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Tote Wale an den Küsten : Sonnensturm trieb Pottwale in die Nordsee

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Ein Wissenschaftler hat die mögliche Ursache für die Strandung von 29 Tieren Anfang 2016 im Wattenmeer gefunden.

svz.de von
erstellt am 24.Okt.2017 | 12:00 Uhr

Das Rätsel der 29 gestrandeten Pottwale, die zu Beginn des Jahres 2016 an der deutschen Nordseeküste ums Leben kamen, ist vermutlich gelöst. „Die Wale haben wegen eines Sonnensturms und der dadurch bedingten Verschiebung des Magnetfeldes der Erde die Orientierung verloren und sind in die flache Nordsee geschwommen“, sagt der Physiker Dr. Klaus Heinrich Vanselow vom Forschungs- und Technologiezentrum Westküste Büsum der Christian-Albrechts-Universität Kiel. Er ist sich sicher: „Das natürliche Navigationssystem der Pottwale ist ausgefallen.“

Seit Jahren untersucht der 57-Jährige, der gerade einen wissenschaftlichen Fachaufsatz zu dem Thema veröffentlicht hat, die Explosionen auf der Sonne und gleicht sie mit Daten über Strandungen von Pottwalen ab. „Es gibt für beide Ereignisse lange Zeitreihen und eben auffällige Zusammenhänge.“ In regelmäßigen Abständen gibt es Explosionen auf der Sonne, bei der geladene Teilchen auch Richtung Erde geschleudert werden. Dadurch verschiebt sich das Magnetfeld unseres Planeten. „Es wird verbogen – es gibt Verschiebungen von bis zu 400 Kilometern in Nord-Süd-Richtung“, sagt Vanselow. Da sich die Wale, wie viele andere Tiere, an dem Magnetfeld orientieren, können sie sich verirren. Auch Vögel oder Fische wüssten bisweilen nicht mehr genau, wo sie sich befinden. Allerdings seien die Konsequenzen nicht so deutlich sichtbar wie bei den gestrandeten Pottwalen.

Den 29 Tieren, die vor fast zwei Jahren an der Dithmarscher Küste, vor Helgoland und in Niedersachsen gestorben sind, ist genau das zum Verhängnis geworden: „Um die Jahreswende 2015/2016 gab es zwei Sonnenstürme: Ende Januar und Ende Februar“, sagt Vanselow. „Wenn man annimmt, dass die Tiere zwischen Norwegen und Schottland unterwegs waren, kann es gut sein, dass sie dort falsch abgebogen sind und etwa 800 Kilometer in die falsche Richtung weitergezogen sind“, sagt Vanselow.

Den Fehler bemerkten die Jungbullen offenbar nicht, weil sie sich an dem verschobenen Magnetfeld orientierten – bis sie Tage später in der für sie zu flachen Nordsee landeten. Von dort fanden sie den Weg nicht zurück, strandeten und wurden von ihrem Körpergewicht erdrückt. „Die Untersuchung der Kadaver hat gezeigt, dass die Tiere zwar große Mengen Müll im Magen hatten, aber nicht krank waren“, so der Wissenschaftler.

Zunächst nahmen Kieler Forscher an, dass die Wale Tintenfischen gefolgt sind, von denen sie sich ernähren. Diese seien durch Stürme in die Nordsee getrieben worden. Vanselow mag diese These nicht ausschließen, sagt aber auch: „Die Tintenfische leben eigentlich viel weiter nördlich, weil sie kaltes Wasser bevorzugen.“

Mitarbeiter des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz, Journalisten und Besucher stehen neben einem toten Pottwal hinter dem Deich am Wattenmeer vor dem Kaiser-Wilhelm-Koog.
Nicht nur Mitarbeiter des Landesbetriebs für Küstenschutz sind vor Ort. Auch zahlreiche Journalisten und Schaulustige wollen die Wale mit eigenen Augen sehen. Foto: dpa
 

Schon seit langem vermutet Vanselow einen Zusammenhang zwischen Sonnenstürmen und Walstrandungen. „In diesem Fall kann man relativ viele andere Faktoren ausschließen.“ Dennoch sei nicht sicher, dass die Wale ausschließlich wegen der Sonnenstürme die Orientierung verloren hätten. „Wir wissen viel zu wenig über Pottwale, vermutlich ist es ein Bündel von Faktoren, das die Ursache erklärt“, sagt Vanselow. Dass die Wale auch durch Ölplattformen oder Windkraftanlagen in ihrer Wanderschaft gestört würden, sei möglich. Der Physiker ist sich aber relativ sicher, dass vor allem natürliche Phänomene für die Strandungen verantwortlich sind. „Denn die gab es schon, bevor der Mensch massiv in die Natur eingegriffen hat.“

Eines sei klar: „Walstrandungen wird es auch weiter geben. Schließlich kann man die Sonne nicht ausschalten.“ Und die nach einer erneuten Explosion auf der Sonne möglicherweise Richtung Nordsee schwimmenden Tiere abzufangen, hält der Wissenschaftler für sehr schwierig.

 

Dass die Sonnenstürme auch Konsequenzen für den Menschen haben, sei sicher, meint der Büsumer Wissenschaftler. 2003 habe es in Schweden Stromausfälle gegeben. Auch Auswirkungen auf die Satelliten-Kommunikation seien bekannt. Bei dem stärksten bekannten Magnetsturm im Jahr 1859 habe man im Polarlicht Zeitung lesen können – und ein Großteil der Telegrafenleitungen war nicht mehr zu benutzen. Einen Sturm von derartiger Stärke gebe es im Schnitt alle 250 Jahre. Vanselow: „Statistisch wären wir also bald mal wieder dran.“

>Den wissenschaftlichen Artikel von Klaus Heinrich Vanselow gibt es kostenlos unter: www.ftz.uni-kiel.de/de/forschungsabteilungen/geolab-meeresmesstechnik/team/vanselow.

 

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