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Geschichte aus Wunsch-Wörtern : So fühlt sich Weihnachten an

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Diese Geschichte ist ein Experiment: Kinder haben uns Wunsch-Wörter zugeschickt, die Autorin Dagmar Hoßfeld in ihrer Weihnachtsgeschichte benutzen sollte. Wir haben die Wörter kursiv markiert. Viel Spaß beim Lesen unterm Tannenbaum!

svz.de von
erstellt am 24.Dez.2015 | 13:00 Uhr

„In diesem Jahr hatten wir ja sehr früh Schnee“, sagt Frau Vogel zu meiner Mutter. Wir haben noch ein paar Besorgungen gemacht. Mama trägt in jeder Hand eine Tasche. Sie scheint nicht besonders froh darüber zu sein, von unserer Nachbarin in ein Gespräch verwickelt zu werden. Mir macht das nichts aus. Ich mag Frau Vogel. Sie hat graue Löckchen und ein freundliches Lächeln. Aus ihrer Wohnung kommt Lebkuchenduft.

Ich liebe Lebkuchen! „Im Oktober konnte ich noch auf dem Balkon sitzen. Und dann, im November, der erste Schnee“, spricht Frau Vogel weiter. Mamas Seufzen scheint sie gar nicht zu bemerken. Dabei sind die Einkaufstaschen wirklich schwer. Wenn ich nur an das dicke Marzipanbrot denke! In meinem Rucksack sind zum Glück nur leichte Sachen. Ich überlege, ob ich vielleicht einen Zimtstern aus der Tüte stibitzen kann, die ganz oben auf unseren Weihnachtseinkäufen liegt, ohne dass Mama es merkt. Mein Magen knurrt. Ich hab Hunger. Trotzdem traue ich mich nicht. Schließlich bin ich kein Weihnachtskeksdieb.

Schon gar nicht heute. Heute ist nämlich Heiligabend. Ich kann es kaum erwarten, meine Geschenke zu bekommen.

Ich wünsche mir Pferdebücher, außerdem einen karierten Schlafanzug, dicke Socken mit Norwegermuster und ein Computerspiel. Hoffentlich konnte der Weihnachtsmann meinen Wunschzettel lesen. Ich hab mir extra Mühe gegeben. Frau Kruse behauptet immer, dass meine Schrift sie an ägyptische Hieroglyphen erinnert. Frau Kruse ist meine Deutschlehrerin. Was Hieroglyphen sind, weiß ich nicht so genau.

Ich trete von einem Fuß auf den anderen. Mein Kopf juckt. Die Zipfelmütze, die ich zum Nikolaus bekommen habe, kratzt schrecklich, und mein Magen knurrt inzwischen so laut, dass man es bestimmt bis auf die Straße hört. Wenn wir noch lange hier herumstehen, ist Weihnachten vorbei.

„Kann ich schon vorgehen?“ Ich mache ein Gesicht wie ein

Engel und zupfe an Mamas Ärmel. „Ja, ja, geh nur“, antwortet Mama zerstreut. Frau Vogel erzählt ihr gerade, dass sie die Weihnachtstage bei ihrem Sohn und den Enkelkindern verbringt und dass es heute Kartoffelsalat und Würstchen gibt. Genau wie bei uns. Frau Vogel strahlt. Mama nicht. Sie seufzt schon wieder. „Mein Sohn holt mich nachher mit dem Auto ab“, fährt Frau Vogel fröhlich fort. Bestimmt hat sie schon alles erledigt, sämtliche Plätzchen gebacken, die Geschenke fix und fertig eingepackt und noch jede Menge Zeit, bis ihr Sohn kommt. Mama nickt schwach. „Tschüß, Frau Vogel! Frohe Weihnachten!“, rufe ich und laufe die Treppe hoch. In unserer Wohnung sieht es aus, als hätte ein Schneesturmgetobt. Geschenkpapierschnipsel liegen herum, außerdem eine Menge Tannennadeln und dazwischen eine einzelne Ringelsocke. Ich hänge meinen Anorak auf, hebe die Socke auf, schnüffele daran und lasse sie sofort wieder fallen. Sie gehört eindeutig meinem Bruder. Max hat die schlimmsten
Käsefüße der Welt. Es ist ein Wunder, dass der Nikolaus ihm trotzdem jedes Jahr etwas in den Gummistiefel steckt.

Aus Max’ Zimmer dringt gedämpftes Murmeln: „Denkt euch, ich habe das Christkindgesehen …“ Anscheinend übt er sein Weihnachtsgedicht. Nebenan kichert meine Schwester. Ich wette, sie guckt diese Anime-Serie, die sie so gerne mag. Ich steh nicht so auf Mangas. Mir sind Filme mit echten Menschen lieber.

Ich reiße mir die kratzige Mütze vom Kopf und folge der Tannennadelspur. Sie führt bis zur Wohnzimmertür. Hinter der Tür rumort es. Jemand flucht. Das kann nur mein Vater sein. Der flucht jedes Jahr um diese Zeit, weil unser Tannenbaum nie in den Ständer passt. Meistens klemmt er sich — Papa, nicht der Baum — und muss dann seine Weihnachtsgeschenke mit einem verbundenen Daumen auspacken. Ich stelle es mir ziemlich unpraktisch vor, Weihnachten mit einem dicken Daumen dazusitzen, aber für Papa gehört es anscheinend dazu. Würde er sonst immer so einen widerspenstigen Baum kaufen anstatt einen, der passt?

Alle sind beschäftigt, niemand achtet auf mich. Ich gehe in die Küche und schaue aus dem Fenster. Draußen liegt Schnee. Die Bäume sehen aus, als hätten sie Mützen auf. Menschen laufen vorbei und rufen sich etwas zu. Manche tragen Geschenkeunter dem Arm. Ein kleiner Junge zieht einen Schlitten hinter sich her. Ein Hund springt in eine Schneewehe. Irgendwo bimmelt ein Glöckchen. Plötzlich spüre ich ein Kribbeln im Bauch. Es ist ein schönes Kribbeln; so warm und weich, als würde ich mich in meine Lieblingsdecke kuscheln. Es ist ein Gefühl wie …„Weihnachten“, sage ich leise. Als Mama endlich kommt, helfe ich ihr beim Auspacken. Anschließend füllen wir die bunten Teller mit Mandarinen, Nüssen, Marzipankartoffeln, Schokolade und Zimtsterne.

Am liebsten würde ich mir eine Handvoll Süßigkeiten zwischen die Zähne schieben, aber ich reiße mich zusammen. Schließlich ist Weihnachten. Außerdem gibt es gleich Spekulatiusbrot. — „Papa hat nach dem Ringkampf mit dem Baum bestimmt Hunger“, meint Mama. Wenig später sitzen wir am Küchentisch. Es ist urgemütlich. Wir haben Kerzen angezündet. Im Radio dudeln Weihnachtslieder. Draußen wird es langsam dunkel. Es hat angefangen zu schneien. Dicke Flocken fallen aus den Wolken. Am Himmel blinkt ein einzelner Stern. In zwei Stunden ist Bescherung. Bis dahin spielen wir Monopoly, um uns die Zeit zu vertreiben. Papa braucht in diesem Jahr ausnahmsweise keinen Verband, nicht mal ein Pflaster. Max murmelt sein Weihnachtsgedicht vor sich hin. Meine Schwester kichert. Ich gebe ihr einen Knuff. Sie kichert noch mehr. Mama lächelt. Und ich? Ich hab immer noch dieses Kribbeln im Bauch. Das Weihnachtskribbeln. Denn genau so fühlt es sich an. Wie Spekulatiusbrot, Weihnachtslieder, Kerzenschein und Glöckchenbimmeln. Wie eine kuschelige Decke, die dir jemand um die Schultern legt. So warm und weich und friedlich. Winterweihnachtswunderbar.

 

Dagmar Hoßfeld sagt über sich selbst: „Ich habe den schönsten Beruf der Welt: Autorin. Den ganzen Tag (und wenn ich will, auch die ganze Nacht) darf ich lesen und mir spannende und lustige Geschichten ausdenken.“ Von ihr stammen die berühmten Conni-Bücher.

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