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Krebstherapie ohne Nebenwirkungen : Spezielle Impfungen könnten bald Krebs heilen

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Eine Impfung gegen Krebs? Was sich nach Zukunftsmusik anhört, soll zumindest manche Krebsarten in einigen Jahren heilen können. Wie das funktioniert, erklärt Krebsforscher Michael Platten.

svz.de von
erstellt am 06.Feb.2017 | 10:45 Uhr

Herr Professor Platten, was verstehen Mediziner unter einer Impfung gegen Krebs?

Grundsätzlich gibt es zwei Arten von Impfungen, eine vorbeugende und therapeutische. Die vorbeugende Impfung soll vor Erkrankungen schützen, die therapeutische wird eingesetzt, wenn die Krankheit bereits ausgebrochen ist. So gibt es vorbeugende Impfungen beispielsweise gegen Gebärmutterhalskrebs. Unter Impfung gegen Krebs verstehen wir aber in der Regel therapeutische Impfungen. Konkret wird damit das Immunsystem speziell aktiviert, um den Tumor zu bekämpfen.

Warum macht das Immunsystem das nicht von allein?

Tumorzellen entstehen aus normalen Körperzellen und ähneln ihnen in vielerlei Hinsicht. Deshalb erkennt das Immunsystem sie häufig nicht als fremd. Mit einer Krebs-Impfung versuchen wir, die Immunabwehr gezielt gegen Merkmale des Tumors zu richten.

Als vorbeugende Impfung gegen Krebs kennen die meisten die Impfung gegen humane Papillomviren (HPV), die Gebärmutterhalskrebs auslösen können. Gibt es noch mehr?

Eine vorbeugende Impfung ist vor allem bei Tumorarten sinnvoll, die durch Viren erzeugt werden. Es wird außerdem noch auf anderen Gebieten geforscht. Im Wesentlichen betrifft diese Forschung aber die Tumorarten, von denen man weiß, wie sie genau entstehen. Bei den allermeisten Tumorarten wissen wir aber nicht genau, wie sie entstehen. Das hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab und deshalb können wir auch nicht vorbeugend impfen.

Was unterscheidet denn die Impfstoffe, die zur Behandlung von Krebs eingesetzt werden von üblichen Impfstoffen wie etwa gegen Grippe oder Mumps, Masern und Röteln?

Die Impfstoffe ähneln sich im Grunde, denn das Ziel ist das gleiche: Wir versuchen herauszufinden, welche die krankmachende Zelle ist und das Immunsystem anschließend so zu aktivieren, dass es gegen die krankmachende Zelle vorgeht. Das kann zum Beispiel ein Virus sein, wie bei der Grippe oder Masern. Dann kann eine Impfung vorbeugend vor der Infektion schützen. Bei den eigentlichen Impfungen gegen Krebs ist es aber so, dass die Impfung zur Behandlung der Krankheit eingesetzt wird. Die Krankheit ist also schon ausgebrochen und wir versuchen, das Immunsystem gezielt zu aktivieren, damit es dagegen vorgeht. Das macht man anhand der typischen Merkmale, die ein Tumor hat und sich damit als körperfremd zu erkennen gibt.

Und wie genau funktioniert das?

Wir haben in den vergangenen Jahren herausgefunden, dass die Merkmale, mit denen sich der Krebs dem Immunsystem zu erkennen gibt, hauptsächlich auf genetische Veränderungen, die durch die Krebsentstehung bedingt sind, hervorgerufen werden. Das sind sogenannte Mutationen. Diese Mutationen bedingen dann veränderte Eiweißmoleküle und diese veränderten Eiweißmoleküle können wiederum vom Immunsystem als fremd erkannt werden. Allerdings sind die Mutationen von Patient zu Patient sehr unterschiedlich. Das heißt, die Art und Zahl der Mutationen bei einem Patienten mit einem Lungenkrebs unterscheiden sich fundamental von denen eines anderen Patienten mit Lungenkrebs. Deshalb müssen wir im Grunde für jeden einzelnen Patienten wissen, welche Merkmale seines Tumors vom Immunsystem als fremd erkannt werden. In wenigen Fällen gibt es auch charakteristische Mutationen für eine bestimmte Tumorart, die bei einer größeren Zahl von Patienten gleich ist. Leichter wäre es, wir würden einfach Tumorzellenmaterial nehmen und dies dem Immunsystem präsentieren. Das hat aber viele Nachteile, sodass wir in den vergangenen Jahren sehr viel Mühe und Zeit investiert haben, um für jeden Patienten zu bestimmen, welches das spezifische Erkennungsmerkmal seines Tumors ist.

Dann wirkt die Therapie aber wahrscheinlich zielgerichteter?

Genau. Diese Vorgehensweise ist zielgerichteter und wir können das einzelne Merkmal in einer sehr viel höheren Dosierung dem Immunsystem präsentieren. Wenn wir davon ausgehen, dass von dem veränderten Eiweißmolekül eine gewisse Menge vorhanden sein muss, damit es das Immunsystem als fremd erkennt, ist es vorteilhafter, wenn wir eine höhere Dosis unter die Haut spritzen.

Welche Vorteile bietet die Immuntherapie im Vergleich zu anderen Krebstherapien wie Bestrahlung oder Chemotherapie?

Wenn die spezifische Aktivierung des Immunsystems funktioniert, sollte es theoretisch keine Nebenwirkungen geben. In der Praxis hat sich aber in Studien gezeigt, dass wir zumindest ein wachsames Auge darauf haben sollten, ob wir das Immunsystem wirklich so spezifisch aktivieren, dass nur die Tumorzellen erkannt werden. Gelingt das nicht, könnten auch gesunde Zellen attackiert werden. Diese Sorge steht immer hinter den Immuntherapien. Nach den bisherigen Erkenntnissen ist sie in den meisten Fällen aber nicht berechtigt, weil das Immunsystem so konzipiert ist, dass es sehr, sehr spezifisch bestimmte Merkmale erkennen kann. Wenn das funktioniert, ist das sicherlich der Strahlen- oder der Chemotherapie überlegen, denn bei diesen Therapien werden auch gesunde Zellen geschädigt. Sie können meist nicht so zielgerichtet angewendet werden, dass das gesunde Gewebe geschont wird.

Für welche Krebsarten kommt die Immuntherapie infrage?

Grundsätzlich kommt es für alle Krebsarten infrage, aber bei manchen haben wir bessere Ausgangsvoraussetzungen, um erfolgreich zu sein als bei anderen. Die aktivierten Immunzellen müssen schließlich den Weg in den Tumor finden und dort auch aktiv sein. Das funktioniert nicht immer gleich gut. Ein Beispiel ist der schwarze Hautkrebs. Er ist für das Immunsystem besser zu erkennen als beispielsweise ein Hirntumor, der sich im Gehirn versteckt. Außerdem gibt es Tumore, deren Umgebung, wir nennen es Mikromilieu, sehr feindlich gegenüber Immunzellen ist. Es kann also sein, dass wir das Immunsystem aktivieren können und auch die Immunzellen beim Tumor ankommen, sie aber von Faktoren, die der Tumor selbst produziert praktisch lahmgelegt werden. Wenn wir wissen, wogegen wir kämpfen, können wir im Prinzip jeden Tumor mit einer Immuntherapie bekämpfen. Allerdings sind wir bei der Forschung zur Immuntherapie noch ganz am Anfang und verzeichnen erst ganz langsam erste Fortschritte und Erfolge.

Könnte die Immuntherapie vielleicht schon in den nächsten zehn Jahren die Standardkrebstherapien wie Bestrahlung oder Chemotherapie ablösen?

Unspezifische Immuntherapien sind ja bereits jetzt in der Krebstherapie fest etabliert. Für die Krebsimpfungen sind zehn Jahre vielleicht ein bisschen sportlich. Für bestimmte Tumorarten halte ich einen etwas längeren Zeithorizont aber für realistisch. Wir sollten die Therapien aber gar nicht als einander ausschließend betrachten. Ich nenne mal ein Beispiel: Wenn ein Tumor bestrahlt wird, kann es dazu führen, dass er dadurch dem Immunsystem gegenüber sichtbarer wird. Insofern gibt es Therapieansätze, die durchaus eine Immuntherapie mit einer Strahlentherapie kombinieren. Für bestimmte Tumorarten kann es zwar sein, dass eine Immuntherapie so viel besser wirksam ist, dass eine Chemo- oder Strahlentherapie nicht mehr nötig ist. Ich halte es aber für wahrscheinlicher, dass wir diese verschiedenen Verfahren in einer intelligenten Kombination einsetzen und sie damit noch effektiver sind.

Gibt es körperliche Voraussetzungen, die ein Patient erfüllen muss, damit die Immuntherapie überhaupt angewendet werden kann?

Eine ungünstige Voraussetzung ist sicherlich, wenn das Immunsystem schon stark beschädigt ist, zum Beispiel durch vorangegangene Chemotherapie.

Was ist mit anderen Vorerkrankungen?

Wirkt die Immuntherapie nicht ganz spezifisch, wird befürchtet, dass das Immunsystem auch gesunde Körperzellen angreift und dadurch sogenannte Autoimmunerkrankungen hervorrufen werden. Wenn jemand bereits eine Autoimmunerkrankung hat oder für diese anfällig ist, dann sind bestimmte Immuntherapien ausgeschlossen, oder nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen durchzuführen.

Gibt es sonstige Nachteile bei der Immuntherapie?

Im Moment besteht der Nachteil der individualisierten Krebsimpfung darin, dass wir für jeden Patienten mit sehr großem Aufwand bestimmen müssen, welche Form der Immuntherapie geeignet ist und anschließend auch ausreichend spezifische Immunzellen hervorrufen. Das gelingt uns bei der Tumorimpfung noch nicht so zufriedenstellend, dass wir sagen können, das ist tatsächlich eine effektive Therapie. Da ist also noch viel Entwicklungsbedarf. In zehn Jahren haben wir dieses Problem möglicherweise gelöst. Das wäre wünschenswert, denn vom Konzept her, hat diese Therapie eigentlich keine Nachteile, sondern nur Vorteile gegenüber der klassischen Chemo- oder Strahlentherapie.

In Zukunft können mit der Immuntherapie also deutlich mehr Menschen vor dem Krebstod gerettet werden als bisher?

Ja. Das ist auch einer der Gründe, warum viele Forschungszentren auch in Pharmafirmen viel Kraft und Energie darauf verwenden, diese Immuntherapie weiterzuverfolgen.

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