Interview mit Walter Riester : „Riestern lohnt sich!“

Riester-Banksparpläne bringen zwar nicht die meiste Rendite. Sie sind dafür aber kostengünstig und flexibel.
1 von 3
Riester-Banksparpläne bringen zwar nicht die meiste Rendite. Sie sind dafür aber kostengünstig und flexibel.

Walter Riester, früherer Bundessozialminister und Erfinder der staatlich geförderten Vorsorge, über den Rückgang der Vertragszahl

svz.de von
10. Juni 2016, 05:00 Uhr

Walter Riester ist der Erfinder der „Riester-Rente“. Erstmals ist die Zahl der Verträge jetzt gesunken. Darüber sprach Rasmus Buchsteiner mit dem früheren Bundessozialminister (SPD).

Die Zahl der „Riester-Renten“ sinkt, zum ersten Mal. Ein Alarmzeichen für Sie?
Riester: Wir haben 16,48 Millionen Verträge in Deutschland. Innerhalb eines Quartals ist die Zahl unterm Strich um 1000 zurückgegangen. CSU-Chef Horst Seehofer hat mit seinem Spruch, die Riester-Rente sei tot, eine beispiellose Kampagne losgetreten. Leider ist sie auch aus der SPD befeuert worden. Hier wird versucht, die Sache kaputtzureden. Millionen von Menschen sind verunsichert. Mich überrascht nicht, dass die Zahl der Verträge zurückgegangen ist. Mich überrascht, dass der Rückgang nicht stärker ausgefallen ist.

Was halten Sie Horst Seehofer und den Kritikern der Riester-Rente entgegen?
Es gibt keine andere sozialpolitische Entscheidung der Nachkriegszeit, die dazu geführt  hätte,  dass mehr als 16 Millionen Menschen freiwillig und mit eigenen Mitteln vorsorgen. Noch bewegt sich der Rückgang im Promillebereich. Aber wenn die Riester-Rente von interessierter Seite weiter diskreditiert wird, wird sich das verändern. Die Verunsicherung ist enorm. Ich habe mich neulich mit einem Abteilungsleiter eines großen Anbieters unterhalten. Dort liegt die Zahl der Vertragskündigungen bei 2,3 Prozent und damit noch deutlich niedriger als bei anderen langfristigen Anlagen.

Beim Start der Riester-Rente war das große Versprechen, dass mit der privaten und betrieblichen Vorsorge das Absinken des gesetzlichen Rentenniveaus ausgeglichen wird. Davon kann keine Rede mehr sein, oder?
Es hat bei der Einführung der Riester-Rente einige grundsätzliche Fehlentscheidungen gegeben. Mein Konzept war jedenfalls anders, als es jetzt im Gesetz steht. Ich wollte eine verpflichtende Absicherung über die Riester-Rente, habe dafür gekämpft – ohne Erfolg. Rücklagenbildung fürs Alter ist das Letzte, was die meisten Menschen gerne angehen. Es gibt viele Verpflichtungen und Konsumwünsche, die näherliegen. Hätten wir keine Versicherungspflicht in der gesetzlichen Rente, wäre die Altersarmut viel höher. Wir brauchen jetzt eine Pflicht zur privaten Rücklagenbildung. Ich wollte damals, dass Überprüfung und Auszahlung der Zulagen über die örtlichen Finanzämter läuft. Das hat die Union im Bundesrat verhindert – mit dem Ergebnis, dass jetzt alles viel komplizierter ist.

Hand aufs Herz – lohnt sich die Riester-Rente überhaupt, zumal für Geringverdiener?
Nehmen sie eine Alleinerziehende mit zwei Kindern und einem Teilzeit-Job: Diese Frau arbeitet auf Mindestlohn-Niveau, kommt auf Jahreseinnahmen  von 10 000 Euro, etwas mehr als 800 Euro im Monat. Viele sagen, so jemand kann doch nicht auch noch privat vorsorgen. Dummes Zeug!
Wenn die Frau den Mindestbeitrag von 60 Euro im Jahr zahlt, erhält sie für die beiden Kinder 600 Euro hinzu, für sich selbst noch einmal 154 Euro. Mit 60 Euro im Jahr sind 814 Euro auf dem Riester-Konto erreichbar. Das kann sich doch sehen lassen. Ich kann nur jeden ermutigen, von der staatlich geförderten Vorsorge fürs Alter Gebrauch zu machen. Es lohnt sich!

Bisher sind es gut 16 Millionen Verträge, darunter viele ruhende. Ein Anstieg ist nicht in Sicht. Bei sinkendem Rentenniveau tut sich aber bei vielen eine große Vorsorgelücke auf. Was muss sich ändern?
Ganz klar: Aus jeder Form der Erwerbsarbeit, ob selbstständig oder abhängige Beschäftigung, müssten verpflichtende Rücklagen fürs Alter getätigt werden – über die Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung hinaus. Bei unseren Nachbarn in Österreich und der Schweiz ist selbstverständlich, dass auch Selbstständige verpflichtet sind, Geld für das Alter zurückzulegen. Eine Vorsorgelücke haben wir in Deutschland vor allem bei den Selbstständigen.

Wie stark wirkt sich der Effekt der Niedrigzinsen auf die Riester-Versicherer aus?
Der Niedrigzinseffekt schlägt beim Sparen stark zu Buche, aber am wenigsten bei der Altersvorsorge. Bei kurz- und mittelfristigen Anlagen ist man bei einem Zinssatz nahe Null gekniffen. Bei langfristigen Anlagen wie der Riester-Rente sieht es schon anders aus. Hier geht es um Laufzeiten von 30 Jahren und mehr. Die Erfahrung lehrt, dass sich in solchen Zeiträumen Niedrig- und Hochzinsphasen abwechseln. Die Chance, dass sich das wieder ausgleicht, ist viel größer als bei kurzfristigen Anlagen. Um das zu verstehen, muss man kein Versicherungsmathematiker sein. Bei der Riesterrente ist garantiert, dass mindestens alle eingezahlten Beträge plus die staatlichen Zulagen abrufbar sind.
 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen