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Wie unter Hypnose : Norwegen folgt tausenden Rentieren im TV

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Wie unter Hypnose folgt derzeit ganz Norwegen der Frühjahrswanderung von über tausend lappländischen Rentieren. Der öffentlich-rechtliche Sender NRK überträgt die Wanderung ins Sommerquartier Minute für Minute, 170 Stunden lang.

In den sonst so einsamen Weiten des norwegischen Lapplands werden derzeit über 1000 Rentiere von ungewöhnlich vielen Augen betrachtet. In einem technisch höchst aufwendigen Projekt überträgt der öffentlich rechtliche Fernsehsender NRK derzeit die gesamte Frühjahrswanderung der Herde von der Finnmarksvidda zur Insel Kvaløy in Nordnorwegen, wo die trächtigen Kühe schließlich kalben werden. Minute für Minute, Tag für Tag wird der Marsch der Vierbeiner übertragen. Machmal fressen sie, manchmal laufen sie, manchmal schlafen sie. Das ist eine Weltpremiere ohnegleichen.

Jetzt zusehen: Hier geht es zum Live-Stream

Über Jahrhunderte hinweg war dieses sonderbar hypnotische Schauspiel nur wenigen Rentierhaltern aus der indigenen samischen Minderheit vorbehalten. 260 Kilometer müssen die Tiere insgesamt zurücklegen bis zum Sommerlager. Seit Montag sind sie unterwegs. Sieben Tage soll es dauern. „Aber das entscheiden die Rentiere. Wir sind auf eine Verlängerung vorbereitet“, sagt Paul Hivan vom samischen NRK-Kanal dieser Zeitung.

Seit Tagen steigt die Einschaltquote unaufhörlich. „Wir sind derzeit bei rund 1.000.000 Zuschauern pro Tag, ständig wächst die Zahl“, sagt Hivan. Insgesamt befinden sich 36 TV-Leute bei der Herde. Sie sind mit Hundeschlitten, Schneemobilen, Zelten, Kamera-Dronen, Stromgeneratoren und einem ausgeklügelten Übertragungssystem ausgestattet. Weil die Tiere sich in einem Satellitenübertragungsloch befinden, mussten auf der ganzen Strecke Signalspiegel aufgebaut werden, um das Spektakel überhaupt live übertragen zu können.

 

Auch aus dem deutschsprachigen Raum kann über die Internetadresse www.nrk.no/rein zugeschaut werden. Gerade weil sonst vieles in den Medien so schnell und ruckhaft ist, erfreuen sich die Zuschauer an der meditativen Ereignislosigkeit des Programms.

Wie bei jeder anderen Geschichte gibt es aber auch beim Frühjahrsmarsch der Rentiere Protagonisten und Nebendarsteller, die für gewisse Aufs und Abs im Handlungsverlauf sorgen.

So genießt die Leitkuh der Herde inzwischen eine gewisse Prominenz. Geht sie nun weiter? Bleibt sie stehen? Die Zuschauer können im Internetchat diskutieren. Lange wollte die Leitkuh die Frühlingswanderung gar nicht einläuten. Dann, mit zweitägiger Verspätung, setzte sie die Herde endlich in Bewegung. Auch die Frage, wie sich das Rentier Muzet als Kameramann macht, beschäftigt die Zuschauer. Ihm wurde eine Kamera ans Geweih montiert, um Bilder direkt aus der Herde zu bekommen. „Muzet hat die Kamera nicht gefallen. Er ist die ganze Zeit abseits der Herde herumgehoppelt und wollte sie loswerden. Dabei hat er nur Selfies gemacht. Wir mussten ihm das wieder abnehmen“, sagt Hivan.

Wasserquerung steht bevor

Der absolute Höhepunkt der Reise steht noch bevor. Die Herde muss vom Festland zu ihrem Sommerlager auf der Insel Kvaløya schwimmen. „Wann das passiert, wissen wir nicht genau. Es passiert, wenn die Tiere es wollen“, sagt Hivan.

„Anfänglich befürchteten wir, dass die Rentierwanderung den Zuschauern vielleicht doch etwas zu langsam ist. Denn die Wanderung ist noch viel langsamer als unsere bisherigen Slow TV Programme“, sagt er. Der Sender NRK ist inzwischen bekannt für seine langsamen Fernsehprogramme, auch „Slow TV“ genannt.

Bereits 2009 hatte NRK eine siebenstündige Live-Übertragung einer Zugfahrt von Oslo nach Bergen durchgeführt. Ermutigt von den guten Einschaltquoten folgte eine mehrtägige Sendung vom traditionsreichen Hurtigruten-Postschiff, das die malerische Küste Norwegens von Örtchen zu Örtchen abfährt und eine norwegische Institution ist. Es folgte eine „Piep-Show“, in der norwegische Vögel an einem Futterhäuschen betrachtet wurden. 2016 installierte NRK dann 7 Kameras auf der arktischen Vogelinsel Hornöya und entzückte die Norweger erneut mit Piepmätzen. Dann kam jemand im Sendehaus bei einer Kaffeepause auf die Idee mit den Rentieren.

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erstellt am 28.Apr.2017 | 20:00 Uhr

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