Streit mit Zulieferern : „Robin Hood“ gegen VW?

Der Streit zwischen dem Autokonzern und zwei Zuliefererbetrieben ist Stoff für einen Wirtschaftskrimi

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23. August 2016, 08:00 Uhr

Es wirkt wie David gegen Goliath, soviel ist schon einmal klar. Nur: Wer im Streit zwischen zwei kleinen Zulieferern und dem Weltkonzern Volkswagen eigentlich der Böse ist, das liegt noch nicht auf der Hand. Ein Erklärungsansatz: Die Zulieferer spielten „Robin Hood“, heißt es im Umfeld der Firmen. Zwar falle ihr Handeln aus dem üblichen Rahmen, sei aber das letzte Mittel gegen „Ausbeutung und Machtmissbrauch“.

Nicht minder spannend klingt der andere Versuch der Erklärung: VW bekomme es an seiner Achillesferse mit einer Mischung aus verletztem Stolz, Zockermentalität und hemdsärmeligen Methoden zu tun. Dahinter stehe das lange geplante Drehbuch für einen wahren Wirtschaftskrimi.

Fest steht bisher ohne Zweifel nur: Der Versorgungsstopp zweier Zulieferer aus Sachsen lähmt den Autobauer. Erste Kurzarbeit und ein millionenteurer Produktionsausfall sind die Folgen. Die Firma Car Trim aus Plauen liefert keine Sitzbezüge mehr. Car Trims Schwesterfirma ES Automobilguss, kurz ES Guss, aus Schönheide setzt die Belieferung mit Gussteilen aus, die in Automatikgetrieben stecken. Warum setzen zwei mittelständische Zulieferer ihre Reputation aufs Spiel? Das Fass lief wohl Ende Juni über. Damals zog VW den Stecker bei einem Zukunftsprojekt, bei dem Car Trim von 2017 an Sitzbezüge für VW und Porsche liefern sollte. Dabei sei es um eine halbe Milliarde Euro Auftragsvolumen gegangen – selbst für den VW-Konzern keine Peanuts. Dem Vernehmen nach machte VW Qualitätsmängel geltend. Doch Car Trim war in Vorleistung getreten, etwa mit neuem Personal. Und daher sollte VW einen „mittleren zweistelligen Millionenbetrag“ als Wiedergutmachung für das plötzlich beendete Projekt zahlen. Nur: Vom Autobauer ist zu hören, dass die Forderungen „absurd hoch“ seien und vor allem nicht nachvollziehbar begründet werden könnten.

Dann geschah etwas, womit VW möglicherweise nicht rechnete – der Lieferstopp. Car Trim ist über die Konstellation einer verschachtelten Dachgesellschaft mit ES Guss verbandelt. Und die Schwesterfirma soll Forderungen an VW auf ES Guss übertragen haben. Von den Zulieferern heißt es, Car Trim und ES Guss seien „eigenständige Unternehmen“, sie seien aber finanziell verzahnt – also quasi eine Schicksalsgemeinschaft. Und dann kommt auch noch die Eastern Horizon in Spiel, eine Beteiligungsgesellschaft aus den Niederlanden, die im Firmengeflecht der Prevent-Gruppe auftaucht, zu der Car Trim und ES Guss erst seit einigen Monaten gezählt werden. Wie genau die Abhängigkeiten sind und wer das Sagen hat, ist unklar. Doch nach dpa-Informationen hat der Streit zwischen dem Einflussbereich der Eastern Horizon und dem VW-Konzern tiefere und ältere Wurzeln, die unter anderem auf den Balkan und nach Brasilien reichen. „VW kloppt sich massiv mit Eastern Horizon“, sagt ein Insider von der Zuliefererseite. Aus VW-Kreisen ist von einer „undurchsichtigen Lage“ die Rede, die Hintergründe seien völlig unklar. Demnach könnte die Eastern Horizon gezielt als Aufkaufsvehikel genutzt worden sein, um VW-Schlüsselzulieferer unter Kontrolle zu bekommen, mit denen sich zur Not Druck aufbauen lasse.

Bisher müht sich Volkswagen gerichtlich darum, die Teile notfalls vom Gerichtsvollzieher beschlagnahmen zu lassen. Parallel aber soll der Konflikt am Verhandlungstisch die Wende bringen. Das Ende ist offen.

Kommentar: Verspieltes Kapital

Der Kampf, den VW mit seinen Zulieferern ES und Car Trim ausficht, ist einmalig in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte der Republik: Die Zulieferer stehen mit dem Rücken zur Wand, nehmen den Großkonzern , seine Mitarbeiter und Kunden in Geiselhaft – und ruinieren ihren eigenen Ruf. VW muss die Golf-Produktion stoppen. Für fast 30 000 Mitarbeiter werden Kurzarbeit oder andere Flexibilisierungsmaßnahmen eingeführt. Bis zu 500 Zulieferer gucken in die Röhre, weil VW ihre Teile nicht abnehmen kann, zehntausende Jobs hängen davon ab. Innerhalb kürzester Zeit ist ein Flächenbrand entstanden. Wer ist schuld an dem gewaltigen Schlamassel? Einmalig an dem Streit ist auch, dass die genauen Gründe noch im Dunkeln liegen. Vorschnelle Schlüsse sind deswegen fehl am Platz. Beide Seiten müssen jetzt deeskalieren, einen raschen Ausweg aus der Konfrontation suchen. Vertrauen war einmal die Stärke von Volkswagen. Konzernchef Müller sollte dafür sorgen, dass das wichtigste Kapital nicht endgültig verspielt wird.

Tobias Schmidt

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