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Extreme Niederschläge : Regen ohne Ende: Unwetterwarnung für Nordosten

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Erst war er ärgerlich, nun ist er vielerorts gefährlich: Dauerregen macht den Rettungskräften Sorgen. Sandsäcke sollen Flüsse zähmen, die sonst Flüsschen sind. Die Aussichten? Auch für Mecklenburg-Vorpommern trübe.

svz.de von
erstellt am 25.Jul.2017 | 10:53 Uhr

In Teilen Deutschlands ist in 24 Stunden mehr Regen heruntergekommen als gewöhnlich im ganzen Juli. Auch im Nordosten regnet es ununterbrochen. Das bleibt nicht ohne Folgen. Der Deutsche Wetterdienst hat für Teile von MV bis Donnerstag eine Unwetterwarnung herausgegeben.

Eine Radfahrerin fährt am Dienstag in Göttingen (Niedersachsen) an der übergetretenen Flüthe, einem Nebenfluss der Leine, vorbei.

Eine Radfahrerin fährt am Dienstag in Göttingen (Niedersachsen) an der übergetretenen Flüthe, einem Nebenfluss der Leine, vorbei.

Foto: Swen Pförtner

In Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen halten überflutete Straßen, vollgelaufene Keller und über die Ufer getretene Bäche die Rettungskräfte in Atem. Feuerwehr und Technisches Hilfswerk mussten am Dienstag Straßen sperren, Gebäude leerpumpen und Sandsäcke einsetzen. Besonders stark betroffen waren neben dem Harz etwa die Region Hannover und die Landstriche unmittelbar südlich davon. Der bei Urlaubern beliebte Brocken war nicht mehr per Bahn erreichbar.

 

Im niedersächsischen Springe trat ein Bach im Ortsteil Eldagsen über die Ufer. „Da laufen reihenweise die Keller voll“, sagte Feuerwehrsprecher Stefan Quentin. Feuerwehrleute mussten immer wieder Keller auspumpen, weil das Wasser zum Teil gleich wieder nachdrückte. „Mit Sandsäcken werden an dem Bach jetzt Dämme errichtet.“ In Hildesheim drang in einem Betrieb Wasser durch das Hallendach und gefährdete die Produktion. In mehreren Stadtteilen liefen nach Angaben der Feuerwehr Keller voll, Straßen waren nicht mehr passierbar. In einem Reitverein mussten die Helfer die Pferde in Sicherheit vor den Wassermassen bringen. In Thüringen rief der Deutsche Wetterdienst (DWD) bis Mittwochabend die höchste Unwetterwarnstufe aus. Im Nordwesten des Landes könnten innerhalb von 48 Stunden mehr als 150 Liter Regen pro Quadratmeter fallen, hieß es.

Grund für den Dauerregen ist das Tief „Alfred“, das sich langsam von Südpolen nach Norden verlagert. Im niedersächsischen Alfeld fielen bis Dienstagnachmittag 115 Liter Regen pro Quadratmeter, im langjährigen Mittel gehen dort im Juli 68,5 Liter herunter. Den zweithöchsten Spitzenwert erreichte Artern in Thüringen mit mehr als 110 Liter Regen pro Quadratmeter, sagte ein DWD-Sprecher. Das ist ziemlich genau das Doppelte der dort üblichen Juli-Menge (54,5 Liter).

In Sachsen-Anhalt stiegen wegen des Dauerregens die Wasserstände einiger Flüsse stark an. Für die Holtemme im Harz galt an einem Pegel schon die höchste Alarmstufe 4, so die Hochwasservorhersagezentrale.

Auch in Mecklenburg-Vorpommern ist für Mittwoch Dauerregen mit teils unwetterartigen, ergiebigen Schauern vorhergesagt. Dabei seien bis zum Abend, in Vorpommern bis Donnerstagvormittag Niederschlagsmengen von bis zu 60 Litern pro Quadratmeter, stellenweise auch bis zu 90 Litern pro Quadratmeter möglich, so der DWD. Die Niederschlagsmengen überschreiten damit die durchschnittliche Niederschlagssumme im Monat Juli in einigen Regionen teils deutlich.

Die Polizei meldete heute mehrere Unfälle wegen Aquaplanings. So wurden auf der A20 zwischen Altentreptow und Neubrandenburg gegen Mittag eine Frau und ihre beiden Kinder leicht verletzt, als die Fahrerin auf nasser Fahrbahn die Kontrolle über den Wagen verlor. Wie die Polizei weiter mitteilte, überschlug sich das Fahrzeug und blieb auf der Seite im Straßengraben liegen. Eineinhalb Stunden zuvor rutschte ein Autofahrer zwischen Anklam und Altentreptow von der Fahrbahn, durchbrach den Wildschutzzaun und überschlug sich mehrfach. Der 56-jährige Mann, der allein im Auto saß, sei ebenfalls leicht verletzt worden. An beiden Wagen zusammen entstand 50 000 Euro Sachschaden, wie es hieß.

Neue lang anhaltende Regenfälle haben in Brandenburg heute mancherorts für anschwellende Bäche und Flüsse gesorgt. In der Prignitz wurde an der Stepenitz das Überschreiten der Schwellwerte für die erste Alarmstufe erwartet, wie ein Sprecher des Landesumweltamts sagte. Am Nachmittag zeichnete sich in weiten Teilen des Landes Entspannung ab, da es nicht mehr regnete.

Am Vormittag hatte das Landratsbüro in der Prignitz eine Warnung für Stepenitz, Dömnitz und Löcknitz herausgegeben. Auch mit Pumpen wurde laut Umweltamt im Laufe des Tages gegengesteuert. Unklar blieb jedoch zunächst, ob die Alarmstufe an der Stepenitz noch erreicht werden würde.

Vorsorglich wurden erste Schutzmaßnahmen auf den Weg gebracht. So sollte etwa Weidevieh auf hochwassersichere Flächen getrieben werden.

Besitzern von ufernahen oder tieferliegenden Grundstücken wurde empfohlen, notwendige Vorkehrungen dafür zu treffen, dass die Stepenitz stellenweise über die Ufer treten könnte.

Am Nachmittag regnete es nur noch in der Uckermark, in der Prignitz und im Havelland. Der Regen hatte am Montag eingesetzt. Bis Dienstagvormittag fiel nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in einem Streifen von der Prignitz bis nach Südbrandenburg mit 50 bis 70 Litern pro Quadratmeter so viel Regen wie normalerweise im ganzen Monat Juli. Für die Mitte und den Süden des Landes gab ein Meteorologe aber später am Tag erst einmal Entwarnung. Dennoch konnte er nicht ausschließen, dass es noch einmal anfangen würde, zu regnen.

Dauerregen machte auch der Berliner U-Bahn Probleme: Zwei Linien konnten am Dienstagmorgen streckenweise nicht fahren. Berlin ist in diesem Sommer ein Regenloch. „Wir haben jetzt schon 304 Prozent des Mittelwerts für einen Juli gemessen“, sagte Heiko Wiese, Meteorologe an der Freien Universität. „Das ist am Rand der Fahnenstange.“ Nach Auskunft des DWD wird es bis Mittwoch vielerorts in Deutschland weiter regnen. In weiten Teilen Ostdeutschlands soll das schlechte Wetter laut bisheriger Vorhersage bis in die Nacht zum Donnerstag weitergehen.

Im Westen Deutschlands rechnen Experten trotz des vielen Regens nicht mit Hochwasser an Rhein, Ruhr und Mosel. „Zum derzeitigen Zeitpunkt kann man noch entspannt bleiben“, sagte Martin Klimmer von der Fachstelle Gewässerkunde der Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt in Mainz. Auch das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt in Duisburg geht zunächst nicht von Hochwasserpegeln aus.

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