Lateinamerika : Starke Frauen zähmen die „Bestie“

Julia Ramirez Roja von „Las Patronas“ reicht den auf Güterzügen als blinde Passagiere vorbeireisenden Migranten Lebensmittelpakete und Wasserflaschen.
Julia Ramirez Roja von „Las Patronas“ reicht den auf Güterzügen als blinde Passagiere vorbeireisenden Migranten Lebensmittelpakete und Wasserflaschen.

Tausende Mittelamerikaner wagen jedes Jahr die gefährliche Reise durch Mexiko. Auf dem Weg in die USA leiden sie Hunger und Durst. Die „Las Patronas“ helfen.

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03. November 2017, 12:00 Uhr

Ein langgezogenes Hupen kündigt die Ankunft von „La Bestia“ in der Ortschaft Amatlán de los Reyes an. Jetzt müssen sich „Las Patronas“ beeilen: Die Frauen laden Bohnen, Reis und Tortillas auf ihre Karren und rennen zu den Bahngleisen. Als der Güterzug in das Dorf einfährt, tauchen zwischen den Waggons die ersten blinden Passagiere auf. Mit einer Hand halten die Männer sich am Zug fest, mit der anderen greifen sie nach den Lebensmitteltüten und Wasserflaschen, die die Patronas ihnen zuwerfen.

Es muss schnell gehen, denn der Zug bremst nur leicht ab. „Die Lokomotivführer wissen, dass wir hier Essen an die Migranten verteilen“, sagt Norma Romero Vázquez, eine der Gründerinnen der Patronas. „Manche von ihnen haben Erbarmen und verlangsamen das Tempo, um uns die Essensübergabe zu erleichtern, oder sie greifen sogar selbst nach den Tüten.“

„Las Patronas“ ist eine Gruppe von zwölf Frauen, die seit über 20 Jahren im Bundesstaat Veracruz im Südosten von Mexiko mittelamerikanische Migranten auf ihren Wegen in die USA mit Lebensmitteln und Hilfsangeboten unterstützen. Für ihr soziales Engagement haben sie zahlreiche Preise erhalten, unter anderem den Nationalen Menschenrechtspreis Mexikos im Jahr 2013. Freiwillige kommen aus der ganzen Welt, um in der Herberge zu helfen. „Wir kochen täglich für 80 bis 100 Migranten. Wie viele auf dem Zug sind, wissen wir vorher nicht. Mal sind es unter zehn, mal über 100“, sagt Romero, während sie Bohnen in Plastiktüten füllt.

Angefangen hat alles eines Morgens im Jahr 1995, als sie mit ihrer Schwester vom Einkauf zurückkam und ihnen Menschen vom Zug aus zuriefen: „Wir haben Hunger!“. Ohne lange zu zögern, schenkten sie den Migranten ihre Einkäufe. „Erst dachten wir, es seien Jugendliche, die als Mutprobe auf dem Zug mitfuhren“, erzählt Romero. „Aber als wir den Ernst der Lage begriffen, fassten wir den Entschluss zu helfen.“ Mit der Zeit konnten sie ein Spendennetzwerk aus Schulen, Universitäten, Supermärkten und Bäckereien aufbauen.

Die Migranten dürfen sich bei den Patronas auch einige Tage ausruhen. „Momentan können wir bis zu 20 Migranten beherbergen. Sie können hier ihre Kräfte sammeln, ihre Kleidung waschen und zu Hause anrufen“, sagt die freiwillige Helferin Alejandra Uribe, die ihre Masterarbeit zum Thema Migration in Mexiko schreibt. Im vergangenen Jahr beherbergten die Patronas rund 600 Schutzsuchende.

Zehntausende Menschen machen sich jedes Jahr aus Mittelamerika auf den Weg in die USA. Die meisten von ihnen kommen aus El Salvador, Guatemala und Honduras. Viele fliehen vor der Gewalt der mächtigen Jugendbanden. Die sogenannten Maras kontrollieren dort ganze Stadtviertel und zwangsrekrutieren junge Menschen. „Früher machten sich die Leute vor allem aus wirtschaftlichen Gründen auf den Weg. Das hat sich geändert“, sagt Romero. „Heute wollen Mütter verhindern, dass sich ihre Kinder den Gangs anschließen.“

Der Norden Mittelamerikas gehört zu den gefährlichsten Regionen der Welt: 82 Morde pro 100 000 Einwohner wurden beispielsweise im Jahr 2016 in El Salvador registriert. Zum Vergleich: In Deutschland lag die Mordrate im vergangenen Jahr bei weniger als einem Tötungsdelikt pro 100 000 Einwohner. „Die Chancenlosigkeit und die Kriminalität in den Herkunftsländern treibt viele zur Flucht, vor allem Kinder sind leichte Opfer von Verbrecherbanden“, sagt Romero.

Die Migranten besteigen die Güterzüge im Süden von Mexiko. Die zwischen 2000 und 4000 Kilometer langen Routen durch Mexiko führen durch Hochburgen der organisierten Kriminalität. Die Einwanderer sind den Gangs schutzlos ausgeliefert. Fast jeder, der den Höllenritt mit der „Bestia“ wagt, wird mindestens einmal überfallen. Sechs von zehn Frauen erleben sexuelle Gewalt. Von den Behörden ist wenig Hilfe zu erwarten, die Polizisten pressen den Migranten häufig selbst Wegezoll ab.

Niemand weiß genau, wie viele Mittelamerikaner und Mexikaner sich jedes Jahr auf den Weg in die Vereinigten Staaten machen. Nach Angaben des mexikanischen Innenministeriums wurden im vergangenen Jahr 186 216 illegal Reisende in ganz Mexiko registriert – fast alle aus Mittelamerika. Die Dunkelziffer dürfte jedoch deutlich höher sein.

Angesichts der fremdenfeindlichen Rhetorik von US-Präsident Donald Trump ging die Zahl der Migranten zu Jahresbeginn zurück, Experten rechnen allerdings nicht mit einer dauerhaften Entspannung. „Die harte Linie der Trump-Regierung hat zu einer Migrationswelle vor dem Amtsantritt und einem Einbruch danach geführt. Der Rückgang der Migration dürfte aber nicht von Dauer sein“, sagt Adam Isacson vom Washington Office on Latin America (Wola). „Gewalt und Elend führen dazu, dass die Menschen aus Mittelamerika auswandern. Oft fürchten sie um ihr Leben. Das hat sich nicht geändert.“

Nach wenigen Minuten ist der Zug vorbeigerauscht. Zumindest an diesem Tag können die Migranten auf der „Bestie“ essen und trinken. Die Patronas feuern schon wieder den Herd an und kochen für die Migranten auf dem nächsten Zug. Solange die Menschen aus Mittelamerika den gefährlichen Weg nach Norden auf sich nehmen, werden die Patronas Tag für Tag an den Schienen stehen.

   

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