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Kindesmissbrauch : Nur einer von 100 Fällen wird bekannt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Forscher der Universität Regensburg befragten anonym Jugendliche und Erwachsene zum Thema Kindesmissbrauch

svz.de von
erstellt am 10.Feb.2016 | 20:55 Uhr

Nur einer von 100 Fällen von sexuellem Kindesmissbrauch wird den Jugendämtern oder der Justiz bekannt. Das ist eines der Ergebnisse der „Mikado-Studie“, die von 2011 bis 2015 unter der Leitung der Forensischen Psychiatrie der Universität Regensburg erarbeitet wurde. Forscher mehrerer Hochschulen haben dabei versucht, Licht ins Dunkel zu bringen, indem sie mehrere Tausend Jugendliche und Erwachsene anonym befragt haben.

Die Delikte

Juristisch gehört unter anderem zum sexuellen Missbrauch, seine Geschlechtsteile vor fremden Kindern unter 14 Jahren zu entblößen. Ebenso zählt dazu, die Genitalien eines Kindes zu berühren, sich selbst anfassen zu lassen oder an den Genitalien zu „manipulieren“. Wer mit eigenen Körperteilen in Körperöffnungen des Kindes eindringt, begeht einen schweren sexuellen Missbrauch. Wer dies mit Gewalt oder Drohungen tut oder die hilflose Lage des Opfers ausnutzt, begeht eine Vergewaltigung. Die Regensburger Forscher haben jedoch weitere Übergriffe vor allem im Internet berücksichtigt.

Das Ausmaß

Laut Studie erlebt jedes zwölfte Kind (8,5 Prozent) in Deutschland sexuelle Übergriffe oder Missbrauch. Mädchen sind doppelt so oft betroffen wie Jungen. Zu Körperkontakten kommt es deutlich seltener.

Drei von Hundert Mädchen und einer von Hundert Jungen erleben dies. Beim ersten Missbrauch sind die Kinder im Durchschnitt knapp unter zehn Jahre alt. Nur ein Drittel der Betroffenen spricht darüber teilweise erst Jahre später mit Vertrauenspersonen.

Die Täter

Einer von 20 deutschen Männern hatte schon einmal sexuelle Fantasien mit Kindern. Übergriffe oder Missbrauch haben in der Studie deutlich weniger Männer eingeräumt. Das zeigt, so die Forscher, dass sexuelle Fantasien mit Kindern keineswegs automatisch zum Missbrauch führen. Jeder fünfte Täter hatte beruflich oder ehrenamtlich mit Kindern zu tun. Jeder dritte Täter kam aus dem familiären Umfeld. Außerdem ist der Anteil von Frauen als Täterinnen offenbar deutlich höher, als die Gerichtsstatistik zeigt.

Die Hilfen

Die Forscher fordern, Kinder ab der dritten Klasse aufzuklären, damit sie wissen, wenn etwas Verbotenes mit ihnen geschieht und wie sie sich wehren können. „Kinder sollten ernst genommen und sexuelle Missbrauchserfahrungen ohne Körperberührung nicht bagatellisiert werden“, heißt es in der Studie.

Wer Kinder missbraucht, wird von der Bevölkerung mehr verachtet als andere Kriminelle. Viele wollen Männer mit sexuellem Interesse an Kindern sogar „vorbeugend“ einsperren. Auch viele Therapeuten haben Vorurteile gegenüber „gefährdeten“ Männern. Die Regensburger Forscher befürchten, dass Männer mit sexuellem Interesse an Kindern ohne Hilfe ihre sexuellen Bedürfnisse noch schwerer kontrollieren können – und das Risiko steigt, dass sie Kinder missbrauchen.

Die Folgen

Neben körperlichen Schmerzen durch die Tat an sich können Opfer von sexuellem Missbrauch auch langfristig unter Depressionen, Suchterkrankungen, Schlafstörungen, Angstzuständen oder Essstörungen leiden. Häufig bekommen sie Probleme mit ihren schulischen Leistungen. Einige Kinder kapseln sich ein, andere werden auffällig aggressiv.

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