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Kinderarmut in Deutschland : Satt und doch benachteiligt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Was bedeutet Kinderarmut im reichen Deutschland und was könnte man dagegen tun?

Dass weniger Gesundes auf den Tisch kommt und der Kindergeburtstag mangels Geld auch mal ausfällt, dafür können sie nichts: Fast zwei Millionen Kinder gelten aktuellen Berechnungen der Bertelsmann-Stiftung zufolge als arm, weil sie von Hartz-IV leben müssen. Dass Kinderarmut überall dort steigt, wo sie nicht sowieso schon weit verbreitet ist, macht den Experten Sorgen. Die wichtigsten Fragen und Antworten von Florentine Dame zu einem Problem, das auch in wirtschaftlich guten Zeiten sichtbar bleibt.

 

Armut ist ein großes Wort – wovon sprechen wir in Deutschland?

Wo Armut beginnt und was noch als eine kärgliche Lebensweise durchgeht, wird immer wieder diskutiert. Verhungern muss im deutschen Sozialstaat niemand. Gängige Armutsdefinitionen orientieren sich daher am Geldbeutel der Mehrheit. Doch auch relative Armut hat Folgen: „Je deutlicher Kinder unter einer solchen Schwelle liegen, desto stärker leidet das Selbstbewusstsein“, sagt der Soziologieprofessor Klaus Hurrelmann von der Berliner Hertie School of Governance.

Wer ist betroffen und in welchem Ausmaß?

2015 wuchsen nach Angaben der Bertelsmann-Stiftung 1 931 474 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Hartz-IV-Haushalten auf – fast ein Siebtel. Nimmt man Jungen und Mädchen hinzu, deren Eltern weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens haben, gelten nach Angaben der Wohlfahrtsverbände sogar drei Millionen Kinder als arm.

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Von wie viel Geld leben Familien, die Sozialleistungen bekommen?

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) erhielt eine Alleinerziehende mit einem Kind 2015 im Schnitt monatlich 1261 Euro an staatlichen Leistungen – das bezieht Wohngeld, Grundsicherung und weitere Ansprüche mit ein, etwa wenn die Waschmaschine kaputt geht.

Die Zahl der Kinder lässt das Haushaltsbudget steigen: 1600 Euro bekam die Alleinerziehende mit zwei, 1998 Euro mit drei Kindern. Bedürftige Paare mit einem Kind hatten durchschnittlich 1686 Euro, bei zwei Kindern 2031 Euro und bei drei und mehr Kindern 2515 Euro. Zum Vergleich: Ein Single bekam im Schnitt 918 Euro Wohngeld und Hartz-IV-Leistungen. Ab 2017 steigen die Regelsätze leicht: Je nach Alter werden pro Kind dann fünf bis 21 Euro mehr gezahlt.

Was sind die Ursachen von Kinderarmut?

Für Familien, in denen das Geld knapp ist, sind Kinder ein Armutsrisiko. „Kinder kosten Geld und vor allem auch die Zeit der Eltern. Der Staat erkennt diese Leistung weiterhin zu wenig an, indem er stärker Ehen statt Kinder fördert“, sagt die Familienpolitik-Expertin der Bertelsmann-Stiftung, Anette Stein. Das trifft zwei Gruppen besonders hart: Die meisten armen Kinder wachsen bei Alleinerziehenden oder mit vielen Geschwistern auf.

„Wer drei Kinder oder mehr hat, braucht z.B. ein größeres Auto, mehr Wohnraum“, sagt die Vorsitzende des Verbandes kinderreicher Familien, Elisabeth Müller. „Widmet sich ein Elternteil der Erziehung, ist das meist mit nur einem Gehalt schnell nicht mehr zu stemmen.“

Liegt der Anstieg auch am Flüchtlingszustrom?

Zwar ist die Zahl der anerkannten Flüchtlinge, die Grundsicherungsleistungen erhalten, nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit sprunghaft gestiegen. Darunter seien aber vor allem alleinreisende Männer und vergleichsweise wenige Familien, sagte ein Sprecher. Den Anstieg der Kinderarmut erkläre dies folglich nur unzureichend, auch wenn Flüchtlingskinder in den Daten auftauchten.

Was bedeutet Armut für Kinder?

Studien belegen, dass aus den finanziellen Nöten der Eltern soziale oder gesundheitliche Benachteiligungen entstehen können. „Arme Kinder können seltener Freunde mit nach Hause bringen, der Kindergeburtstag fällt aus – so kann materielle Armut der Eltern auch zu sozialer Isolation führen“, erläutert Stein. Gravierend ist die Auswirkung von Armut auf die Bildungswege: Die betroffenen Kinder bleiben häufiger sitzen, schaffen seltener den Sprung auf das Gymnasium. Mit langfristigen Folgen, wie Hurrelmann betont: „Einmal schlecht gestartet, werden diese Kinder auch im späteren Leben immer wieder darauf gestoßen, dass sie weniger wert sind.“

Was fordern Verbände und Kirchen, um Kinderarmut zu bekämpfen?

Schon im Frühjahr starteten Kirchen und Verbände einen Aufruf zur Bekämpfung von Kinderarmut. Es belaste einkommensschwache Familien zu Unrecht, wenn Kindergeld z.B. mit Sozialleistungen verrechnet werde, kritisierten sie.

Kommentar: Sozialer Sprengstoff

Hinter den Zahlen der neuen Bertelsmann-Studie verbirgt sich gewaltiger sozialer Sprengstoff. Wer in einer Familie aufwächst, die mehr oder weniger auf Dauer von staatlichen Leistungen lebt, hat es ungleich schwerer, erfolgreich ins Leben zu starten als Altersgenossen mit Eltern, die arbeiten. Ein Land wie Deutschland kann und darf es nicht hinnehmen, dass Millionen Kinder von staatlicher Stütze leben. Wenn trotz Wirtschaftsaufschwung und immer neuer Rekorde auf dem Arbeitsmarkt die Zahl der Kinder steigt, die ohne Stütze nicht auskommen, läuft etwas gewaltig schief. In Sonntagsreden ist zwar immer die Rede davon, dass Alleinerziehende durch flexible Kinderbetreuung gezielt entlastet werden sollen, damit sie wieder dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen können. Doch Anspruch und Wirklichkeit liegen hier noch weit auseinander. Hier sind Schulen, Jobcenter und Arbeitsagenturen gefragt. Kinder brauchen in ihrer nächsten Nähe Vorbilder, die zeigen, dass sich Anstrengung, Initiative, Leistung und Lernen lohnen.

 

Rasmus Buchsteiner
 

 

 

 


 

 

 

 

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