Internationaler Tag für Toleranz, : Ohne geht es nicht

Kinder kommen vorurteilsfrei auf die Welt. Viele lernen dann Intoleranz von den Erwachsenen.
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Kinder kommen vorurteilsfrei auf die Welt. Viele lernen dann Intoleranz von den Erwachsenen.

Am 16. November ist der Internationale Tag für Toleranz, ausgerufen von der Unesco. Denn um die Akzeptanz des Anderen ist es in der Welt nicht so gut bestellt. Oder?

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11. November 2017, 16:00 Uhr

Der kulturelle Firnis ist dünn. Im Umgang mit seinen Artgenossen erweist sich der Mensch als problematischer Erdbewohner. Nicht weil die Welt mit Toleranz gesättigt wäre, sondern weil diese an allen Ecken fehlt, hat die Unesco den 16. November zum Internationalen Tag der Toleranz erklärt. Wir haben ihn nötig.

Ausgrenzung Andersdenkender, Andersgläubiger, anders Aussehender? „Bei uns nicht. Wir sind ein freies Land. Das sind Probleme der Araber und Bimbos.“ Es ist heller Vormittag mitten in Lübeck, als eine Gruppe mittelalter Männer sich anschickt, laut über Sitten in anderen Ländern allgemein und über zwei Frauen mit Kopftüchern im Besonderen nachzudenken. Einige Umstehende lachen, andere sehen zu, dass sie weiterkommen. Auch die Frauen mit Kopftüchern. „Araber und Bimbos.“ Diese Formulierung müsse ja wohl nicht sein, sagt jemand. „Du verstehst wohl keinen Spaß“, kommt als Antwort. Man kennt das: So war das ja nicht gemeint. Man wird ja wohl noch sagen dürfen, dass … Wir sind ein freies Land. Man geht weiter, es gibt Wichtigeres und Bedrohlicheres als solche Zeitgenossen. Misch dich nicht ein.

„Toleranz ist Harmonie über Unterschiede hinweg. Sie ist nicht nur moralische Verpflichtung, sondern auch eine politische und rechtliche Notwendigkeit. Toleranz ist eine Tugend, die den Frieden ermöglicht, und trägt dazu bei, den Kult des Krieges durch eine Kultur des Friedens zu überwinden“, hat es die Unesco in Artikel 1 ihrer „Erklärung von Prinzipien der Toleranz“ formuliert und im letzten, dem sechsten Artikel, den 16. November zum Internationalen Tag der Toleranz erklärt. Es ist ein ausführliches Elaborat, das sich Staat und Toleranz, der sozialen Dimension, Bildung und Erziehung und einer Verpflichtung zum Handeln widmet; man merkt ihm an, dass die Einigung darauf der 28. Generalkonferenz im Jahr 1995 ebenfalls Toleranz abverlangt hat.

Eine Kultur des Friedens gegen den Kult des Krieges? Nie wäre die so nötig wie jetzt, denn noch nie, so das UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge in seinem jüngsten Bericht, war die Zahl der Flüchtlinge und Vertriebenen so hoch. 65,5 Millionen Menschen waren 2016 unmittelbar von Krieg, Gewalt und Verfolgung bedroht. Nach wie vor ist der vermeintlich falsche Glaube eine tatsächliche oder anderen Interessen vorgeschobene Triebfeder von Vertreibung und Gewalt.

Wir sind bereit, das dümmste Zeug zu glauben, wenn es vor dem mühsamen Akt der Toleranz bewahrt.

In Mali werden Christen zur Flucht gezwungen, in Myanmar Muslime angegriffen, in Irak Jesiden verfolgt. „Angehörige der christlichen, bahaitischen, sufitischen und sunnitischen Minderheiten im Iran haben unter regelmäßiger Verfolgung zu leiden. Zu den Repressionsmaßnahmen gehören die Beschlagnahmung ihres Besitzes, die Schändung ihrer Gebetsstätten, Inhaftierungen und zahlreiche andere gegen sie gerichtete Gewaltakte“, berichtet der Menschenrechtsverein für Migranten e.V. aus Iran.

Und wir? In Deutschland zitieren wir gerne Friedrich den Großen, wonach jeder nach seiner Fasson selig werden solle. Religionsfreiheit ist mit Artikel 4 des Grundgesetzes und der Menschenrechtskonvention festgeschrieben. Als aber Bundesinnenministers Thomas des Maizière Diskussionsbereitschaft in Sachen muslimischer Feiertag signalisierte, kochten die Emotionen hoch, als sei das Abendland in Gefahr.

Genaues Zuhören und ein Faktencheck wären im Falle des Feiertages ebenso hilfreich gewesen, wie beides überhaupt dazu beitrüge, dreiste Unwahrheiten – neudeutsch Fakenews – zu entlarven, die insbesondere durch soziale Netzwerke galoppieren. Wir sind bereit, das dümmste Zeug zu glauben, wenn es denn unsere Stereotype füttert und vor dem mühsamen Akt der Toleranz bewahrt.

Die Berliner „Stiftung Neue Verantwortung“ entlarvte jüngst ein Video, das unter dem Account-Namen „Ich will mein Land zurück“ durchs Netz geisterte: Darin sind ein paar Dutzend Menschen zu sehe; sie haben dunkle Haut, tragen lange weiße Gewänder. „Heute morgen in Leipzig. Nein man kann wirklich nicht von #Islamisierung, #Umvolkung oder #Verfremdung sprechen. Bitte teilen und Seite liken“, heißt es dazu. Geteilt wurde das Video mehr als 12 000 Mal. Tatsächlich zeigte das vermeintliche Zeichen von Islamisierung aber eine Gruppe eritreisch orthodoxer Christen, die gerade aus der Kirche von einer Taufe gekommen waren. Die Korrektur der Falschmeldung hatte es beim Weg in die Welt deutlich schwerer als die Falschmeldung selbst. Auch das kennt man.

Dreist, dumm, verschlagen? Der Intoleranz sind solche Eigenschaften nahe. Abwesenheit von Bildung ebenfalls. Voltaire, der große französische Philosoph der europäischen Aufklärung, hat in seiner Schrift „Über die Toleranz“ der fanatischen Bereitschaft, selbst den größten Unsinn zu glauben, wenn es den eigenen Vorurteilen und Interessen dient, den Kampf angesagt. 1763 erschienen, bespricht Voltaire den Fall des hugenottischen Kaufmanns Jean Calas, der 1761 zum Tode verurteilt wurde. Er habe seinen Sohn ermordet, weil der zum Katholizismus habe konvertieren wollen, so die Anklage. Ein Fehler, den Voltaire als Justizskandal enttarnt.

Der Sohn hatte sich selbst getötet, eine halbwegs vorurteilslose Untersuchung hätte dies ans Licht gebracht. Aber, so Voltaire, „was soll man einem Menschen entgegenhalten, der sagt, er wolle lieber Gott als den Menschen gehorchen, und daher überzeugt ist, in den Himmel zu kommen, wenn er einem den Hals abschneidet.“ Seit den Anschlägen von Paris ist Voltaires Streitschrift gegen Fanatismus und Aberglaube zum Bestseller avanciert. Über weite Strecken liest er sich, als sei die Welt in 250 Jahren kein bisschen klüger geworden.

Bildung und Kritikfähigkeit müssen her. Die besten Chancen, solche Saaten aufgehen zu lassen, gibt es bei den Kindern. „Nirgendwo ist die Bevölkerungsvielfalt in Deutschland so stark ausgeprägt wie an der Schule“, heißt es beim Kinderkanal von ARD und ZDF, Kika, der sich unter dem Motto „Respekt für meine Rechte! – Gemeinsam leben“ bis zum 26. November dem Thema Toleranz mit Wissensmagazinen, Dokumentationen, Clips, Shows und Spielfilmen nähert. Mit Puschenkino für mehr Toleranz? So hilflos das klingt, und so sehr es dort durcheinandergeht mit Toleranz, Akzeptanz, Respekt, Fairness, Gleichberechtigung – es ist eine bunte Auseinandersetzung mit dem Miteinander, auch da, wo das schwierig wird.

Kinder kommen vorurteilsfrei auf die Welt. Wenn später Hans nicht neben Ali und Laura nicht neben Aysche sitzen will, weil die Kultur des oder der anderen als seltsam, weniger wert oder was auch immer gilt, sind die Signale aus der Erwachsenenwelt gekommen.
 

„Die sind nicht schwarz. Einer ist weiß, einer ist blau, den andern weiß ich nicht.“ Kleiner Junge

Bei dem kecken, etwa drei Jahre alten Jungen, der mit seiner Sicht auf die Welt neulich die Fahrgäste in einem Bus zum Staunen brachte, hatten die Signale offenbar noch keine nennenswerten Spuren hinterlassen. Der war mit seinem Großvater unterwegs, als drei Männer sehr dunkler Hautfarbe zu- und zwei Haltestellen weiter ausstiegen. Großvater am Ziel zum Enkel: „Hast du die gesehen? Die waren aber schwarz.“ Enkel: „Schwarz?“ Großvater: „Na, die Männer eben.“ Enkel: „Die sind nicht schwarz. Einer ist weiß, einer ist blau, den andern weiß ich nicht.“ Der Enkel meinte die Jacken der Männer. Großvater: „Ich meine doch die Gesichter.“ Enkel: „Die sind nicht schwarz, die sind wie Schokolade.“

In den Köpfen von Erwachsenen sieht es vielfach spätmittelalterlich unaufgeklärt aus, so, als hätte es die klugen Köpfe und bösen Beispiele in der Geschichte nie gegeben. „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Bei Immanuel Kant ist dies grundlegendes ethisches Prinzip. Und die Nachgeborenen? Verehren den Aufklärer aus Königsberg, richten Regeln und Gesetze nach ihm aus und pfeifen im Alltag auf die Umsetzung seiner Philosophie?

Nach einer Forsa-Umfrage vom Sommer sieht das deutsche Kinderhilfswerk Handlungsbedarf für eine Bildungsoffensive in Sachen Kinderrechte. Dass Flüchtlingskinder sofort die gleichen Möglichkeiten haben sollten wie in Deutschland geborene Kinder, meinten da 42 Prozent der Befragten. 52 Prozent hingegen waren anderer Auffassung. Thomas Krüger, Präsident des Deutschen Kinderhilfswerkes, spricht angesichts dieser Zahlen aus kinderrechtlicher Sicht von einem „deutlichen Warnsignal“. Aufgeschlüsselt nach Anhängern politischer Parteien ergab sich folgendes Bild: 69 Prozent der Anhänger/innen der Grünen meinen, dass Flüchtlingskinder sofort die gleichen Möglichkeiten haben sollten wie in Deutschland geborene Kinder, 54 Prozent bei der SPD, 48 Prozent bei der Linken, 44 Prozent bei der CDU/CSU und 33 Prozent bei der FDP. Bei den AfD-Anhänger/innen liegt dieser Wert bei null Prozent.

Die Pflege der Toleranz wäre jedenfalls in unseren Klassenzimmern gut aufgehoben. Dort ist nicht nur die kulturelle Vielfalt ausgeprägt wie nirgends sonst, so treffen Schüler auch auf Lehrkräfte, die, so der Kika, „tendenziell eine liberale Haltung beim Thema Vielfalt haben“: „So glaubt nur jeder Zehnte, dass Muslime das Sozialsystem belasten, in der Gesamtbevölkerung ist dagegen jeder Fünfte dieser Meinung. Auch tolerieren Lehrer eher den Bau von Moscheen und verbinden etwa die Kriterien ,akzentfreies Deutsch’ und ,deutsche Vorfahren’ weniger stark mit dem Deutschsein.“

Wer Geschäfte machen will, braucht Frieden. Wer Frieden will, braucht Toleranz.

„Toleranz“ ist in diesen Tagen auch eine Ausstellungsabteilung im Europäischen Hansemuseum in Lübeck überschrieben. Die Schau ist ein Beitrag zum Reformationsjahr und trägt den vielsinnigen Titel „Geld. Macht. Glaube“. Ihr Kurator, der Hamburger Historiker Tillman Bendikowski, zeigt dort die wirtschaftlichen Aspekte einer umwälzenden Glaubensfrage; und ausgerechnet hier, in einem Schauraum früherer finanzieller Interessen, wird deutlich, warum Toleranz ein ebenso ökonomisches wie humanes Gebot ist: Wer Geschäfte machen will, braucht Frieden. Wer Frieden will, braucht Toleranz. Gerade so, wie es die Unesco formuliert. Auch hier geht der Geist Voltaires um: „Laßt an der Börse von Amsterdam, London, Surat oder Basra den zarathustrischen Perser, den Banian, den Juden, den Muslim, den zur Gottheit betenden Chinesen, den griechischen Christen, den römischen Christen, den protestantischen Christen, den christlichen Quäker miteinander Handel treiben: keiner wird den Dolch gegen den anderen zücken, um seiner Religion neue Seelen zu gewinnen.“

Von der Geissel Intoleranz ist jetzt wie einst allerorten zu hören. Die Bertelsmann-Stiftung stellte in ihrem Religionsmonitor 2017 allerdings fest, dass sich bei der Integration muslimischer Einwanderer in Deutschland etwas getan habe und hat deutliche Fortschritte ausgemacht. Fast drei Viertel der in Deutschland geborenen Kinder von muslimischen Einwandererfamilien wachsen der Erhebung zufolge mit Deutsch als erster Sprache auf. 96 Prozent der Muslime in Deutschland sagen, sie fühlen sich mit Deutschland verbunden. 78 Prozent gaben an, häufig beziehungsweise sehr häufig Freizeitkontakte zu Nichtmuslimen zu haben. So etwas geht nicht ohne gegenseitige Duldung. Aber auch das ergab er Religionsmonitor: 19 Prozent der Bürger in Deutschland wollen keine Muslime als Nachbarn haben.

„Toleranz ist vor allem eine aktive Einstellung.“ Unesco

Man kann mit Voltaire antworten, dass Toleranz die schönste Gabe der Menschheit sei. „Wir sind alle voller Schwächen und Irrtümer; vergeben wir uns also gegenseitig unsere Torheiten. Das ist das erste Gebot der Natur.“ Von selbst geht das nicht, hält die Unesco fest: „Toleranz ist nicht gleichbedeutend mit Nachgeben, Herablassung oder Nachsicht. Toleranz ist vor allem eine aktive Einstellung, die sich stützt auf die Anerkennung der allgemeingültigen Menschenrechte und Grundfreiheiten anderer.“

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