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Moorleichen : Sie nahmen ihr Geheimnis mit ins Moor

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ein Liebespaar, das vierhundert Jahre getrennt voneinander lebte und ein Mädchen, das ein junger Mann war – einige Rätsel um die Gottorfer Toten konnten gelöst werden.

Am 19. Mai des Jahres 1952 waren Arbeiter in der Nähe des Gutes Windeby bei Eckernförde (Schleswig-Holstein) mit dem Abbau von Torf beschäftigt. Normalerweise wurde dazu ein Bagger eingesetzt. Aber da das schwere Gerät an diesem Tag nicht zur Verfügung stand, musste per Hand geschaufelt werden. Immerhin stand ein Förderband bereit, auf dem der Aushub landete. Das Band transportierte die Torfklumpen in eine Presse, die das Material in handliche Briketts formte. Passend für den heimischen Ofen.

Als einer der Arbeiter einen besonders großen Klumpen auf das Förderband geworfen hatte, sah er einen Knochen herausragen. Daraufhin rief er dem Maschinenmeister zu: „Pass op, dor kümmt en Hirschbeen.“ Der Maschinist hätte antworten können: „Brennt ook!“ Doch stattdessen legte er den Hebel auf Stopp. Für den ältesten erhalten gebliebenen Schleswig-Holsteiner war diese Entscheidung „lebensrettend“, denn die Arbeiter erkannten schnell, dass sie nicht den Teil eines Hirschen aus etwa 1,50 Meter Tiefe ans Tageslicht befördert hatten, sondern den Knochen eines Menschen.

Eine vergrabene Leiche, das ist ein Fall für die Kripo, sagten sich die Ausgräber und alarmierten die Polizei. Die Beamten kamen in Eile, prüften den Fund mit kriminalistischem Scharfsinn und stellten mit messerscharfer Logik fest: Wenn es ein Verbrechen war, ist es seit etlichen Jahrhunderten verjährt. Folgerichtig übernahmen die Archäologen von Schloss Gottorf den rätselhaften Fall. Alte Fotos von der Bergung verdeutlichen, dass man durchaus professionell zu Werke ging. Die Fundstätte wurde großräumig abgesperrt und untersucht. Man hatte schließlich Erfahrungen mit Funden menschlicher Überreste im Moor. Schon 1871 war in Rendswühren im Kreis Plön die erstaunlich gut erhaltene Leiche eines etwa 40 bis 50 Jahre alten Mannes gefunden und von bis heute berühmt gebliebenen Koryphäen wie dem Gerichtsmediziner Rudolf Virchow und der geradezu legendären Archäologin Professor Johanna Mestorf begutachtet worden.

Die Aufregung über die erste Entdeckung bei Windeby hatte sich noch nicht gelegt, als die nun noch sorgfältiger grabenden Arbeiter am 9. Juni 1952 in der Nähe der alten Fundstätte erneut auf menschliche Knochen stießen und diesmal gleich die Archäologen riefen. Die erkannten schnell einige Unterschiede zum ersten Fund. Der oder die Tote war mit armdicken Holzstangen und Reisig abgedeckt, um den Hals lag eine Haselruten-Schlinge. Und während die Wissenschaftler noch untersuchten, verbreiteten sich mit und ohne ihre Hilfe Geschichten über das Paar aus dem Moor. Bei der zuerst gefundenen Toten handelte es sich höchstwahrscheinlich um ein junges Mädchen, so hieß es, es sei zu vermuten, dass es zwischen ihr und dem später ausgegrabenen Mann eine Beziehung gegeben habe. Zur Strafe sei die junge Frau, die eine Augenbinde trugt, aus der dörflichen Gemeinschaft ausgeschlossen, wahrscheinlich umgebracht oder gar lebend im Moor vergraben worden.

Ein halbes Jahrhundert lang hielt sich diese Version. Dann brachten neue Untersuchungsmethoden völlig überraschende Erkenntnisse. Zu verdanken ist dies dem auf Gottorf tätigen Michael Gebühr und der kanadischen Wissenschaftlerin Heather Gill-Robinson, die in den Jahren 2003 bis 2005 die alte Theorie gründlich widerlegten. Dr. Angelika Abegg-Wigg, als Kuratorin für die Eisenzeit heute auch für die Betreuung der Moorleichen zuständig, spricht von einem „tiefen Einschnitt“, der vor zehn Jahren stattfand, die alten Deutungen aber noch immer nicht aus unzähligen Veröffentlichungen, ja nicht einmal aus der Gottorfer Ausstellung der fünf gezeigten Moorleichen verdrängt hat.

Mit Hilfe von Computertomografie und des für die Datierung genutzten C14-Verfahrens ist zweifelsfrei ermittelt worden, dass die beiden Toten von Windeby sich nicht gekannt haben können; denn die zuerst entdeckte angebliche Ehebrecherin lebte im ersten nachchristlichen Jahrhundert, der drei Wochen später geborgene Mann im 3. Jahrhundert vor Christi Geburt.

Das war die erste Überraschung, und eine zweite folgte auf dem Fuß. Zwar mahnt die Expertin Abegg-Wigg noch ein wenig zur Vorsicht, räumt jedoch ein, es spreche fast alles dafür, dass es sich bei dem bisher als Mädchen gehandelten Leichenfund von Windeby in Wirklichkeit um einen Jungen handelt. Korrekturen sind auch beim Alter gemacht worden. Zwar sprechen die Archäologen noch immer vom „Kind von Windeby“, doch die neuen Untersuchungen haben ergeben, dass bei dem Toten die Weisheitszähne noch nicht durchgebrochen waren. Das zuvor angenommene Alter von 14 Jahren kann also nicht stimmen. Es muss sich daher um einen mindestens 16-Jährigen handeln.

Doch mit diesen Erkenntnissen sind noch nicht alle Rätsel um die beiden Moorleichen von Windeby gelöst. Offen ist nach wie vor die Todesursache. Die Theorie, dass es sich um einen Mord oder eine Hinrichtung gehandelt haben könnte, lässt sich allerdings nicht länger aufrechterhalten; denn im Gegensatz zu der bei Rendswühren gefundenen Leiche, an der sich Zeichen von Gewalt feststellen ließen, sind die beiden Toten von Windeby allem Anschein nach eines natürlichen Todes gestorben. Bei dem Jungen, der bisher als Mädchen galt, glaubt man sogar die Ursache ermittelt zu haben, nämlich eine Zahninfektion. Röntgenaufnahmen der Knochen haben eindeutig gezeigt, dass der Gesundheitszustand des jungen Mannes als Folge von mangelhafter Ernährung schlecht und der Körper damit anfällig für Infektionen war. Auch für das Rätsel um die Augenbinde gibt es eine plausible Erklärung. Es handelt sich vermutlich um die Reste einer Mütze.

Kein Hinweis auf eine Gewalttat bedeutet entgegen früheren Vermutungen auch die bei dem älteren Mann gefundene Halsschlinge aus einer Haselnussrute. Es handelt sich wohl nur um einen Teil der Abdeckung des Leichnams.

Noch keine eindeutige Erklärung haben die Archäologen dafür, warum die im Moor gefundenen Toten nicht, wie es seinerzeit die Regel war, verbrannt und in Urnen auf einem der großen Friedhöfe beigesetzt wurden. Die Vermutungen gehen dahin, dass die beiden Männer ein Geheimnis mit ins Grab genommen haben, das nie mehr restlos gelöst werden kann. Denn während die Gottorfer Moorleichen in früheren Jahren noch an andere Museen ausgeliehen und sogar für Untersuchungen in die Kieler Universität transportiert wurden, sind die makabren Fundstücke inzwischen so fragil geworden, dass nach den Worten von Dr. Abegg-Wigg keine weiteren „Reisen“ möglich sind. Auch zusätzliche Analysen der Toten würden keine wesentlich neuen Erkenntnisse bringen. Die allerletzen Rätsel um die namenlosen menschlichen Funde von Windeby werden daher unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten auf ewig ungelöst bleiben, damit aber gleichzeitig die Fantasie anregen und neue Erklärungen für das vielleicht doch schaurige Ende der beiden Männer hervorbringen.

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