„Prinzen“-Sänger über Sachsen : Sebastian Krumbiegel: „Viele Ossis haben Demokratie nicht gelernt“

Sänger der Gruppe „Prinzen“: Sebastian Krumbiegel
Sänger der Gruppe „Prinzen“: Sebastian Krumbiegel

Sachsen stecke in einer fremdenfeindlichen Entwicklung, sagt „Prinzen“-Frontmann Sebastian Krumbiegel. An seinem Heimat-Bundesland zweifelt er trotzdem nicht

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20. November 2017, 20:45 Uhr

In seiner Heimatstadt Leipzig meldet sich „Prinzen“-Sänger Sebastian Krumbiegel immer wieder lautstark gegen Rechtspopulismus zu Wort. Der 51-jährige Ex-Chorknabe macht die CDU-Landespolitik für den Rechtsdrall seines Bundeslands Sachsen verantwortlich – und will selbst toleranter sein als früher. Violetta Kohn sprach mit dem Musiker.

Herr Krumbiegel, Sie sind ihrem Geburtsland Sachsen immer treu geblieben und engagieren sich seit Jahren gegen Rechts. Nun hat ausgerechnet hier die AfD bei der Bundestagswahl ihr bestes Ergebnis eingefahren. Zweifeln Sie manchmal an Sachsen? Krumbiegel: An dem Bundesland Sachsen habe ich noch nie gezweifelt. Wenn, dann kann man an Landesregierungen zweifeln. Wir haben schon lange vor dem gewarnt, was hier abgeht. Aber die unionsgeführte Regierung war die letzten 25 Jahre auf dem sprichwörtlichen rechten Auge blind und hat die fremdenfeindliche Entwicklung sogar befeuert. Wenn Ministerpräsident Tillich sagt, dass der Islam nicht zu Sachsen gehört, wenn Landtagspräsident Rösler sagt, wir bräuchten mehr nationale Wallungen, dann ist das nicht förderlich für eine gelungene Integration. Es muss klar sein, dass es keine Nestbeschmutzung ist, wenn man so etwas kritisiert.

Warum findet eine rechtsgerichtete Partei wie die AfD gerade im Osten so viel Unterstützung?
Das hat unterschiedliche Gründe. Wir haben 40 Jahre unterschiedliche Sozialisierung, im Osten kaum Erfahrungen mit Ausländern, und es gab übersteigerte Hoffnungen auf das, was nach der Wiedervereinigung kommen würde. Im Westen höre ich ganz oft: „Ey, ihr Ossis, seid mal ein bisschen dankbar!“ Aber vielen Leuten im Osten ist die Vergangenheit geklaut worden. Sie haben das Gefühl, dass die 40 Jahre, die sie in der DDR gelebt haben, 40 verlorene, falsche Jahre waren. Dieses Gefühl wurde natürlich verstärkt durch Fehler, die gemacht worden sind: zum Beispiel von der Treuhand mit dem Ausverkauf des Ostens.

Und ein wichtiger Grund ist sicher auch die mangelnde politische Bildung. Du musst auch lernen, in einer Demokratie zu leben, und genau dazu hatten viele Ossis keine Gelegenheit. Und wenn in Sachsen ein Fach wie Gemeinschaftskunde erst ab der neunten Klasse unterrichtet wird, dann kommen Kids, die nach der achten abgehen, niemals in diesen Genuss.

Dass der Ost-West-Graben wieder so breit geworden ist, ärgert und befremdet mich massiv. Wir sollten einander wieder mehr zuhören und miteinander reden. Respekt ist der Schlüssel. Ich bin mittlerweile alt genug, um zu akzeptieren, dass es Menschen mit konservativen Einstellungen gibt. Vor 20 oder 30 Jahren hätte ich gesagt: „Mit dir rede ich doch gar nicht.“ Heute sage ich: „Ich hab zwar eine andere Meinung, aber trotzdem möchte ich gerne mit dir reden.“

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