Der Countdown läuft : Scheidung auf Katalanisch

Protestaktionen – wie hier in dem historischen Teil der Universität in Barcelona – sind in Katalonien an der Tagesordnung.
Protestaktionen – wie hier in dem historischen Teil der Universität in Barcelona – sind in Katalonien an der Tagesordnung.

Am Sonntag will Katalonien über seine Unabhängigkeit abstimmen. Unter den Verfechtern der Idee sind nicht nur Fantasten

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28. September 2017, 21:00 Uhr

Vor dem Rathaus von Arenys de Munt fassen sich die Menschen an den Händen und drehen sich in einem großen Kreis im Tanze. Aus Lautsprechern ertönt Musik von Flöten, Trommeln und Trompeten – der Startschuss für die „Sardana“, den Volkstanz Kataloniens. Einen Moment lang scheint es, als sei die Welt in diesem Teil Spaniens gerade in bester Ordnung. Aber um die fröhlich hüpfenden Bürger herum – an den Häuserwänden und über ihren Köpfen – flattern Fahnen und Schriftbanner im Wind. Sie sind sichtbare Zeichen dafür, dass hier eine ganze Region den Aufstand probt.

An Balkonen und Fenstern haben sie „Esteladas“ angebracht, die Flagge der Unabhängigkeitsbewegung: Vier rote Streifen auf gelbem Grund, seitlich ein blaues Dreieck mit weißem Stern. Unverkennbar: Hier diente Kubas Nationalflagge als Vorbild. Die Katalanen hatten den Unabhängigkeitskampf der spanischen Ex-Kolonie zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts mit ehrfürchtigem Interesse verfolgt.

Auch die meisten Laternen und Gebäude in Arenys de Munt sind mit Plakaten und Postern gepflastert. „Referendum ist Demokratie“, heißt es da, oder „Hola Republica“, Hallo Republik Katalonien. Denn von der träumen die Leute im Dorf.

„Es ist alles vorbereitet, es kann losgehen“, sagt Joan Rabasseda, der Bürgermeister des 40 Autominuten von Barcelona entfernten Ortes, und lehnt sich in seinem schmucken Büro lässig zurück. Trotz aller Drohgebärden aus Madrid hat er entschieden, das von der „Generalitat“ (Regionalregierung) ausgerufene Referendum über eine Abspaltung der wirtschaftsstarken Region am 1. Oktober abzuhalten. Dass die Polizei Millionen von Wahlzetteln beschlagnahmt hat, stellt offensichtlich keine Hürde dar. „Wir drucken in unseren Häusern einfach neue“, schmunzelt Rabasseda, schließlich lebe man ja im 21. Jahrhundert, sagt er. „Ich muss auf die Bürger hören. Wie soll ich ihnen denn erklären, dass sie nicht wählen dürfen?“, verteidigt er seinen Entschluss. Denn die Generalitat sagt „sí“, ja, wir werden abstimmen – ungeachtet aller Versuche von Ministerpräsident Mariano Rajoy und seiner konservativen Volkspartei Partido Popular (PP), dies zu unterbinden. Das Verfassungsgericht gab Rajoy zwar Recht und untersagte die Volksbefragung, aber die Katalanen geben sich kühn und kämpferisch.

Für seine Aufmüpfigkeit musste Rabasseda bereits bei der Justiz vorstellig werden – eine ganze Busladung von Unterstützern aus dem Dorf reiste mit ihm zur Anhörung.

Denn die Katalanen halten zusammen. Sie pochen auf ihre „Andersartigkeit“, auf ihre katalanische Sprache und Kultur, die so gar nichts mit dem Rest des Landes gemeinsam hätten. Der Wunsch nach Selbstbestimmung hat tiefe Wurzeln und ist beileibe nicht neu. Seit Jahrhunderten gab es immer wieder separatistische Bewegungen.

In Erinnerung geblieben ist speziell der Spanische Erbfolgekrieg (1701-14), als Katalonien sich hinter den Habsburger Thronanwärter Erzherzog Karl, zweiter Sohn von Kaiser Leopold I., stellte – und nicht hinter den Bourbonen Philipp von Anjou. Der ahndete die Untreue hart: Nach 14-monatiger Belagerung gelang es den Truppen der Franzosen am 11. September 1714, Barcelona einzunehmen. Katalonien verlor seine Privilegien und seine Freiheit – eigentlich hätte dies als Volkstrauertag in die Annalen eingehen müssen. Kurioserweise wurde der 11. September hingegen zum Nationalfeiertag erklärt. Hunderttausende gehen anlässlich der „Diada“ jedes Jahr auf die Straße, um mehr Selbstverwaltung zu fordern.

Später, während der Franco-Diktatur, wurde die katalanische Sprache zeitweise komplett unterdrückt, sogar Ortsnamen wurden ins Spanische übersetzt. Obwohl in weiten Teilen Kataloniens heute das Gegenteil der Fall ist und die meisten spanischen Bezeichnungen abmontiert wurden, sehen viele die derzeitige Regierung doch als Nachfolgerin der Diktatur, die Francos harte Linie weiterverfolgt.„Die Fähigkeit zum Dialog ist nicht in Rajoys DNA“, erzürnt sich Pipo Aymimi und nippt auf dem Kirchplatz von Arenys de Munt an seinem Kaffee. „Das sind doch alles Faschisten. Völlig korrupt.“

Dieser Vorwurf schwingt wie ein Mantra durch die Region. Das Fass zum Überlaufen brachte ein Urteil des Verfassungsgerichts, das 2010 auf Betreiben von Rajoys PP ein neues Autonomiestatut stoppte, für das die Katalanen 2006 gestimmt hatten. Verstörend ist, dass viele eine bedenkliche Naivität an den Tag legen, wenn es um die Auswirkungen geht, die eine Abspaltung nach sich ziehen würde. „Ich bin zuversichtlich, dass wir schnell zu einem EU-Mitgliedsland werden“, sagt Elena Navarro, eine Künstlerin aus Arenys de Munt. „Schließlich zahlen wir ja unsere Beiträge, da werden sie uns schon nicht herauswerfen.“ Wie realitätsfern diese Einschätzung ist, die zahlreiche Katalanen teilen, erklärt der deutsche Anwalt Carlos Wienberg. „Ein unabhängiges Katalonien würde seine EU-Mitgliedschaft verlieren und müsste einen Antrag auf Aufnahme in die EU stellen, der von allen Mitgliedsstaaten einstimmig anzunehmen wäre.“ Katalonien müsste sich ganz hinten in die Reihe der Beitrittskandidaten stellen – es würden Jahre vergehen, bis es zu einer Aufnahme käme, „wenn diese nicht schon allein am Veto eines oder mehrerer Länder scheitert“. Dabei ist nicht einmal sicher, ob bei einem Referendum tatsächlich die Mehrheit für die Trennung von Spanien stimmen würde . Was die Menschen vor allem wollen, ist die Möglichkeit, darüber abstimmen zu dürfen.

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