Urteil : „Noch in Schockstarre“

Die Cousine von Tugce trauert vor dem Landgericht in Darmstadt.
Die Cousine von Tugce trauert vor dem Landgericht in Darmstadt.

Drei Jahre muss der 18 Jahre alte Sanel wegen des Todes von Tugce in Jugendhaft

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16. Juni 2015, 21:00 Uhr

Ganz in Schwarz gekleidet warten Tugces Eltern und ihr Bruder Dogus schon eine halbe Stunde vor Verhandlungsbeginn auf das Urteil gegen Sanel M.. Während der gut einstündigen Urteilsbegründung von Richter Jens Aßling weint Mutter Sultan im Saal 3 des Landgerichts Darmstadt immer wieder leise oder starrt wie ihr Mann Ali vor sich hin. Das Strafmaß von drei Jahren Jugendhaft nehmen die Albayraks gefasst auf. Dogus schüttelt nur leicht den Kopf; als Aßling sagt, Sanels Entschuldigung im Gerichtssaal sei nach Einschätzung der Kammer „durchaus aufrichtig gemeint gewesen“.

„Die ganze Familie ist immer noch in Schockstarre“, sagt Tugces Cousine Capri vor Verhandlungsbeginn. Der älteste Sohn der Familie, auch er Nebenkläger, ist nicht zur Urteilsverkündung gekommen. Die Familie sei froh, dass der Prozess vorbei ist, sagt ihr Anwalt Macit Karaahmetoglu. Die Albayraks seien in den vergangenen Wochen immer wieder mit den Einzelheiten des Todes ihrer Tochter konfrontiert worden.

Und wie sieht die Familie das Strafmaß für den 18 Jahre alten Angeklagten? Sie selbst äußert sich nicht. Ihr Anwalt sagt: „Jetzt besteht die Chance, eine Zäsur in seinem Leben zu setzen. Sein Leben kann man noch retten. Das von Tugce nicht mehr.“

Sanel M., der einen grellrosa Pullover trägt, blinzelt während der Urteilsverkündung einige Male, scheint sonst aber ruhig. Eine Freundin bricht im Zuschauersaal in Tränen und Schluchzen aus. Vor dem Gerichtsgebäude kommt es bei einer Mahnwache für Tugce zu Beleidigungen. Tugces Tante Mihrican weint und ist außer sich: Einige Frauen aus dem Gerichtssaal hätten auf ein Foto Tugces gespuckt.

Richter Aßling wendet sich gleich zu Beginn seiner Urteilsbegründung an Tugces Familie. Es sei nicht die Absicht des Gerichts gewesen, Tugce durch vielleicht als despektierlich empfundene Fragen „herabzusetzen oder gar zu demontieren“, betonte Aßling. „Es geht allein darum herauszufinden, was passiert ist.“ Dabei sei dem Gericht bewusst: „Dieser Verlust ist durch kein Urteil dieser Welt wieder auszugleichen. Damit müssen Sie leben, so schwer es fällt.“ Auch während seiner Begründung der Höhe des Strafmaßes spricht Aßling die Albayraks an. Es sei sicher schwer für sie zu ertragen, dass nun über die Zukunft des Angeklagten gesprochen werde. Dieser sei von einer Vorverurteilungskampagne „in großem Umfang gebrandmarkt“ und spüre dies auch im Gefängnis. Gegen Sanel spreche, dass er die Warnschüsse von drei Jugendarresten – den letzten zwei Monate vor der Tat – nicht verstanden habe. Auch nach seinem verhängnisvollen Schlag „hätte man sich gewünscht, dass er mehr Empathie und Mitempfinden mit dem Opfer hat“, sagt Aßling.

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