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Sicherheit auf dem Weihnachtsmarkt : So wirkungslos sind die Anti-Terror-Blöcke wirklich

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Die Dekra Neumünster hat verschiedene Poller-Varianten getestet. Mit eindeutigem Ergebnis.

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erstellt am 06.Dez.2017 | 05:00 Uhr

Anti-Terror-Poller – ein Jahr nach dem Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz hat sich das Bild auf deutschen Weihnachtsmärkten gewandelt. Um nicht zur Zielscheibe für mögliche Anschlagspläne etwa mit Hilfe eines Lkw zu werden, setzen deutsche Großstädte für die belebte Adventszeit neben einem erhöhten Polizeiaufkommen vor allem auf die mechanischen Blockaden an sensiblen Punkten der Innenstädte.

Aber wie effektiv sind die „Nizzasteine“ – benannt nach dem ersten Anschlag mit einem Lkw in Nizza im Juli 2016 –, die für die Sicherheit von Tausenden Weihnachtsmarkt-Besuchern in der Bundesrepublik sorgen sollen?

Im März 2017 hatte der Mitteldeutsche Rundfunk über zwei Crashtests der Dekra Neumünster berichtet – mit schockierendem Ergebnis. Denn die kontrollierte Kollision eines Lkw mit zehn Tonnen Gesamtgewicht und mobilen Betonpollern zu je 2,4 Tonnen – laut MDR-Bericht „die schwersten, die es in Deutschland gibt“ – zeigt, dass die Nizzasteine im Notfall so gut wie keine Wirkung hätten.

 

Die Betonblöcke halten nicht viel auf

Im ersten Versuch des Crash-Test-Centers in Neumünster fährt der Test-Lkw mit 50 Kilometern pro Stunde frontal gegen zwei der gebräuchlichen Betonpoller – und schiebt sie dabei einfach beiseite. Zwar reißen die Barrikaden dem tonnenschweren Fahrzeug die Vorderräder weg, der Lkw kann trotzdem fast ungebremst mindestens weitere 50 bis 70 Meter fahren. Und wäre damit ein tödliches Geschoss auf jedem Weihnachtsmarkt.

Im MDR-Bericht erklärt Marcus Gärtner, Dekra-Projektleiter Crashtests, anschließend: „Es gibt hier lediglich ein paar Betonabplatzungen, wo er angeprallt ist, aber ansonsten ist der ganze Betonblock eigentlich noch gut intakt. Das spricht auch dafür, dass die Betonblöcke selber nicht viel aufhalten.“

<p>Im Dekra-Crash-Test durchbricht der Lkw die Sperre.</p>

Im Dekra-Crash-Test durchbricht der Lkw die Sperre.

Foto: Marcus Gärtner/DEKRA/MRD/dpa
 

Lkw und Betonpoller werden zu Billardkugeln

Im zweiten Testlauf soll der Lkw durch schräg und dichter aufgereihte Steine umgelenkt werden. Das Ergebnis: Die Fahrtrichtung des Lasters wird zwar ein wenig umgelenkt, trotzdem schiebt der Zehntonner die Blockaden einfach zur Seite und fährt ungebremst weiter. Zusätzlich können dabei sogar die Blockaden selbst zum Geschoss werden. Marcus Gärtner: „Das ist wie beim Billardspielen, wir schieben den Poller an, und das wars.“

Zwei Monate später folgt im Sommer ein weiterer Testlauf mit einem neuartigen Blockadesystem, bestehend aus zwei durch Ketten verbundenen Betonquadern und dahinter aufgestellten Metallkreuzen. Die Idee erklärt Entwickler Daniel Geibel: „Die Zacken werden sich in den Lkw bohren, das wird dann die Sperre in Rotation versetzen, und ihn aufbocken.“ Doch der anschließende Crashtest zeigt, der Laster zerreißt die Ketten und schiebt die Metallkreuze beiseite. Der Zehntonner wäre so problemlos weitere 50 Meter gefahren. Daniel Geibel kündigt im Beitrag an, seine Erfindung weiterzuentwickeln.

Keine neuen Entwicklungen bei Rückhaltesystemen

Gibt es denn inzwischen neue Entwicklungen für zuverlässigere Abwehrmechanismen auf Volksfesten? „Nein“, sagt Guido Folster, Leiter des Crash-Test-Centers in Neumünster, „es gibt nichts Neues.“ Verschiedene Hersteller testeten nach wie vor regelmäßig ihre Produkte im Crash-Test-Center der Dekra, betont Guido Folster. Die Details und Ergebnisse unterliegen aber seiner Verschwiegenheitspflicht.

Die EU wolle sich jetzt einen Überblick der Rückhaltesysteme machen, erklärt Folster, um Prüfverfahren für Antiterror-Barrieren zu entwickeln. Den TV-Beitrag über die Antiterror-Poller bereut der Leiter des Crash-Test-Centers heute: „Das hat zu einer großen Verunsicherung beigetragen. Sowas würde ich nie wieder machen.“

<p>Eine Schneise der Verwüstung hinterließ am 19. Dezember 2016 der Lkw, gefahren von Anis Amri, auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin. Zwölf Menschen starben bei dem Anschlag.</p>

Eine Schneise der Verwüstung hinterließ am 19. Dezember 2016 der Lkw, gefahren von Anis Amri, auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin. Zwölf Menschen starben bei dem Anschlag.

Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa
 

Trotz flächendeckender Sicherheitsbemühungen lassen sich die meisten Menschen von der abstrakten Gefahr eines Terroranschlags nicht abschrecken. Das zumindest besagt eine Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov. Fast drei Viertel der Befragten gaben an, mindestens einen Weihnachtsmarkt besuchen zu wollen. Große Weihnachtsmärkte sind nach Einschätzung von Terrorismus- und Radikalisierungsforscher Jannis Jost von der Universität Kiel grundsätzlich ein attraktives Ziel für Terroristen: „Da sind viele Menschen, es gibt einen ungehinderten Zugang, und sie sind ein Symbol sowohl für Christentum als auch für Konsumkultur.“

„Die Täter schlagen relativ opportunistisch in ihrem Umfeld zu“

„Die Täter, mit denen wir es in Deutschland überwiegend zu tun haben, fahren aber nicht quer durchs Land zum attraktivsten Ziel“, so die Einschätzungs Josts. „Sie suchen sich nicht das beste und größte Ziel, sondern schlagen relativ opportunistisch in ihrem Umfeld zu.“ Zwei Polizisten und zusätzliche Betonpfeiler könnten einen Weihnachtsmarkt bei den Tätern durchaus schon zu einem unattraktiven Ziel werden lassen – unabhängig von der tatsächlichen Schutzwirkung der Maßnahmen.

Zwar seien fest verbaute Fahrzeugsperren deutlich effektiver, aber auch teurer und aufwendiger in der Installation als die mobilen Betonsperren, erklärt der Terrorismusforscher. Am Ende sei der Mensch entscheidend, ist Jannis Jost überzeugt: „Gut ausgebildete und gut ausgestattete Polizisten sind durch nichts zu ersetzen, weil sie auf alles reagieren können – vom verlorenen Kleinkind über Taschendiebe bis zum massiven Terroranschlag.“

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