen Gottheiten verehren. Show – wie in der Episode des Jesus, der über das Wasser des See Genezareth lief.

Die Heiligen Schriften sind Kompendien spannender Geschichten, die eigentlich nur etwas aktualisiert und dramaturgisch modernisiert werden müssten, um zeitgenössisch aufgeführt werden zu können. Schön dämlich, dass Kirchens & Co. das nicht hinbekommen und partout an ihren altertümlichen Schriften festhalten wollen. So haben einfach andere Sakramente und Riten den Einzug in unseren Alltag genommen. Wochenende für Wochenende machen sich Hunderttausende auf den Weg in die Fußballstadien der Republik. Dort wartet viel mehr als nur ein Fußballspiel auf sie. Was die Kantaten in den kirchlichen Gesangbüchern sind, sind die Fangesänge der Ultras. Fußballgötter werden angebetet wie die Heiligen der theologischen Schriften. Jede Bundesligapartie ist ein Gottesdienst.


Fehlende Dimension

Einen Bedarf nach Göttlichem gibt es offenbar überall. Es ist nicht zu übersehen, dass wir unbedingt an etwas glauben wollen, dass wir nicht durchschauen und verstehen können, dass wir Übersinnliches sehen wollen, wo einfach gar nichts ist. Sehen Sie sich mal in unserem Alltag abseits der großen Bühnen des Sports, der Kinosäle und der Theater und des Literaturbetriebs um, wo die vielen Neugötter sowieso schon wirken. Sogar dort, wo Gott qua Anspruch ausgeschlossen ist, verschafft er sich langsam Zutritt. An medizinischen Fakultäten werden neuerdings Lehrstühle eingerichtet, die sich mit Komplementärmedizin befassen. Der Wissenschaft fehle eine ganze Dimension, heißt es. Was denn mit der „Ganzheitlichkeit“ sei, wird gefragt. Die Grünen beklagten in ihrem Wahlprogramm zur Bundestagswahl des Jahres 2013, dass es an Methoden fehle, die Wirkmechanismen alternativer Heilmethoden zu erkennen. Dass esoterische Medizin keinen Mechanismus außer einen festen Glauben ihrer Nutzer kennt und sie deshalb nicht er- und beforschbar ist, kam den Programmmachern der Ökopartei nicht in den Sinn. Hier ist Religion am Werk.
 


Personenkult

Als eine sich selbst für aufgeklärt haltende Bewegung kämen Grüne übrigens nicht mehr auf die Idee, einzelne Personen zu Göttern zu machen. Damit hat man im Falle Joschka Fischer schließlich nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Stattdessen werden vegetarische Ernährung, Windparks, Niedrigenergiehäuser und Spülstopptasten zu Vorboten eines Öko-Paradieses. Sie sind der Ausdruck gottgefälligen Handelns.

Gott und die Furcht vor ihm legitimierten in dunkleren Zeiten die Allmacht der Kirche. Als Staat und Kirche noch eins waren, wurden in seinem Namen drakonische Strafen verhängt. Der Abfall von Gott war gar eine Sünde, die mit dem Tode geahndet wurde.

Heute ist im freien Westen Gott nur noch eine Option auf dem Markt. Das Bedürfnis nach Gott kann mit unzähligen Alternativprodukten befriedigt werden. Neben ihm im Regal stehen Fußballclubs, Tennisstars, Opernsänger, Bach, Schweinsteiger, Fernsehphilosophen oder Automarken – es soll ja Leute geben, die Transzendenz dadurch erfahren, dass sie mit 250 Kilometern pro Stunde über die Autobahn kacheln.


Gott als Marke

Die Entmachtung der Kirche bedeutete gewissermaßen die Zerschlagung eines Monopols und damit die Liberalisierung des Gottheitenmarktes. Und Marktliberalisierungen ziehen immer sinkende Preise nach sich, wie der Telefonmarkt zeigte und zeigt. Heute sind Gottheiten auch deshalb extrem billig zu haben, bis hin zu den Covergirls und -boys auf den Teeniezeitschriften. Die Low-Cost-Götter halten freilich nicht so lange wie das kirchensteuerfinanzierte Altprodukt. Der Zyklus einer Chart-Band ist sehr kurz. Wer mehr für seinen Gott ausgibt, gar eine Kirchensteuer aufbringt, investiert auch mehr Zuwendung. Ist doch klar.

Dass wir Stars – ganz gleich welcher Güte – verehren und ein heiliger Rummel um sie veranstaltet wird, ist also keine besorgniserregende Entwicklung, sondern Ausdruck einer sehr freien Welt. Bach konnte eben erst dann ein Star sein, als die Kirche nicht mehr in der Lage war, ihren Gott mit Gewalt durchzusetzen.

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