Mehr als nur ein Klischee : Reiten reine Frauensache?

Traum vieler Mädchen: Pferde gelten als Lieblingstiere des weiblichen Geschlechts. Dabei sind Jungen im Vorschulalter noch genauso an den Tieren interessiert. Foto: Colourbox
Traum vieler Mädchen: Pferde gelten als Lieblingstiere des weiblichen Geschlechts. Dabei sind Jungen im Vorschulalter noch genauso an den Tieren interessiert.

Reiten hat einen positiven Einfluss auf die charakterliche und soziale Entwicklung

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23. Juli 2018, 12:00 Uhr

Behutsam bürstet Jörn Heggemann im Stall den Dreck aus Sunnys Fell, legt ihr das Reitgeschirr an und schnallt schließlich den Sattel auf ihren Rücken. Immer wieder streichelt er ihr beruhigend über den Kopf, gibt ihr ein Leckerli zwischendurch. Zusammen mit vier anderen Reiterinnen geht es anschließend gemeinsam auf den Reitplatz. Auf der sandigen Fläche schwingt Heggemann sich mithilfe einer kleinen Treppe in den Sattel und reitet langsam los.

Der 34-Jährige ist einer der wenigen männlichen Reiter im Reiterverein Osnabrück. Vor zwei Jahren packte den Zahnarzt die Neugier, nachdem er eine Bekannte in Reitbekleidung traf. „Ich fand die Kombination „starkes Tier – schwacher Mensch“ interessant. Es ist faszinierend, dass man mit minimalen Bewegungen ein so großes Tier steuern kann“, sagt er.

Gerade im erwachsenen Alter falle es den meisten Männern sogar leichter, Reiten zu lernen, berichtet Heggemanns Reitlehrerin Lena Riehemann. „Sie können im Kopf schneller umschalten und das Gesagte umsetzen. Frauen fällt es dagegen schwerer loszulassen.“ Das liege auch daran, dass Männer gerade bei Sportarten erfolgsorientiert seien: Während im Hobbybereich überwiegend Frauen anzutreffen seien, seien es im Profisport wieder mehr Männer.

Laut Deutscher Reiterlicher Vereinigung (FN) sind Jungen im Vorschulalter generell genauso an Pferden interessiert wie die gleichaltrigen Mädchen. „Es hat sich gezeigt, dass Jungs eher dann beim Reiten bleiben, wenn es spezielle Angebote für sie gibt, zum Beispiel Reitstunden nur für Jungs. Wenn überall nur Mädchen sind, sind die Jungs oft schnell wieder weg“, sagt Julia Basic von der FN. Für die meisten Reitvereine sei es eine große Herausforderung, passende Angebote für Jungen zu schaffen und diese dann auch beim Pferdesport zu halten.

Einzelne Landesverbände seien bereits sehr aktiv in diesem Bereich und würden solche Aktivitäten im Verein bezuschussen, so bereits in Schleswig-Holstein und Westfalen. Entscheidend sei oft aber auch das persönliche Umfeld. Viele männliche Reiter stammen aus Reiter-Familien oder sind über Freunde oder Nachbarn zum Reiten gekommen. Aber auch der Reitlehrer spiele eine große Rolle: „Wenn der Ausbilder pädagogisch geschult ist, dann schafft er es durchaus, Jungen beim Reiten zu halten oder auch auf Jungen zugeschnittene Angebote zu vermitteln. Inzwischen ist aber ein Großteil der Ausbilder weiblich, sodass im Unterricht oftmals ein männliches Vorbild für die Jungen fehlt.“

Womöglich sind auch geschlechterspezifische Eigenschaften Faktoren, die das Interesse am Reiten beeinflussen. So beschreibt Laszlo Pota, Psychologischer Psychotherapeut, Männer als martialischer: „Geschichtlich haben Männer eher einen Gebrauchs- oder Kriegsgegenstand in Pferden gesehen. Es ging ums Bändigen und Durchkämpfen.“ Auch heutzutage hätten Männer massive Probleme, Gefühle auszudrücken – salopp gesagt, nennt Pota es „Mackergehabe“: „Das hört sich klischeehaft an, aber Männer sind revierverteidigend und weniger sensibel.“ Vor allem bei Jugendlichen sei das auffällig. „Wenn dementsprechend ein Mensch mit diesem Gehabe auf ein Tier wie ein Pferd trifft, gibt es zwei Möglichkeiten: Das Pferd scheut oder bietet Paroli“, erklärt Pota. Er selbst ist mit Pferden aufgewachsen und weiß daher, dass Männer einen besseren Zugang haben, wenn sie sich längerfristig mit einem Pferd beschäftigen. Diesen Zugang hätten Frauen viel früher, da sie genauso wie Pferde sensibler seien.

Wie wichtig die emotionale Beziehung zum Pferd für Mädchen und Frauen ist, hat der Psychologe Harald Euler in den 90er-Jahren in einer der meistbeachteten Studien zu dem Thema festgehalten. Darin lautet die zentrale These, dass die Faszination an Pferden als Bindungsphänomen zu verstehen ist. Reiterinnen idealisierten ihr Pferd, so wird die Beziehung der Reiterinnen zu ihrem Pferd als einzigartig und gegenseitig erlebt, sie beschreiben es als „lieb“ und „treu“. Zudem vermittle es Sicherheit und Geborgenheit.

In einer weiteren Studie ließ die Deutsche Reiterliche Vereinigung die Auswirkungen des jahrelangen Umgangs mit Pferden auf die Charakterbildung untersuchen. Das Ergebnis: Reiten fördert die charakterliche und soziale Entwicklung. Genauer gesagt, soll dadurch das Selbstwertgefühl der Kinder und Jugendlichen gestärkt und die Konzentrationsfähigkeit sowie das Verantwortungsbewusstsein geschult werden. Zuverlässigkeit, Disziplin und Einfühlungsvermögen würden ebenfalls durchs Reiten besser entwickelt. Der Befragung nach erleben sich Reiter selbst als glücklich, unternehmungslustig, angstfrei und mit dem Pferd innig verbunden. „Der Umgang mit dem Tier verlangt eine gewisse Anpassung und Empathie, daher ist es logisch, dass man dadurch charakterlich wächst und sozialer denkt“, erläutert Pota. „Man muss sich schließlich auch außerhalb des Reitens mit dem Pferd beschäftigen und sich engagieren.“ Reiten bedeute allerdings auch, im Einklang mit dem Pferd und der Natur zu sein. Deshalb ist für den Diplom-Psychologen an dem Sprichwort „Auf dem Rücken der Pferde liegt das Glück der Erde“ durchaus etwas Wahres dran.Das kann auch Jörn Heggemann bestätigen: „Durch das Reiten habe ich nicht nur Körperbeherrschung gelernt. Auch der Umgang mit dem Tier beruhigt einen sehr“, sagt er und streicht über Sunnys Kopf.

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