Netflix-Film jetzt doch im Kino : Noch ein Utøya-Film: "22. Juli" von Greengrass

22 Juli: Viljar und sein Bruder suchen Deckung vor dem Mörder. Foto: Erik Aavatsmark/Netflix
22 Juli: Viljar und sein Bruder suchen Deckung vor dem Mörder. Foto: Erik Aavatsmark/Netflix

Netflix bricht mit seinen Gewohnheiten: Der Utøya-Film "22. Juli" von Paul Greengrass kommt für wenige Tage ins Kino.

von
02. Oktober 2018, 21:40 Uhr

Berlin | Netflix legt sich sogar mit Cannes an, um seine Filme nicht im Kino zeigen zu müssen. Der Utøya-Film "22. Juli" von Paul Greengrass ("Jason Bourne", "Flug 93") kommt zumindest als Sonderprogrammierung ins Kino. Am 10. Oktober ist er auch im Internet zu sehen.

Utøya – zwei Filme, ein Stoff

Gerade erst ist Erik Poppes „Utøya 22. Juli“ im Kino angelaufen, da folgt schon der nächste Film über die Morde Anders Behring Breiviks: „22. Juli“ von Paul Greengrass. Poppes Film, uraufgeführt auf der Berlinale, erzählt die Geschichte aus der Sicht eines einzigen Mädchens und zeigt das Massaker in einer ungeschnittenen Sequenz, die exakt so lange dauert wie die reale Tat. Die enge Annäherung an die Opfer lässt das Werk paradoxerweise wie einen Horrorfilm wirken, der sich für den Hintergrund des Sterbens nicht interessiert. (Hier lesen Sie eine ausführliche Kritik zu Poppes Film)

Paul Greengrass liefert nun den Kontext, den Poppe verweigert: Er erzählt das Verbrechen von der Vorbereitung bis zum Prozess, schneidet die Sicht des Täters gegen die der Opfer und greift die Erlebnisse etlicher Nebenfiguren auf, von Breiviks Mutter über seinen Verteidiger bis hin zu Norwegens Ministerpräsident Stoltenberg.


Breivik und sein Opfer vor Gericht

Breivik selbst (Anders Danielsen Lie) wird bei der Vorbereitung des Massakers beobachtet, beim Schlucken von Aufputschmitteln, seiner Maskerade als Polizist und dem Töten der 77 Opfer. Vor allem aber interessiert sich Greengrass für Breivik vor Gericht. Er zeigt einen Monomanen, der seine exponierte Rolle auskostet und sich der Fantasie hingibt, Teil einer weltweiten Verschwörung zu sein. Plädiert er zunächst auf unzurechnungsfähig, ändert Breivik später die Strategie, um das Gericht zur Bühne seines tödlichen Aktivismus zu machen. Der Prozess, sagt er, soll sein dritter Anschlag sein; und Greengrass nimmt in Kauf, dass auch sein Film die rassistischen Thesen nochmals wiederholt.

Dagegen stellt er die Geschichte Viljar Hanssens, eines Schülers, den Breivik mit einem Kopfschuss schwer verletzte. „22. Juli“ verfolgt seinen Überlebenskampf auf der Insel, die Suche der Eltern nach ihrem Kind, die Operation am offenen Schädel und den Kampf der ganzen Familie gegen das Trauma. Poppes hatte seine Figur aus verschiedenen Berichten kompiliert; Jonas Strand Gravli spielt nun ein reales Opfer, und wie beim echten Viljar wird seine Aussage Teil der Heilung – indem sie ihm die Deutungshoheit über sein Leben zurückgibt. Breivik, sagt er, habe ihn schwer verwundet; aber während er selbst Familie, Freunde, Hoffnungen, kurz: ein Leben habe, werde der Mörder im Gefängnis „verrotten“. Breivik hat nicht gewonnen: Die Botschaft ist auch ans Publikum gerichtet; und hier offenbart auch Greengrass‘ Ansatz Grenzen. „22. Juli“ endet mit dem Urteil. Sechs Jahre danach fährt der Rechtspopulismus zweistellige Wahlergebnisse ein. Die Zuversicht des Films relativiert das erheblich. ("Venom" bis "Werk ohne Autor": Welche Filme im Oktober wichtig sind)

Netflix öffnet sich der Leinwand

„22. Juli“ ist eine der drei Netflix-Produktion, die im Wettbewerb von Venedig liefen – womit das Festival die Debatte um den Streamingdienst befeuerte. Cannes hatte dessen Filme noch abgelehnt, weil der Online-Riese ihre Kinoauswertung verweigert. Zumindest für Greengrass ändert Netflix die Hauspolitik: Nachdem der Film schon der Presse im Kino präsentiert wurde, ist er nun auch für das Publikum an einigen Tagen auf der Leinwand zu sehen– und das sogar bevor er am 10. Oktober den Netflix-Abonnenten zur Verfügung steht. Ob daraus eine neue Linie wird, hat das Unternehmen vor dem Feiertag nicht mehr beantwortet. Zumindest wächst die Hoffnung: Womöglich werden nun auch Alfonso Cuaróns Venedig-Sieger „Roma“, der Coen-Western „The Ballad of Buster Scruggs“ (in Venedig für das Drehbuch prämiert) im Kino zu sehen sein.

"22. Juli". USA/N 2018. R: Paul Greengrass. D: Anders Danielsen Lie, Jonas Strand Gravli. 143 Minuten.

Darum geht's im MEDIENPROJEKT von SVZ und NNN

Etwa 75.000 Schüler und Lehrer in Mecklenburg-Vorpommern erhalten in einem gemeinsamen Projekt der Zeitungsverlage und des MV-Bildungsministeriums bis zum Jahresende kostenlosen Zugang zu den Newsportalen. Fragen Sie an den Einrichtungen ihrer Kinder nach den Bedingungen und Login-Daten, die Sie auch in der Familie nutzen können.
Was bewegt die Schüler ab Klasse 5 bis hinauf in die Gymnasien und Berufsschulen unseres Landes? Was passiert in ihrem Umfeld, in Deutschland und der Welt? Wie können seriöse Nachrichten von Fake News unterschieden werden?
Die Schweriner Volkszeitung und die Norddeutschen Neuesten Nachrichten bieten den Schülern die aktuellsten Berichte, liefern in einem speziellen Dossierbereich "Diskussionsstoff" für den Unterricht und möchten mit ihnen in Austausch kommen.
 
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen