Dramatische Folgen : Organspenden auf niedrigstem Stand

Prof. Karl Lauterbach
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Prof. Karl Lauterbach

Rückgang der Spendenbereitschaft mit dramatischen Folgen. Sterblichkeit auf Warteliste deutlich erhöht

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15. Januar 2018, 05:00 Uhr

Die Zahl der Organspender in Deutschland hat 2017 einen neuen Tiefpunkt erreicht. Nach den Statistiken der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) gab es nur 797 Spender, 60 weniger als im Vorjahr. Das ist der niedrigste Stand seit 20 Jahren. „Leider werden wir erstmals unter die Marke von zehn Spendern pro eine Million Einwohner rutschen. 2017 sind es 9,7“, sagte Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand. In der Historie der Stiftung sei das, ohne die Anfangsjahre, noch nie passiert. „Im internationalen Vergleich war Deutschland bisher im unteren Mittelfeld. Jetzt stehen wir im Vergleich fast hinter allen anderen westeuropäischen Ländern. Das ist eine dramatische Entwicklung“, ergänzte er.

Lauterbach: Spende muss Regelfall werden

Wegen der sinkenden Zahl an Organspendern in Deutschland fordert SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach einen dringenden Kurswechsel: „Wir brauchen eine Widerspruchslösung. Die Organspende muss zum Regelfall werden. Wer nicht spenden will, muss vorher ‚Nein‘ sagen“, erklärte der Bundestagsabgeordnete gestern im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion.

„Notwendig wäre ein Register, in das man sich eintragen kann, wenn man nicht bereit ist, zu spenden. Wir können verlangen, dass sich jeder aktiv erklärt, der seine Organe im Todesfall nicht für das Leben anderer Menschen hergeben möchte.“ Lauterbach reagierte auf die aktuelle Statistik der Deutschen Stiftung Organtransplantation (siehe Meldung).

Der Wert der Organspende sei in der Gesellschaft anerkannt, auch von den Kirchen, sagte Lauterbach. Das derzeitige Verfahren in Deutschland, wonach Organe nur entnommen werden dürfen, wenn Menschen einen Organspende-Ausweis bei sich führen, setze „zu hohe Hürden“, erklärte er weiter. „Das Routineverhalten bleibt so die Nicht-Spende.“

Die verschiedenen Skandale um Organspenden wirkten noch nach und hätten das Vertrauen der Menschen in den Umgang mit ihren Organen nachhaltig beschädigt, beklagte der SPD-Politiker. Er kritisierte: „Es wird in Deutschland viel zu wenig für Organspenden geworben. Die zuständigen staatlichen Einrichtungen und die Ärzteschaft tun bei weitem nicht genug. Der Wert der Organspende ist den Menschen gar nicht konkret bewusst, sie wissen nicht, was es heißt, verzweifelt auf ein Organ zu warten.“

Der Rückgang der Spendenbereitschaft habe dramatische Folgen, sagte Lauterbach, der selbst Arzt ist: „Immer mehr Menschen bezahlen mit dem Tode, weil sie nicht rechtzeitig Organe erhalten. Die Sterblichkeit auf der Warteliste hat sich deutlich erhöht.“ Bei Herz- und Lebertransplantationen seien die Möglichkeiten sehr begrenzt, die Menschen am Leben zu erhalten, bis ein Organ eintreffe. Menschen, die eine neue Niere bräuchten, müssten eine massiv eingeschränkte Lebensqualität hinnehmen.

„Dass es zu wenige Spender gibt, macht die Gesellschaft weniger menschlich, als sie sein könnte. Das ist keine optimale Medizin“, beklagte der Gesundheitspolitiker. „Es kann auch nicht sein, dass wir keine gute Statistik darüber haben, wie viele Menschenleben gerettet werden könnten, wenn ausreichend Organe zur Verfügung stünden.“

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