Hochwasserschutz : Neues Land aus dem Wasser

sturmflut   februar 1916

Schwere Fluten wie derzeit an vielen Orten der Welt – für lange Zeit war das auch das bittere Schicksal der Niederlande. Bis zur großen Katastrophe vor 100 Jahren. Die Jahrhundertflut war Anlass für das bis dahin größte Wasserschutzprogramm der Niederlande.

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09. Januar 2016, 11:18 Uhr

In der Nacht zum 14. Januar 1916 peitscht ein eisiger Südwest-Sturm über die Niederlande. Der Wind türmt die Wellen der See haushoch auf. Heftiger Regen ergießt sich über weite Teile des Landes. Deiche brechen. Das Wasser hat freies Spiel und stoppt erst kurz vor den Toren von Amsterdam. Dutzende Menschen verlieren in dieser Nacht ihr Leben. „Das darf nie wieder geschehen“, sagte damals der Minister für Wasserschutz, Cornelis Lely. „Das muss aufhören.“ Seither hat sich das Land verändert.

Und Lely hatte einen Plan: Denn er war nicht nur Politiker, sondern auch Ingenieur. Schon Hunderte von Jahren hatten heftige Stürme über der Zuiderzee, dem südlichen Teil der Nordsee, Verderben über Zehntausende Menschen im Norden und Westen des Landes gebracht. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hatte Lely einen Plan entwickelt, die wüste Zuiderzee einzudämmen. Bisher aber fehlten Technik, Geld und auch politischer Wille. Das war nach der Jahrhundertflut von 1916 anders. Sie war Anlass für das bis dahin größte Wasserschutzprogramm in der Geschichte der Niederlande. Ein ganzes Meer wurde eingedämmt und neues Land aus dem Wasser gewonnen.

Kernstück des Planes von Ingenieur Lely war der „Afsluitdijk“, der Abschlussdeich der die nördlichen Provinzen Friesland und Nord-Holland miteinander verbinden sollte. 1920 begannen die Arbeiten, und am 28. Mai 1932 war es soweit: Die Zuiderzee war vollständig von der Nordsee abgeschlossen. Durch den 32 Kilometer langen Deich wurde aus dem einstigen Meer ein Süßwasser-See, das Ijsselmeer.

Aber das war nicht alles. Nach dem Plan von Lely sollte auch fruchtbares Ackerland aus dem einstigen Meer gewonnen werden. Mit einem ausgeklügelten System von Pumpen, Kanälen und Mühlen wurden große Teile trocken gelegt. Polder entstanden – drei Meter unter dem Meeresspiegel. Genau vor 30 Jahren, am 1. Januar 1986 wurden diese Polder offiziell zur 12. Provinz des Landes erklärt: Flevoland.

Zuvor aber – nach dem Zweiten Weltkrieg – wurden junge Ehepaare aus dem ganzen Land sorgfältig ausgewählt, um das Land zu bebauen und bewohnbar zu machen. „Es waren echte Pioniere“, sagt die Amsterdamer Lehrerin Janneke Visser. Ihre Großeltern gehörten dazu. „Für sie war der Polder das gelobte Land.“ Den Pionieren folgten viele Tausende Niederländer. Gerade aus den Großstädten wie das nahe gelegene Amsterdam zogen junge Familien in die neue Provinz. Denn hier gab es etwas, was in dem am dichtesten besiedelten Land Europas Mangelware ist: Platz.

Heute hat Flevoland viel von seinem jugendlichen Glanz verloren. „Das neue Land ist kein Magnet mehr“, ergab eine Studie des Statistik-Amtes. Rund 400  000 Einwohner zählt die Provinz heute, doch gerade junge Leute ziehen wieder ins alte Land, vor allem ins etwa 50 Kilometer entfernte Amsterdam.

Und dennoch ist Flevoland tatsächlich ein Paradies. Ausgerechnet auf diesem neuen Land unter dem Meeresspiegel entstand eine einzigartige Wildnis. Als das große Zuiderzee-Projekt Ende der 1960er Jahre abgeschlossen war, hatte man nicht alles Land trocken gelegt, erzählt Förster Hans Breeveld. Gut fünfeinhalbtausend Hektar Marschland wurden der Natur überlassen. „Bis heute greifen wir so wenig wie möglich ein.“ Wilde Konik-Pferde rennen über die Steppe, Heckrinder grasen auf einer Lichtung, an einem See tauchen auf einmal Rehe und Hirsche auf.

Ein Fuchs schleicht am Waldrand, und über dem Wasser kreist ein Seeadler.

„Es ist wie Afrika, bloß nicht so heiß“, spöttelt Förster Breeveld. Er begleitet oft Besucher auf einer Safari durch die „Oostvaardserplassen“. Das einzigartige Naturgebiet wurde durch den Kinofilm „Die neue Wildnis“ auch international bekannt.

An die Schrecken der wilden Zuiderzee erinnert heute kaum noch etwas. Nur ganz im Norden des Polders ragen zwischen Weiden und Feldern Ruinen empor. Ein Kirchturm, Mauern – die Reste der Insel Schokland. Jahrhundertelang kämpften deren Bewohner gegen die Fluten. 1859 war der Kampf verloren. Die Insel wurde aufgegeben. Nun liegt Schokland mitten auf dem Land und gehört zum Weltkulturerbe der Unesco, als Symbol für den Kampf gegen das Wasser.

Der Kampf aber ist nicht vorbei. Im Gegenteil. Nun bedroht der Klimawandel gerade die Niederlande. Der Abschlussdeich kann dem steigenden Meeresspiegel nicht standhalten und muss verstärkt werden. 2017 wird mit den Arbeiten begonnen, 2021 sollen sie abgeschlossen sein.

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