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Panorama

22. November 2017 | 19:28 Uhr

Schule : Problemfall Mathematik

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Am Schulfach Mathematik scheiden sich die Geister. Ein Missverständnis, von dem Nachhilfe-Institute profitieren.

Mathe ist wichtig. Pflichtfach in der Schule. Voraussetzung für technische Berufe. Sprachgeber für Naturwissenschaften. Abenteuer fürs Gehirn. Auch Schüler räumen dem Fach Mathematik seine Bedeutung ein – und empfinden es zugleich vielfach als angstbesetzt. Für kein anderes Schulfach wird so häufig Nachhilfeunterricht gesucht, in keinem anderen Fach entziehen sich die Inhalte so häufig der Frage nach dem Sinn. Verglichen mit anderen OECD-Staaten ist Deutschland noch immer mathematisches Entwicklungsland. Was ist da los?

Paul ist ein smarter junger Sprachenstudent und hat sich gerade in einer Fernsehkochshow ziemlich weit nach vorn gearbeitet. Dort erzählt er, dass er 800 Kilometer auf dem Jakobsweg in 29 Tagen gelaufen sei. Wie viel das durchschnittlich pro Tag gewesen sei, will der Moderator wissen. Antwort: „Ich bin kein Mathematiker.“ Damit ist viel über den Umgang mit Problemlösungen gesagt. Ein simpler Überschlag – 800 geteilt durch 30 – wäre dem exakten Ergebnis (27,59 Kilometer) ziemlich nahe gekommen. Man wittert eine verkorkste Schulkarriere in Sachen Mathematik.

Ein deutsches Problem Tatsächlich ist der Mathe-Unterricht in Deutschland ein Problemfall. „Mathematik lässt kaum einmal jemanden gleichgültig“, hat Bert Plickat festgestellt. „Entweder ist ein Schüler Fan oder er ist Ablehner.“ Als Bereichsleiter im Nachhilfe-Institut Studienkreis betreut er rund 60 Niederlassungen in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Hamburg. In die kommen 60 Prozent aller Schülerinnen und Schüler, weil es in Mathe hakt – und zwar aus allen Schularten. „Ein Phänomen“, sagt Plickat, in anderen europäischen Ländern stünde die Muttersprache an erster Nachhilfestelle. „Deutsche Schüler sind ja nicht dümmer als andere.“ Plickat glaubt: „Es liegt an der Art, wie Mathe unterrichtet wird. Bei uns sucht der typische Mathelehrer nach dem Fehler. Dabei sollte es doch vielmehr um den Umgang mit dem Thema gehen.“

Dass es einen grundsätzlichen deutschen „Problemfall Mathematik“ gibt, hat gerade erst auch Andreas Schleicher, Sonderbeauftragter für Bildungspolitik und Direktor für Bildung und Kompetenzen bei der OECD und verantwortlich für die Pisa-Studien in Kiel, vorgetragen. Anhand vergleichender Statistiken und Indikatoren der jährlich veröffentlichten OECD-Publikation „Education at a Glance“ führte er da erstaunliche Unterschiede zwischen den Staaten vor. Textaufgaben beispielsweise, in Deutschland wesentlicher – und vielfach verhasster – Bestandteil des Unterrichts. Mathematik-Musterländer unterrichten so nicht; dort liegt der Fokus auf konzeptionellem Verständnis. „Dort lernen die Kinder nicht den Umgang mit Textaufgaben wie bei uns“, sagt Schleicher. „Aber wenn wir denen Textaufgaben geben, dann lösen die die, weil sie verstanden haben, worum es geht.“ Und genau diese Fähigkeit, Wissen in neuen Zusammenhängen innovativ anzuwenden, sichert die erfolgreiche Teilnahme am modernen Erwerbsleben.

Die Schüler quälen sich unterdessen durch die täglichen Stolperfallen auf der Baustelle Mathematik, in denen es zu allen strukturellen Mängeln um ganz menschliche Defizite geht: Lehrer, die statt der Kinder ein Fach unterrichten, Lehrer, die im Alltagsstress zu wenig Zeit für ihre „Problemfälle“ finden, Schüler, denen G8 die Zeit für pubertäre Aussetzer nimmt, mangelhafte Fortbildungsangebote für Pädagogen, und zu guter Letzt ein Defizit ausgerechnet an Mathelehrern, denn die werden inzwischen fast überall im Norden händeringend gesucht.

Insgesamt sind das keine guten Voraussetzungen dafür, die Mängel zu beseitigen, die Wolfgang Schaffer täglich ausmacht. Der 70 Jahre alte ehemalige Maschinenbau-Ingenieur ist Mathe-Nachhilfelehrer in Eckernförde und nimmt hilfesuchende Schüler „im Regelfall völlig demotiviert“ in Empfang. „Die müssen erst Mal aufgebaut werden und brauchen zugleich eine Grundlage, um zu Erfolgserlebnissen in der Schule zu kommen“, sagt er. Sind die Anforderungen höher als vor Jahren, sind sie zu hoch? „Nein“, sagt Schäfer, „ich meine sogar, dass der Level leicht gesunken ist. Eine vernünftige Zensur müsste da auch ohne Nachhilfe immer drin sein.“ Was also läuft wo falsch? Schaffer sieht das Manko bereits in der Grundschule, aus der die Kinder immer häufiger mit mangelhaften Kenntnissen in den Grundrechenarten weitergeleitet werden. „Wenn die dann auf der weiterführenden Schule mit einem x statt einer Zahl arbeiten sollen, brechen die innerlich zusammen – auch weil nicht vernünftig erklärt wird, dass dieses x nichts weiter als ein Platzhalter ist.“ Der weitere Weg sei so gut wie vorgezeichnet: Die Noten werden schlechter, das Selbstvertrauen sinkt, Ablenkungen vor allem auch durch elektronische Medien, die Schaffer als eine der Hauptursachen für unkonzentriertes Verhalten nennt, nehmen immer größeren Raum ein.

Natürlich macht es keine Freude, Schüler zu unterrichten, die Mathe einfach nur öde finden. Aber Schaffer will die Pädagogen in die Pflicht nehmen. „Vielen Kindern wird der Zugang zur Mathematik verschüttet, weil nicht vernünftig erklärt wird“, sagt er, und: „Viele Lehrer beharren auf dem einzigen Lösungsweg. Ich meine aber, dass wir mehr Kreativität in den Schulen brauchen.“ Damit meint Schaffer auch die Kultur, Fehler als Lernquelle zu würdigen.

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