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Trend : Sind wir nicht alle ein bisschen Einhorn?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Sie sind derzeit so beliebt wie lange nicht. Für jede Lebenslage gibt es ein entsprechendes Produkt. Aber woher stammt die Hysterie um die Einhörner? Ein Blick auf die glitzernden Fabelwesen.

svz.de von
erstellt am 09.Jul.2017 | 08:00 Uhr

Vergangenes Wochenende gab es kein Entkommen mehr. Die Einhörner haben Einzug in meine Realität gehalten. Zu Besuch bei Freunden unterhielt man sich über Themen, über die sich Menschen Anfang und Mitte 30 so unterhalten: Baufinanzierung, Überstundenabbau und in welcher Kneipe das Bier früher nur 1,50 Euro gekostet hat. Doch irgendwie fühlte man sich beobachtet.

Denn da war diese Wodkaflasche: Auf der Flasche war ein selbst gebasteltes Etikett zu sehen, und auf diesem Etikett wiederum strahlte dem Betrachter in den allerschönsten Textmarker-Farben ein milde lächelndes Einhorn entgegen. Unter diesem schwebenden Fabelwesen waren ein paar Wölkchen gemalt, darunter der Spruch „ride the rainbow“, reite den Regenbogen. Besonders magisch hat der Schnaps nicht geschmeckt. Aber alles scheint besser, wenn ein Einhorn drauf ist.

Es könnte jetzt einfach nur Zufall sein, dass mir ein Einhorn über den Weg galoppierte. Das war es aber mit Sicherheit nicht. Seit geraumer Zeit schwirren diese Fabelwesen nicht mehr nur durch die Kinderzimmer in Form von Plüsch und Plastik. Sie sind überall. Es glitzert und blinkt uns aus den sozialen Netzwerken, Online-Plattformen und Supermarktregalen entgegen: Einhorn-Kaffeetassen werden stolz in die Kamera gehalten, Prominente positionieren sich auf aufblasbaren Schwimminseln mit Einhornkopf und Regenbogenschweif und werden dafür von ihren Fans frenetisch gefeiert.

Vierbeinige Salz- und Pfefferstreuer kann man kaufen, Einhorn-Gummibärchen oder Küchenplaner und Klopapier mit rosa Einhornmotiven. Und pinke Einhorn-Bratwürstchen stellen das absurde Ende der Fabelwesen-Verwertungskette dar. Eine vorsichtige Umfrage im Freundeskreis ergab: Erwachsene, sehr geschätzte Menschen, denen eine gewisse geistige Reife zugestanden werden kann, sind stolze Besitzer von Einhorn-Duschhauben.

Es stellt sich die Frage: Woher kommt der Trend um die magischen Wesen? Peter Wippermann ist einer der renommiertesten deutschen Trendforscher und Professor für Kommunikationsdesign an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Und er bestätigt den Verdacht eines jeden Einhornskeptikers: Der Trend ist aus den Kinderzimmern auf den Rest der Bevölkerung übergegangen. „So ein Trend entsteht langsam“, sagt Wippermann. Seit drei, vier Jahren sei der Hype um das Einhorn schon zu beobachten. Angefangen habe alles mit Einhörnern in den Unterhaltungsmedien. Beispielsweise durch die Animations-Serie „Mia & Me“, in der Einhörner Abenteuer erleben. „Dieser Trend ist aus den Kinderzimmern und durch die Kultur der Mütter in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“

Man muss fair sein und darf nicht vergessen, dass es immer mal wieder Trend-Tiere gibt. Eulen zum Beispiel, lugten vor einigen Jahren auch aus jeglichen Schaufenstern der Nation. Aber wer trägt heute noch Eulen-Blusen? Eben. Bei Einhörnern verhält sich das jedoch anders: „Einhörner haben eine symbolische Kraft, und das nicht erst seit Kurzem, sondern seit 2000 Jahren. Als Fabelwesen sind sie deutlich unterschiedlich zu Modetrends wie Eulen, Schnurrbärten oder Flamingos zu sehen. Diese Modetrends überstehen ja kaum das Jahr.“ Diese Fabelwesen stünden für Einzigartigkeit und Hoffnung, sagt Wippermann. „Einhörner sind als Symbol zu sehen. Sie stehen für eine Welt, die nie überprüft werden kann.“

Schon länger gilt das Einhorn als eine Art inoffizielles Maskottchen der Lesben- und Schwulenbewegung, ganz nach dem Motto: „Sei stolz, sei frei, sei ein Einhorn!“ Wer sich umhört merkt, dass in der LGBT-Community (Lesbian, Gay, Bisexuel, Transgender) der Einhorn-Hype teilweise kritisch gesehen wird; zu inflationär scheint die Nutzung des symbolträchtigen Tieres.

Auch an der Wall Street gibt es das weiße Pferd mit dem Horn auf der Stirn als strahlendes Symbol: Im „club of unicorns“ kann nur Mitglied werden, wer sich ein milliardenschwer bewertetes Start-Up-Unternehmen nennen kann, wie etwa Snapchat oder Uber.

„Einhörner sind als Symbol zu sehen. Sie stehen für eine Welt, die nie überprüft werden kann.“

Einhörner sind die edelsten Wesen, die man sich in mythischer Hinsicht vorstellen kann. Es sind Fabelwesen. Glaubt man den Mythen der Antike, sind sie das Symbol für Reinheit und das Gute; glaubt man Hollywood, sind sie anmutig und theoretisch unsterblich; und glaubt man Amazon, besteht Einhorn-Pups aus Marshmallow und kostet fünf Euro die 20-Gramm-Packung.

Nach zeitgenössischer Darstellung sind es aber vor allem Glitzertiere, die auf Wolken leben und am liebsten gut gelaunt über Regenbögen spazieren. Ist der Hype um die Einhörner ein Beweis für Infantilisierung der Gesellschaft? Peter Wippermann sieht darin eher ein Bedürfnis: „Sagen wir es so: Wie entsteht Hunger? In dem Moment, in dem ein Defizit entsteht, kommen Sehnsüchte auf, die befriedigt werden müssen. In einer rationalen Welt, in der alles durchkalkuliert ist, sehnt sich der Mensch nach einer Wiederverzauberung der Welt.“

Unser inneres Kind ruft also nach etwas weniger Ernsthaftigkeit, fordert mehr Glitzer, mehr Magie in unserem Alltag. „Man erinnert sich gerne an die eigene glückliche Kindheit zurück. In unruhigen Zeiten zieht man sich in die Fantasiewelt zurück“, sagt der Trendforscher.

Ein weiterer wichtiger Aspekt beim Einhorn-Trend: unser Konsumverhalten. Rittersport beispielsweise landete mit seiner limitierten Einhorn-Schokolade vor einigen Monaten einen PR-Coup, von dem jedes Unternehmen nur träumen kann: Die „magischen“ Schoko-Quadrate der limitierten Edition waren innerhalb kürzester Zeit ausverkauft, auf Online-Portalen verlangen Anbieter horrende Summen für die seltenen Einhorn-Tafeln.

Marketingexperten sehen darin die ideale Kombination: ein Produkt mit einem Tier darauf, welches sehr selten und kostbar ist – und dann auch noch als limitierte Edition. Da sagt der menschliche Verstand: Muss ich haben. Klar, dass auch Hersteller anderer Produkte ein sprichwörtliches Stück vom Einhorn-Kuchen haben wollen. Aber jeder Trend geht einmal vorbei. Und auch wenn sich die Einhörner schon seit geraumer Zeit hartnäckig halten, werden sie irgendwann wieder in ihrem Zauberland verschwinden.

Am Tag nach der Begegnung mit dem Wodka-Einhorn erhielt ich außerdem ein Mitbringsel vom Stadtfest. Es war ein rosa Ballon-Einhorn. Da war es, das erste eigene Einhornutensil. Es thront nun auf dem Bücherregal – so lange, bis die Luft raus ist.

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