Blutbad in Texas : „Sie hatten alle keine Chance“

Ermittler untersuchen in Sutherland Springs den Tatort.
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Ermittler untersuchen in Sutherland Springs den Tatort.

Blutbad in Kirche in Texas: US-Präsident Trump sieht trotz 26 Toter keinen Grund für eine Waffendebatte

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06. November 2017, 21:00 Uhr

Die meisten Tragödien haben auch Helden. Und als solchen feiern die USA seit Sonntag den 27-jährigen Johnnie Langendorff aus Texas. Der junge Mann und ein namentlich bisher nicht bekannter bewaffneter Bürger hatten über 15 Kilometer lang den Todesschützen Devin Kelley verfolgt, nachdem dieser zuvor in der First Baptist-Kirche der 362-Seelen-Gemeinde Sutherland Springs 26 Menschen während der Messe in den Bänken erschossen und über 20 teilweise lebensgefährlich verletzt hatte.

Langendorff war am Sonntag im Auto auf dem Weg zu seiner Freundin und an einer Tankstelle, als er vom der Kirchengelände Schüsse hörte. Er sah kurz einen ganz in Schwarz gekleideten Mann, der dann einen Wagen bestieg und davonraste. Und er sah auch einen mit einem Gewehr bewaffneten Anwohner, der auf ihn zulief und sagte: „Der hat gerade die ganze Kirche zusammengeschossen, wir müssen ihn verfolgen.“

„Und das haben wir dann auch getan“, berichtete Langendorff gegenüber Reportern. Mit Geschwindigkeiten von bis zu 140 Stundenkilometern ging es über eine Landstraße, während die beiden die Polizei ständig über die Position des Flüchtenden informierten. Der 26-jährige Amokschütze verlor schließlich die Kontrolle über sein Fahrzeug, verließ die Straße und raste in einen Heuballen. Der Anwohner, der bereits an der Kirche auf den Täter geschossen und diesen nach Polizeiangaben zur Flucht gezwungen hatte, hielt den Amokschützen in Schach, bis „fünf bis sieben Minuten später“ der Sheriff kam. Devin Kelley wurde tot in seinem Wagen gefunden. Unklar ist, ob er sich selbst das Leben nahm oder durch eine zuvor abgefeuerte Kugel des Bürgers starb, der auf ihn gefeuert hatte. Dass bei der tödlichsten Massenschießerei in der Geschichte des extrem waffenfreundlichen Bundesstaates Texas nicht noch mehr Menschen getötet wurden, sei – das ist eine der offiziellen Stellungnahmen von US-Präsident Donald Trump während seiner Asienreise – vor allem dem Eingreifen des bewaffneten Bürgers zu verdanken. „Glücklicherweise hatte jemand eine Waffe“, so Trump. Sonst hätte es „viel schlimmer“ kommen können. Trump, der sich nach dem Konzert-Massaker von Las Vegas vor vier Wochen ebenfalls mit dem Ruf nach schärferen Gesetzen zurückgehalten hatte, sieht auch diesmal nicht Waffen als Kern des Übels an. Vielmehr habe der Amokschütze mentale und viele persönliche Probleme gehabt.

Der nahe San Antonio, 60 Kilometer vom Tatort entfernt lebende Kelley war 2014 unehrenhaft aus der Luftwaffe entlassen worden, nachdem er gegenüber seiner Frau und seinem Kind handgreiflich geworden und 2012 von einem Militärgericht verurtelt worden war. Eine Waffe hätte er nach der geltenden Gesetzeslage deshalb nicht legal erwerben dürfen, auch eine Lizenz zum offenen Tragen einer Waffe war ihm einst verweigert worden.

Dass er dennoch, vermutlich aufgrund von Pannen, Waffenkäufe tätigen konnte, trug zum Tod der Kirchgänger bei, deren Alter mit fünf bis 72 Jahren angegeben wird. Die 14-jährige Tochter des Pfarrers, der nicht im Gebäude war und sich vertreten ließ, ist ebenso unter den Opfern wie der für den Gottesdienst angereiste Pastor. Ebenso starben acht Mitglieder einer Familie, darunter auch eine Schwangere und drei ihrer Kinder. Die neunjährige Rihanna Ward überlebte, weil sich ihre ebenfalls zu den Toten zählende Mutter Joann schützend über sie warf – und alle Kugeln auffing.

Sie alle hätten keine Chance gehabt, dem Gebäude zu entkommen, so Sicherheitsbehörden. Der von Bekannten als Atheist bezeichnete Mörder sei methodisch vorgegangen und habe eine Reihe nach der anderen unter Feuer genommen. Warum Kelley, der auf seiner Facebookseite ein Schnellfeuergewehr abbildete, ausgerechnet die kleine Kirche in Sutherland Springs auswählte, was gestern noch nicht eindeutig klar. Allerdings sollen die Schwiegereltern dort zur Kirche gegangen, heißt es. Sie waren laut Sheriff am Sonntag nicht anwesend.

Kommentar von Friedemann Diederichs: Tödlicher Zyklus

Die Diskussion um schärfere Vorschriften folgt jedem Amoklauf pünktlich und mit der bekannten Automatik, ohne dass wirkliche spürbare Aktionen auf der politischen Ebene folgen. Auch diesmal wird es nicht anders sein. Aber es war ausgerechnet ein bewaffneter Zivilist, der den Amokläufer zur Flucht zwang. Ein gefundenes Fressen für all jene, die sagen: Nur gute Menschen mit Waffen können böse Menschen mit Waffen stoppen. Es wird schwer sein, den Zyklus von schockierenden Gewalttaten und Schusswaffen zu beenden.
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