Schwere Krankheit : Schwangere kämpft gegen Brustkrebs - und gewinnt

Mit Spaß am Leben: Sandra Röpe und ihr Baby als Kiwi-Köpfe.
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Mit Spaß am Leben: Sandra Röpe und ihr Baby als Kiwi-Köpfe.

Eine Mutter kämpft – mit Baby im Bauch – gegen eine besonders aggressive Variante des Brustkrebses.

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23. September 2017, 18:13 Uhr

„Ich bin schwanger. Ich bin überglücklich. Nichts kann dieses Glück erschüttern. Dachte ich...“ So beginnt die Geschichte von Sandra Röpe (35). Einer Frau, die sich so sehr auf das sehnlich gewünschte zweite Kind freute. Und die dann, im fünften Monat der Schwangerschaft, den Satz hörte, der ihr augenblicklich den Boden unter den Füßen wegzog: „Sie haben Brustkrebs, und leider eine besonders schwere Form.“ Sandra Röpe fühlte sich wie im freien Fall. Ihr Leben hing von einem Moment auf den anderen am seidenen Faden. Und das von dem Baby in ihrem Bauch ebenfalls.

Der Albtraum beginnt im Dezember 2014. Morgens unter der Dusche. Da bemerkt die lebenslustige Anwalts-Fachangestellte, die mit ihrem Mann Christian (32) und Söhnchen Matthis (5) in einem kleinen Ort in Niedersachsen wohnt, eine Veränderung in der linken Brust: „Sie war seltsam beulig und deutlich größer als die rechte“. Das änderte sich auch in den Tagen danach nicht. „Es ist kurz vor Weihnachten“, sagt sie sich. „Ich mach’ jetzt keinen Termin beim Frauenarzt mehr, ich bin ja im Januar sowieso bei ihm.“

Und immer wieder beruhigte eine innere Stimme: „Da wird schon nichts sein, mir geht’s ja super.“ Obwohl – seit Kurzem ist sie ständig müde und abgeschlagen. „Das kommt in der Schwangerschaft halt mal vor“, wiegeln Freunde und Bekannte ab. „Stell’ dich nicht so an!“

12. Januar 2015, Schwangerschafts-Check beim Frauenarzt. Ergebnis: Alles okay, dem Baby geht’s gut. „Ach ja, könnten Sie bitte noch nach meiner linken Brust schauen...“ Der Doktor tastet sie ab, schaut sie sich an, besonders die Hautrötungen. Er vermutet eine Entzündung, bittet die Schwangere, sich sicherheitshalber in der Klinik Rotenburg vorzustellen.

Eine Woche später – Termin im Krankenhaus. Brust anschauen, abtasten, Ultraschall, Mammographie. Erneuter Verdacht einer Entzündung. Sandra Röpe soll eine Woche lang Antibiotikum nehmen. „Bei jeder Einnahme entschuldigte ich mich bei meinem Baby: ‚Das tut mir so leid, aber es muss sein!’“

28. Januar, erneuter Termin in der Klinik. Die Rötung – unverändert. Man entnimmt oberflächlich Gewebe. „Das Ergebnis haben wir übermorgen, bitte rufen Sie dann an.“ Das Warten auf das Resultat empfindet Sandra Röpe als Folter. „Da geht man durch die Hölle, kann nicht schlafen, ist aufgewühlt und mit den Nerven zu Fuß.“

30. Januar, Anruf in der Klinik. „Ich war voller Angst und extrem nervös.“ Wie in Trance hört sie, dass es auffällige Zellen gebe, dass das Labor weiter testen müsse, dass sie in fünf Tagen wiederkommen solle. Ihre Hände zittern, Tränen rinnen über ihr Gesicht. Sie ahnt nichts Gutes. Man spürt sowas, sagt sie heute.

Chemo im 5. Monat

Ausgerechnet am „Weltkrebstag“, am 4. Februar, hat sie den nächsten Termin in der Klinik. Mit rotgeweinten Augen sitzt sie vor der Ärztin, die tief Luft holt und ihr fest in die Augen schaut: „Frau Röpe, es tut mir leid, Sie haben Krebs. Genauer gesagt: einen sekundär inflammatorischen Brustkrebs, Hormonrezeptor negativ. Er wächst schnell und ist aggressiv.“

Man kann kaum nachempfinden, was in einem solchen Moment in einem Menschen vorgeht. Erst recht nicht, wenn es eine werdende Mutter in der 20. Schwangerschaftswoche ist, die diese niederschmetternde Nachricht bekommt. „Mir war kotzübel“, schreibt Sandra Röpe in ihr Tagebuch. „Der Hals schnürte sich zu, unter mir tat sich ein großes Loch auf. Ich wartete auf den Satz: ‚Versteckte Kamera!’ Aber er kam nicht, nur Stille.“

Durch ihren Kopf sei eine Achterbahn gefahren, Fragen blitzten auf: Chemo im 5. Monat, geht das überhaupt? Muss ich sterben? Muss mein Baby sterben? Was wird aus meinem Mann, aus meinem kleinen Sohn Matthis, aus meinem Baby? Ihrem Tagebuch vertraute sie an: „Meine heile, in Watte gebettete Welt brach zusammen. In mir schrie eine Stimme: ‚Hilf mir doch einer, bitte!“

Auch eine Abtreibung ist möglich

Ihr Mann, die Eltern, die Schwiegereltern – alle sind zur Stelle, spenden Trost, machen Mut, nehmen ihr Hausarbeit und den kleinen Matthis ab. Das sei „einfach großartig“ gewesen. Aber die wichtigste Entscheidung trifft sie nach unzähligen Weinkrämpfen letztendlich selbst – nicht aufzugeben, den Kampf anzunehmen und die Behandlungs-Tortur, die auf sie zukommt, auszuhalten. „Ich will leben! Und ich will zwei Kinder aufwachsen sehen“, schrieb sie.

Man klärt sie auf, dass in ihrem Fall eine Abtreibung möglich sei, weil ihr Leben in Gefahr und dies ein Notfall sei. Sie lehnt sofort ab: „Kommt nicht in Frage. Ich schaffe das, und mein Baby auch!“

Die Behandlung beginnt. Sofort. Jetzt gilt es, keine Zeit zu verlieren. Die Klinik-Tumorkonferenz (ein multidisziplinäres Team, bestehend aus Brustkrebs-Spezialist, Psycho-Onkologe, Geburtshelfer, Kinderarzt) diskutiert das Vorgehen im Fall Röpe, beschließt eine Chemo, die der Mutter helfen, aber das Baby nicht gefährden soll.

Schwanger muss Sandra Röpe zur Chemotherapie.
Foto: Nina Brinkmann
Schwanger muss Sandra Röpe zur Chemotherapie.
 

Zum Glück ist Sandra Röpe bereits im fünften Monat. In den ersten drei Monaten einer Schwangerschaft ist eine Chemo nicht möglich. „In dieser Zeit findet beim Embryo die Organentwicklung statt“, erklärt Oberarzt Dr. Tobias Hesse, Facharzt für Frauenheilkunde, Geburtshilfe und Tumortherapie am Diakonieklinikum Rotenburg. „Vor allem in dieser Zeit können Zytostatika dem heranwachsenden Kind schaden. Der fertig ausgebildete Mutterkuchen bietet dagegen einen wichtigen Schutz. Er kann bestimmte Substanzen aus dem mütterlichen Blut herausfiltern!“

Sandra Röpe bekommt einen Port in die Schulter eingepflanzt (ein dauerhafter Venen-Zugang für die Chemo), mit EKG und Herz-Echo wird geklärt, dass ihr Herz für die Chemo gewappnet ist. Irgendjemanden im weißen Kittel hört sie sagen: „Sie sollten sich jetzt keinen Infekt einfangen und wöchentlich zur Blutkontrolle kommen!“

„Mama rettet uns beide, das schwör’ ich dir“

In der Radiologie werden am 9. Februar per Ultraschall die Organe gecheckt – andere Verfahren wie Computertomografie, Röntgen, Knochenszintigraphie sind wegen der Strahlenbelastung mit Rücksicht auf die Schwangerschaft nicht möglich. Es endet mit einem neuen Schock: Der Brustkrebs hat gestreut – in der Leber sitzen Metastasen! Die Fünf-Jahres-Überlebens-Chance, so sagt man ihr, liege bei maximal 50 Prozent.

Da ist es wieder, dieses riesige Loch. Dieser nicht enden wollende freie Fall  ... „In der Leber metastasierter Brustkrebs im fünften Monat einer Schwangerschaft, das ist ein sehr seltener, sehr spezieller Fall“, weiß Prof. Michael Untch, Chefarzt und Leiter des Interdisziplinären Brustzentrums des Helios-Klinikums Berlin-Buch. „Die Gefahr, in fortgeschrittener Schwangerschaft an entzündlichem Brustkrebs mit Leber-Metastasen zu erkranken, liegt im Promillebereich.“

Es dauert Tage, bis bei Röpe die letzte Träne getrocknet ist und sich die positiven Gedanken durchgesetzt haben – kämpfen, überleben, sich auf das Kind freuen. „Mama rettet uns beide, das schwör’ ich dir“, sagt sie mit fester Stimme und legt ihre Hände auf den dicken Baby-Bauch.

20. Februar 2015, 8.30 Uhr. Die erste (von vier) Chemos läuft durch den Port in Sandra Röpes Körper. Und endlich gibt’s auch mal eine gute Nachricht – die Tumorbiologie der Leber-Biopsie ergab: Die Metastasen stimmen mit den Brustkrebs-Tumoren überein. Heißt: Die Chemo bekämpft beides.

„Das große Hoffen beginnt“, notiert Röpe, der inzwischen die Haare ausfallen. Das Hoffen darauf, dass die Spezial-Chemo die richtige Entscheidung ist und wirkt. „Dass es die Chemo ist, die mich überleben lässt.“ Als sie sich im Spiegel anschaut, schüttelt sie den Kopf: „Chemoglatze und Babybauch – verdammt, das passt doch überhaupt nicht zusammen.“ Sandra Röpe bekommt nun auch Spritzen zur Lungenreife des Babys, das die Ärzte in der 35. Schwangerschaftswoche holen wollen.

Wie andere zum Job pendeln, so pendelt sie zwischen ihrem Häuschen im Grünen und der Klinik. Egal, ob sie sich wie erschlagen fühlt oder ob ihr übel ist – auf ihrer Agenda stehen ständig EKG, Blutabnahme, Zuckertest, Herz-Echo, Lungenspritze, der Baby-Check. „Und jedes Mal kommt diese panische Angst hoch – was ist mit dem Krebs, was ist mit dem Baby?“

Glück kehrt zurück. Am 22. April 2015 untersucht eine neue Ärztin Röpe per Ultraschall vor Chemo Nummer vier, der letzten vor der Entbindung. Sie stutzt: „Ich sehe gar nichts. Wo soll denn da ein Tumor sein?“ Wie bitte? Kein Tumor mehr? „Genau.“ Die Ärztin nickt. Sandra Röpe erinnert sich: „Das ist ein unbeschreibliches Gefühl, das zu hören. Ich hätte der Ärztin um den Hals fallen können“. Freudentränen kullern  ... Auch die letzte Baby-Untersuchung vor der Entbindung am 5. Mai bestätigt: alles bestens. „Ich könnte die Welt umarmen!“

Dann plötzlich doch wieder Unruhe. Die Tumorkonferenz beschließt zunächst: „Wir verabreichen Ihnen im Abstand von einer Woche noch zwei Taxol-Gaben, holen Ihr Baby dann in der 36. Schwangerschaftswoche per Kaiserschnitt.“ Doch kurz darauf – Kommando zurück. Die Eisenwerte des Babys sind nicht gut. „Wir holen es doch schon in Woche 35, das ist besser!“

29. Mai 2015, der kleine Noah ist da!

48 Zentimeter groß, 2520 Gramm schwer – und kerngesund! Ins Tagebuch schreibt Mama Sandra: „Lieber Gott, ich danke Dir, dass der kleine Schatz die ganze Tortur gut überstanden hat!“

Für sie selbst beginnt nun aber die Tortur der hochdosierten Chemotherapie, für die jetzt der Weg frei ist. „Die hat mich echt umgehauen“, zieht sie nach den sechs Zyklen Bilanz. „Vier Monate unerträgliche Nebenwirkungen. Eine kleine Auswahl gefällig? Hände und Füße taub, totale Erschöpfung, trockene Augen, lose Fingernägel, extreme Vergesslichkeit, Ekel vor Essen, keinem Gespräch mehr folgen können...“ Aber es hat sich gelohnt: Die Metastasen in der Leber sind rückläufig, neue haben sich bis heute nicht gebildet.

Sommer 2017. Alle drei Wochen – und auf unbestimmte Zeit – bekommt Sandra Röpe eine Antikörpertherapie (Herzeptin und Pertuzumab). „Ich vertrage es ganz gut, bin nur oft ziemlich k.o.“ Ihre Leber wird regelmäßig per CT gecheckt, ihre Brust in kurzen Abständen abgetastet, mit Ultraschall untersucht.

Sie sitzt auf ihrem Sofa und nippt an ihrem Tee. Nachdenklich sagt sie: „Einerseits weiß ich, dass metastasierter Krebs aus rein medizinischer Sicht als unheilbar gilt. Aber Heilung hin oder her – ich kann trotz dieser Diagnose alt werden. Ich lasse den Tod nicht in meine Gedanken.“

Hat sie mit ihrem Mann über die Zukunft gesprochen? „Natürlich, inklusive aller bedrückenden Gedanken. Über das, was wäre, wenn ‚es doch passiert’. Die Kinderbetreuung wäre durch meinen Mann abgedeckt, durch die Großeltern und gute Freunde.“

Sie stockt, hält ein paar Momente inne. Und dann winkt sie ab, strahlt übers ganze Gesicht: „Ach, jetzt geht es mir gut. Und meinen beiden Kindern auch. Und das Jetzt zählt doch!“ Sie schaut nach draußen, wo Matthis und Noah (inzwischen 2) im Garten herumtollen.
 

Über ihr Schicksal hat sie ein Buch geschrieben: „Babybauch und Chemoglatze“ (Books on Demand, 14,95 Euro).

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