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VW-Rückruf : Schon jetzt stehen Kunden Schlange

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

In MV müssen 35 000 bis 45 000 Fahrzeuge in VW-Werkstätten - Mitarbeiter von VW-Händlern zeichnen differentes Bild

svz.de von
erstellt am 29.Okt.2015 | 12:00 Uhr

Das Telefon in der Werkstatt steht kaum noch still. „Viele Volkswagen-Kunden sind wegen der manipulierten Abgaswerte nervös, regelrecht aufgewühlt“, erzählt ein Mitarbeiter eines VW-Händlers in Vorpommern unserer Zeitung. Sie wollen einen Termin erhaschen, damit ihre Diesel-Karossen schnellstmöglich in Ordnung gebracht werden. „Wir können aber nicht mehr machen, als sie zu vertrösten“, erklärt der Werkstattchef. Doch auch Händler und Reparaturservice würden nicht mehr wissen, als das, was in der Öffentlichkeit diskutiert oder vom Konzern verbreitet wird. Ein Dilemma?

VW bereitet sich auf die größte Rückrufaktion der eigenen Historie vor: Ab Januar 2016 müssen 2,4 Millionen Fahrzeuge bei den 2 175 autorisierten Händlern in Deutschland nachgebessert werden. Rein rechnerisch kommen 1100 Fahrzeuge auf jede Werkstatt. Tauscht ein Kfz-Mechaniker „nur“ das Motoren-Programm aus, verschlingt schon das 90 Minuten Arbeitszeit inklusive Dokumentation – für ein einziges Auto. Dadurch entsteht ein Mehraufwand von gut 200 Arbeitstagen für jede autorisierte Werkstatt, so Berechnungen. Die beliebten 1,6-Liter-Modelle sind in dieser Rechnung noch nicht einmal einbezogen. Deren Rückruf beginnt erst im Herbst 2016, da die Werkstätten sowohl das Programm als auch den Speicher-Katalysator austauschen müssen. Geschätzter Aufwand: fünf Stunden pro Auto. In Anbetracht der Millionen Fahrzeuge gleicht VW in diesen Tagen einem Rechenzentrum: Die Wolfsburger sind aufgrund verschiedener Motoren, Getriebe oder Marken gezwungen, bis zu 10 000 unterschiedliche Lösungen zu erarbeiten. Konzern-Chef Matthias Müller gab das Ziel aus, bis Ende nächsten Jahres mit dem Rückruf fertig zu sein. „Die Leidtragenden sind die Händler vor Ort“, sagt der Insider. Es rolle eine Lawine auf sie zu, von der nur schwer abzuschätzen ist, wie groß sie würde. „Immerhin darf der normale Service trotz Rückrufaktion nicht beeinträchtigt werden.“

In Mecklenburg-Vorpommern gibt es 34 VW-Händler und 11 autorisierte Servicebetriebe. 45 Anlaufstellen für 194 733 im Land zugelassene VW-Modelle. Nach Recherchen unserer Zeitung sind in MV 35 000 bis 45 000 Autos mit geschönten Abgaswerten unterwegs. Der Aufwand für die Werkstätten liegt somit unter dem deutschlandweiten Mittel. Jeder Betrieb wird sich um 800 bis 1000 Autos kümmern müssen. VW hält sich bedeckt: Auf Anfrage wollte die Autostadt die Zahlen nicht kommentieren. Ebenso wenig wie die vielen Händler in MV und der Prignitz, die auf Nachfragen nicht reagierten oder auf Wolfsburg verwiesen.

Weil die Lawine wirklich keine Utopie ist? Der VW-Mitarbeiter berichtet, dass es selbst bei Routinearbeiten wie einem Reifenwechsel zu Verzögerungen kommen kann. „Bearbeiten die Werkstätten also Fälle, die sie in der Form selten hatten, kann schnell ein Service-Stau entstehen.“

Ein gänzlich anderes Bild zeichnet Friedhelm Dethloff, Geschäftsführer zweier VW-Autohäuser in Schwerin und Wismar. Zwar wisse er wie alle nicht, was auf ihn zukommen würde, aber er sehe sich und seine Mitarbeiter gut vorbereitet. Er ist überzeugt: „Wir schaffen das!“ Noch vor Beginn der Abgas-Krise habe er in die Ausstattung seiner Werkstätten investiert. Jeder Mechaniker verfügt mittlerweile über einen Computer am Arbeitsplatz, um die Programme der Fahrzeuge zu prüfen und somit die fehlerhafte Software möglichst schnell entfernen zu können. Auch der tägliche Service der Werkstätten würde nicht unter dem Rückruf leiden. Die Zweigstelle in Schwerin kommt laut Dethloff auf 35 bis 45 Durchläufe pro Tag; Wismar liegt mit 60 sogar noch darüber. „Das ist nicht allzu viel“, findet er.

Um das Beispiel noch einmal zu bemühen: Bei 90 Minuten Arbeitszeit schafft ein Mechaniker nicht mehr als fünf oder sechs Autos am Tag. Vorausgesetzt, es handle sich lediglich um die Anpassung des Motoren-Programms. Bei einem reibungslosen Ablauf würde der Rückruf vier bis fünf Monate in Anspruch nehmen. Dethloff weiß: „Es kommt viel Arbeit auf uns zu. Ohne die ein oder andere Überstunde wird es wahrscheinlich nicht gehen.“

Vielleicht gibt es aber auch eine ganze andere Lösung – die Wiedergeburt der Abwrackprämie. Laut Informationen der Deutschen-Presse-Agentur will VW Kunden, deren Diesel eine hohe Laufleistung aufweisen, ein „Tauschangebot“ unterbreiten: Betroffene Fahrzeuge würden in Zahlung genommen, gleichzeitig gäbe es eine Offerte für einen Neuwagen. Der Aufwand für die Werkstätten fiele weg, zudem ergäbe sich die Möglichkeit, die zurückgenommenen Fahrzeuge außerhalb der EU wieder zu verkaufen. Eine Win-win-Situation? Eines ist sicher: Das Telefon wird bei den VW-Händlern vorerst nicht stillstehen. 

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