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Wohnliches Berlin : Saubere Lösung

vom
Aus der Onlineredaktion

Laternen lenken den Verkehr, Fassaden filtern Feinstaub aus der Luft: Berliner Ingenieure setzen alles daran, die wachsende Stadt ein bisschen wohnlicher zu machen.

Morgens, acht Uhr, Berliner Stadtautobahn: Den Stau vor dem Dreieck Funkturm sagt der Sprecher im Radio nicht einmal mehr richtig an. „Wie immer halt.“ Wer aus den westlich gelegenen Außenbezirken in die Stadt pendelt, hat die Wahl. Schlange stehen auf der Avus, unzählige Ampeln ertragen auf der Bundesstraße oder in der überfüllten Regionalbahn schwitzen. Und dabei ist der Berliner Verkehr im Vergleich zu anderen Metropolen noch harmlos. In London oder Paris lässt man das Auto besser gleich stehen. Viele besitzen dort ohnehin nur eines, um am Wochenende mal aufs Land zu fahren. Doch auch in Berlin wird es voll. In den kommenden 15 Jahren rechnet die deutsche Hauptstadt mit einem Zuwachs von 250  000 Menschen. Sie brauchen Strom, Wärme und Essen, sie stoßen Unmengen Kohlendioxid aus – und sie bringen Autos mit, die die Straßen verstopfen. So wie andere Ballungsräume muss Berlin darauf reagieren. Die Stadt soll „smart“ werden. Das heißt: Sie soll ihren Bewohnern rechtzeitig mitteilen, wenn sich der Verkehr irgendwo staut, und zeigen, wo noch Platz zum Parken ist. Sie soll selbst dafür sorgen, dass die Luft nicht zu stinken beginnt, und dabei möglichst nur „saubere“ Energie verbrauchen. Ein ambitioniertes Vorhaben.

Einer, der da forscht, ist Ramin Lavae Mokhtari. Er will, dass die Stadt in neuem Glanz erstrahlt. Mokhtari meint das wörtlich. Er hat Leuchten für Straßenlaternen entwickelt, die er gern mit Telefonen vergleicht. Früher konnte man mit ihnen telefonieren, ziemlich gut sogar. Heute hat fast jeder ein Gerät in der Tasche, mit dem man viel mehr tun kann, als nur telefonieren. Die herkömmlichen Leuchten seien so etwas wie analoge Telefone, erklärt Mokhtari. Was er entwickelt hat, nennt er das Smartphone unter den Straßenlaternen. Sie leuchten, klar. Aber nicht nur. „Unsere Leuchten verfügen zum Beispiel über einen starken Prozessor und eine SIM-Karte.“ Alle möglichen Informationen lassen sich damit direkt in der Leuchte verarbeiten und dann verschicken. „Über Sensoren verrät sie uns zum Beispiel, wie viele Autos um welche Uhrzeit durch eine Straße fahren.“ Damit lasse sich eine genaue Lichtplanung erstellen. Da, wo nachts niemand vorbeikommt, braucht es schließlich nicht hell zu sein.

Irgendwann, so hofft Mokhtari, lassen sich die Multifunktionsleuchten auch nutzen, um den Verkehr intelligent zu lenken: „Wenn genügend solcher Laternen in einer Stadt stehen, dann wissen wir nicht nur, wo es sich staut, sondern auch, wie der Stau entstanden ist.“ Verbindet man die Leuchten mit den Navigationsgeräten der Autos, können deren Fahrer einen Stau nicht nur umfahren. Man könnte sogar vermeiden, dass er überhaupt entsteht – indem man den Verkehr so lenkt, dass nicht zu viele Autos zur selben Zeit an derselben Kreuzung stehen. Auch ob irgendwo ein Parkplatz frei ist, wissen die ICE-Gateway-Leuchten genau. Mittels Ultraschall tasten sie die Straßen nach freien Flächen ab. „Für die Städte ist es lukrativ, wenn die Plätze einfach zu finden und immer belegt sind“, sagt Mokhtari. Unter anderem deshalb finanzierten sich die Laternen im Grunde von selbst. „Im Vergleich zu herkömmlichen Leuchten, die zum Beispiel mit Halogen betrieben werden, braucht unsere LED-Technik zudem nur einen Bruchteil des Stroms.“ Momentan zahlen die Kommunen rund 100 Euro im Jahr für eine Laterne: Energie, Wartung, Umrüstung. Für rund 300  000 solcher Leuchten kommt Berlin momentan auf. Mit den neuen Leuchten sparen die Betreiber mehr als 60 Prozent, sagt Mokhtari. So will er die Technik für Kommunen, aber auch für Eigner großer Flächen – Häfen zum Beispiel – finanziell attraktiv machen.

Auf die Sensoren und Prozessoren soll übrigens jeder zugreifen können, mit einem gesicherten Zugang natürlich. Mokhtari hält nichts von geschlossenen Strukturen. „Man muss es so machen wie Apple“, findet er: eine Plattform schaffen, für die jeder Anwendungen kreieren kann.

Eine Idee für eine solche Anwendung hat Daniel Schwaag. Der Architekt wüsste gern, wie hoch die Smogbelastung in bestimmten Straßen ist. Mit der Information will er sein eigenes Produkt vermarkten. Schwaag und seine Partnerin Allison Dring produzieren Hausfassaden, die buchstäblich Smog fressen – und die Umgebungsluft so von Schmutz befreien. Im Erdgeschossbüro ihrer kleinen Firma Elegant Embellishments in Berlin-Kreuzberg steht der Architekt vor einer weißen Kunststoffstruktur, die entfernt an ein Korallenriff erinnert. Kein Zufall, sagt er: „Korallen waren unsere Inspiration.“ Die sesshaften Nesseltiere brauchen Licht und absorbieren Nährstoffe aus ihrer Umgebung. Die Natur hat sie für dieses Dasein optimiert. Und weil die Fassaden die Luft in ihrer Umgebung auf ganz ähnliche Weise reinigen, habe es nahegelegen, sich die Struktur dort abzugucken. Mithilfe von Sonnenlicht werden auf der Fassade flüchtige Stoffe aus der Umgebungsluft wie Staub oder Ruß in Calciumnitrat umgewandelt. Dieses Salz trocknet auf der Fassade und wird dann vom Regen abgewaschen. Theoretisch könnte man damit dann die Blumen düngen, die vor dem Haus wachsen.

Das größte Gebäude, das die beiden Architekten mit ihrer Fassade ausgestattet haben, steht in Mexiko Stadt. Dort „fresse“ die 2500 Quadratmeter große Struktur Schadstoffe von rund 1000 Autos am Tag, sagt Schwaag. Allerdings sei es gar nicht so einfach auszurechnen, um wie viel reiner die Luft nun tatsächlich sei. Denn ein Gebäude von dieser Größe verändere auch die Infrastruktur. Möglicherweise fahren dort plötzlich viel mehr Autos vorbei als vorher. Auch die Windverhältnisse beeinflussen die Luftqualität. Es sei schwierig, vorher und nachher miteinander zu vergleichen.

Gute Luftqualität mitten in der Innenstadt – das könnte künftig ein gutes Verkaufsargument gegenüber Bewohnern sein. Nachhaltige Gebäude, sogenannte „Green Buildings“, verkaufen sich gut. Im Berliner Nobelbezirk Dahlem entstehen solche Häuser gerade. Für einen Quadratmeter legen Interessenten dort bis zu 6600 Euro auf den Tisch.

Parallel suchen die Architekten nach einem anderen Baustoff. Schwaag deutet auf ein paar tiefschwarze Sechsecke. Auch sie hängen an einer Wand im Büro des Unternehmens, daneben kompliziert aussehende Zeichnungen und Berechnungen. Die Sechsecke bestehen zu 50 Prozent aus atmosphärischem Kohlenstoff, erklärt Schwaag, einem der beiden Bausteine des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2). Die Klimaschutzdebatte werde falsch herum geführt, sagt er. „Bis wir komplett auf erneuerbare Energien umgestiegen sind, werden wir zu viel CO2 ausgestoßen haben, um die Erderwärmung auf die angepeilten zwei Grad Celsius zu beschränken.“ Dass alle plötzlich nur noch Fahrrad fahren, hält er für unrealistisch. Stattdessen müsste man der Umwelt aktiv Kohlenstoff entziehen. Zum Beispiel, indem man damit Häuser baut. „Man kann den Kohlenstoff, den die Pflanze der Umwelt entzogen hat, aber auch deutlich länger binden“, erklärt Schwaag – indem man die Pflanze kontrolliert verkohlt. Bis zu 1000 Jahre bleibe der Kohlenstoff darin gespeichert. Bei dem Prozess entsteht zugleich Wärme. Man gewinnt also nicht nur Baumaterial, sondern auch Energie.

In einem Labor an der Technischen Universität Berlin lassen Schwaag und Dring aus dem so gewonnenen Kohlenstoff und einem Anteil Kunststoff die sechseckigen Platten herstellen. Bisher hängen sie nur an der Wand ihres Büros. Bald sollen auch sie Hausfassaden zieren. Nicht zwingend müssen sie dann schwarz bleiben. Man kann sie so färben, wie der Bauherr möchte. „Wir wollten aber, dass man den Grundbaustein erst einmal erkennt.“ Auch die Form der Platten, das Sechseck, deutet auf Kohlenstoff: Viele Kohlenstoffverbindungen haben ebenfalls sechseckige Strukturen. Am liebsten würden die Architekten die beiden Produkte später miteinander verquicken und ihre smogfressenden Fassaden aus Kohlenstoff herstellen. „Das Schöne an diesem Material ist ja: Je mehr wir davon verbauen, desto besser.“ Mit jedem Quadratmeter entzieht man der Umwelt schließlich CO2. Noch lasse sich Kohlenstoff allerdings nur pressen und nicht so formen, dass daraus die schicken Fassadenmodule entstehen. Auch wie man das Material beschichten kann, ist noch unklar. Für die beiden Tüftler ist das aber kein Problem – sondern die nächste Herausforderung.

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