200. Geburtstag Karl Marx : Prekär statt proletarisch

Das Karl-Marx-Monument in Chemnitz, Sachsen.
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Das Karl-Marx-Monument in Chemnitz, Sachsen.

Hartz IV: 200 Jahre nach seinem Geburtstag hätte Karl Marx ausgebeutete Gruppen entdeckt, die es so zu seiner Zeit nicht gab

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28. April 2018, 05:00 Uhr

Er gilt als einer der einflussreichsten und umstrittensten deutschen Denker: Der vor 200 Jahren (5. Mai 1818) in Trier geborene Karl Marx. Zwar hat sich seine These vom zwangsläufigen Untergang des Kapitalismus mehr als 150 Jahre nach Erscheinen des „Kapitals“ nicht bewahrheitet. Doch ist deshalb alles falsch, was der bärtige Philosoph zu Papier gebracht hat? Dieser Frage geht eine neue Serie unserer Zeitung nach. Teil 1

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Das Geld sollte eigentlich schon Ende März da sein. Aber Nachfragen beim Arbeitgeber, das bringt nichts, sagt Sara. Kommt es dann endlich, beginnt ein Bürokratie-Marathon: Sara wird Hartz-IV-Leistungen zurückzahlen – aber auch endlich die Zahnarztrechnung vom Dezember begleichen. Die Hamburgerin unterrichtet Deutsch als Fremdsprache für verschiedene Bildungsträger: Honorarvertrag, zwischen 20 und 35 Euro die Stunde – reine Unterrichtszeit natürlich: „Vor- und Nachbereitung sind mein Privatvergnügen und Krankheit persönliches Pech.“

Die 38-jährige Germanistin ist am Limit – nicht nur finanziell. Gezahlt wird meistens halbjährlich. „Dass ich Miete zahlen und essen muss, das interessiert meine Arbeitgeber nicht.“ Das klingt so bitter, wie sie sich oft fühlt. Mit vollem Namen geht sie nicht an die Öffentlichkeit: Die vage Chance auf Festanstellung will sie sich nicht verbauen.

Für etwa ein Drittel der Arbeitnehmer in Deutschland ist atypische Arbeit normal, wie eine Untersuchung des Deutschen Gewerkschaftsbundes zeigt. Viele von ihnen arbeiten prekär, unsicher, vom sozialen Abstieg bedroht: Soloselbstständig wie Sara, als Leiharbeiter, in Minijobs, in unfreiwilliger Teilzeit, befristet oder auf Abruf. Das macht krank und arm, warnen Gewerkschaften aller Sparten.

„Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“, schrieb Karl Marx 1848 im kommunistischen Manifest an die Arbeiter, die ihre Arbeitskraft in den Fabriken verkauften. Proletarier – und damit ausgebeutet – waren für ihn alle, die vom Lohn abhängig waren. Tarifverträge, faire Löhne, Mitbestimmung: All das gab es zu Zeiten des vor 200 Jahren geborenen Ökonomen und Vordenkers nicht.

Entsprechend hatte er auch nicht „die enorme gesellschaftliche Integrationskraft der in der Zwischenzeit stattgefundenen Lohnsprünge auf dem Schirm“, sagt der Jenaer Soziologe Klaus Dörre. Unbefristete Arbeitsverträge, ein Einkommen, das eine Familie ernährt, Sozialversicherungen, an denen sich der Arbeitgeber beteiligt – das kannte Marx nicht.

Allerdings: Dieses Normalarbeitsverhältnis ist für eine wachsende Zahl von Menschen wie Sara im modernen Kapitalismus des Jahres 2018 eben nicht normal. „Prekär Beschäftigte wären sicherlich Adressaten und Analysethema für ihn gewesen“, sagt Dörre. „In ihrer Lage spiegeln sich ja die ungleichen Macht- und Lebensverhältnisse wider, die unser Wirtschaftssystem erzeugt und deren Analyse Marx' Lebensthema war.“

DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach sagt: „Von Karl Marx können wir heute lernen, wie wichtig es ist, dass Arbeitnehmer sich zusammentun und sich eben nicht gegeneinander ausspielen lassen.“ Wenn Pflegeketten ganze Sparten ausgliedern, gelten die Tarifverträge für viele Beschäftigte nicht mehr. Auch die betriebliche Mitbestimmung werde dabei dann „kaputtfilialisiert“, sagt Buntenbach. Oft sei der frühere Betriebsrat nicht mehr zuständig, und „in der neuen Tochtergesellschaft gibt es keinen“.

Und es entstehen immer ausgeprägtere soziale Unterschiede in unser Gesellschaft, sagt Soziologe Klaus Dörre. Auch weltweit, zeigt der „Weltreport über Ungleichheit“, für den mehr als 100 Wissenschaftler um den französischen Ökonomen Thomas Piketty Daten zusammentrugen.

Auch Piketty, Autor des Bestsellers „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, ist von Marx' Analyse inspiriert. Der Report attestiert Deutschland so viel Ungleichverteilung von Einkommen wie zuletzt 1913. Und er zeigt: Die Schere geht seit den 1980er Jahren in fast allen Regionen der Erde auseinander. Das reichste ein Prozent der Weltbevölkerung vergrößerte seinen Teil des globalen Einkommens von 16 auf 20 Prozent.

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