Fußball-EM in Frankreich : Noch kein Sommermärchen

Straßenschlachten in Marseille: Englische Hooligans bewerfen Polizisten.  Fotos: dpa
Straßenschlachten in Marseille: Englische Hooligans bewerfen Polizisten. Fotos: dpa

Die latente Terror-Angst und brutale Hooligans lassen bei der Europameisterschaft in Frankreich bislang keine locker-fröhliche Stimmung aufkommen

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18. Juni 2016, 06:00 Uhr

Es liegt nicht nur am Wetter, wenn Frankreich derzeit kein Sommermärchen erlebt. Und es sind nicht nur die kühlen Temperaturen, die auf die Stimmung drücken. Eigentlich hätte die Fußball-EM eine hervorragende Chance darstellen können, um die Laune in einem Land zu heben, das in einer zähen Krise feststeckt. Es hätte sich als fröhlicher Gastgeber präsentieren, den europäischen Sportgeist hervorheben, endlich zu etwas Leichtigkeit finden können. Doch von Leichtigkeit keine Spur.

Das erklärt sich einerseits mit der angespannten Situation, in der dieses Turnier stattfindet: Nach den Pariser Terror-Anschlägen vom vergangenen Jahr gehört das Bewusstsein über die ebenso akute wie ständige Gefahr zum französischen Lebensgefühl. Dauerhaft herrscht die höchste Sicherheitswarnstufe, selbst beim Besuch eines Kaufhauses oder eines Jahrmarktes wird man auf mögliche Waffen abgetastet. Das Land befindet sich noch immer im Ausnahmezustand, den die hohe Polizei- und Militärpräsenz allgegenwärtig macht. Trotzdem stand eine Absage der EM nicht zur Debatte, gerade um nicht zurückzuweichen vor denen, die unsere Lebensweise bedrohen. Aber der Preis ist hoch – er besteht in permanenter Angespanntheit, ja Angst.

Hinzu kommt die extreme Gewalt, die von brutalen Hooligans ausgeht und die den Auftakt des Turniers schwer überschattet hat. Bislang sind es vor allem die Schläger aus aller Welt, die die Schlagzeilen bestimmen. Sie rücken die überwältigende Mehrheit friedlicher Fußballanhänger in ein übles Licht. Und zugleich auch die französische Polizei, die aus dem Ausland scharf kritisiert wird: Sie habe nicht ausreichend mit internationalen Kollegen kooperiert, sei überfordert und schlecht vorbereitet vorgegangen.
Der Vorwurf an die französischen Beamten, dass sie wenig dialogbereit auftreten und die Eskalation mit bedingen, fällt immer wieder auch hinsichtlich ihres Auftretens am Rande der sozialen Proteste. Seit Monaten kommt es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen während der Streikaktionen gegen die Arbeitsmarktreform der Regierung. Doch die Ordnungshüter reagieren wohl auch deshalb aggressiv, weil sie die Grenze der Belastungsfähigkeit erreichen und selbst zu Zielscheiben werden.

Es herrscht ein allgemeines Klima der Gewalt und Gegnerschaft. Zum Auftakt der EM, zu der Millionen Fans aus dem Ausland anreisen, streikten die Air-France-Piloten, Mitarbeiter öffentlich-rechtlicher Verkehrsmittel und der Müllabfuhr. So stapelte sich der Abfall in den Straßen von Paris – was für ein Willkommensgruß für die Gäste.

Aber vielen Franzosen stinkt es einfach. Die Krise im Land ist ebenso wirtschaftlich wie politisch und sozial bedingt. Sie findet ihren Ausdruck zum einen im Erfolg des rechtsextremen Front National, der seine Politik auf einer generellen Antihaltung aufbaut, und zugleich in der Protestbewegung in den Straßen, die überwiegend von linken Kapitalismuskritikern ausgeht. Viele Menschen schätzen die Zukunft Frankreichs äußerst pessimistisch ein; übersehen dabei auch die vielen Stärken und Vorzüge, die es hat – das Land, das Menschen in aller Welt für sein berüchtigtes „Savoir-vivre“ und seine trotz allem hohe Lebensqualität zum Schwärmen bringt. Doch es hat an Selbstbewusstsein verloren. Die EM könnte ihm ein Stück davon zurückgeben, wenn sie sich nach einem schwierigen Start doch noch zu einer friedlichen und fröhlichen Veranstaltung ohne brutale Zwischenfälle entwickelt. Ganz verloren ist die Chance eines Sommermärchens noch nicht. Zumindest eines kleinen.

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