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Ärztepfusch : OP am gesunden Bein

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Auch Ärzte machen Fehler / 3800 Pfusch-Fälle wurden bei Krankenkassen im vergangenen Jahr erfasst

Ein Schuljunge verletzt sich am Arm und wird in einem Krankenhaus behandelt. Bereits einige Jahre zuvor war er dort wegen eines gebrochenen Arms versorgt worden. Die Ärzte röntgen nun die aktuelle Verletzung. Diagnose: Erneut ist der Arm gebrochen. Doch bei der Operation stellen die Mediziner überrascht fest, dass alles heil ist. Was war passiert? Die Ärzte hatten das alte und das neue Röntgenbild des Jungen vertauscht.

Doch nicht immer gehen die Behandlungsfehler so glimpflich aus wie in diesem Fall. Im vergangenen Jahr kamen Gutachter im Auftrag der Krankenversicherungen zu dem Schluss, dass 155 Patienten an direkten oder indirekten Folgen eines  Fehlers starben. 1294 Patienten erlitten einen Dauerschaden. 

14 663 Verdachtsfälle wurden vom  Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) begutachtet. In 3796 Fällen erkannten die Gutachter einen Behandlungsfehler – ein leichter Anstieg von 109 im Vergleich zu 2013.

In einem Fall starb beispielsweise eine Patientin, weil ein Darmverschluss viel zu spät diagnostiziert worden war. Sie wurde erst operiert, als der Darm schon gerissen war. Die Folge war eine Blutvergiftung. In 34 Fällen seien Fremdkörper bei Operationen im Patienten zurückgelassen worden, wie Tupfer, Drähte oder abgebrochenes OP-Besteck. 25-mal erfolgten Operationen am falschen Körperteil.

Doch all dies wäre vermeidbar gewesen. „Jeder Fehler ist einer zu viel und jeder Fehler zählt“, sagt der beim MDK zuständige Leiter Patientensicherheit, Max Skorning. Die Ursachen dafür seien unglaublich vielfältig –  „von mangelndem Fachwissen, Übermüdung und Abstimmungsproblemen“.

Fazit der MDK-Analyse: Patienten werden zu schlecht vor solchen Fehlern geschützt.  Die Kassen  fordern  deshalb eine umfassende, landesweite Registrierung der Fälle, um auch die Analyse nach Ursachen voranzubringen. „Sicherlich wird man dann auch eine gewisse Verbindlichkeit, möglicherweise über Gesetze dafür herstellen müssen“, sagt Vize-Geschäftsführer Stefan Gronemyer. In den USA, England oder Irland seien diese Register bereits Pflicht.

Derzeit können sich Patienten nicht nur an die Krankenversicherungen wenden, sondern unter anderem an Gutachterstellen der Ärzteschaft oder direkt an Gerichte. Über die so bekannt werdenden Fehler  hinaus gibt es nach Einschätzung der Experten eine hohe Dunkelziffer.

Um Fehler möglichst zu vermeiden, wollen Experten auch bestehende anonyme  Meldesysteme weiter voranbrin- gen.  Ärzte oder medizinisches Personal können so Behandlungsfehler nennen und beschreiben, ohne jemanden dabei an den Pranger stellen zu müssen.  Ihre Kollegen sollen dann daraus lernen und weitere Probleme dieser Art vermeiden. Zahlreiche Krankenhäuser und auch Zahnärzte setzen das bereits ein.

Nicht nur die körperlichen Schäden verbittern zahlreiche Patienten. Auch Entschädigungen zu bekommen, wird für viele zu einem nervenaufreibenden Prozess. Eine Studie des Wissenschaftlichen Instituts der Techniker Krankenkasse (WINEG) zeigt, dass es in 39 Prozent der untersuchten Fälle fünf bis zehn Jahre dauere, bis über eine Entschädigung entschieden ist. In 19 Prozent der Fälle dauert es demnach sogar noch länger.

Ein Problem ist auch, dass viele Betroffene nach einem Schaden nicht mehr arbeiten können und das Leben existenziell bedroht ist. „Dann zehn bis 15 Jahre lang zu klären, wer haftet, ist unzumutbar“, so Hardy Müller, Geschäftsführer des Aktionsbündnisses  Patientensicherheit.  

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