ESC 2018 : Netta siegt, Schulte rehabilitiert Deutschland beim ESC

<p>ESC-Siegerin: Netta aus Israel gewinnt den Wettbewerb mit 'Toy'. Foto: dpa</p>

ESC-Siegerin: Netta aus Israel gewinnt den Wettbewerb mit "Toy". Foto: dpa

Der deutsche Sänger Michael Schulte? Der Flitzer? Die Siegerin Netta mit "Toy"? Was war das Spannendste am ESC 2018?

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13. Mai 2018, 08:49 Uhr

Vampire, Flitzer und die Tabelle: Spannungsmomente beim ESC

Am Anfang sang ein ukrainischer Vampir, mittendrin klaute ein Flitzer der britischen Kandidatin das Mikro, und am Ende sangen zwei Italiener den islamistischen Terror nieder. Und trotzdem: Das Spannendste am „Eurovision Song Contest“ bleibt das Verlesen der Punkte. Weit nach Mitternacht sitzt man gebannt vor dem Fernseher und beobachtet, wie Musiker, deren Namen man noch nie gehört hat, an die Tabellenspitze vorpreschen, überholt werden, sich zurückkämpfen. (Das Minuten-Protokoll: Der ESC im Liveticker zum Nachlesen)

Erst das Jury-Votum, dann das des Publikums

Dabei hat der erste und viel ausführlichster zelebrierte Durchgang, bei dem nur die Jury-Voten ausgewertet werden, noch keine Aussagekraft. Im Fachurteil lag Österreich gegen halb eins vor Schweden auf Platz 1. Zehn Minuten später waren die Stimmen der Zuschauer im Hauruckverfahren addiert worden; Österreich rutschte auf Platz 3 ab, Schweden sogar auf Platz 7. Beim ESC konnte jeder an sich selbst erleben: Die Kulturpreise mögen unter Rechtfertigungsdruck stehen – von den Oscars über den Echo bis hin zum Nobelpreis. Das Grundprinzip aber funktioniert, selbst wenn das Regularium komplex und die Präsentation willkürlich ist

Die ESC-Siegerin: Netta gewinnt mit "Toy"

Mit der israelischen Sängerin Netta gewinnt dank der vielen Publikumsstimmen schließlich die Favoritin aus Israel, die bei den nationalen Jurys nur Dritte geworden war. Die 25-Jährige ist eine Kandidatin, die knallt – und zugleich eine Botschaft hat: Netta trägt einen pinkfarbenen Kimono, sie trillert und fiept, macht Gesichter wie ein Stummfilm-Komiker und baut ihre Tanznummer zu einem Crescendo auf, bei dem am Ende ganz Lissabon tanzen möchte. Dass der Text von „Toy“ auch noch eine weibliche Selbstermächtigung beschwört, empfiehlt den Song als fröhliche Hymne der #MeToo-Debatte. (Wie gut kennen Sie sich aus? Unser Quiz zum ESC 2018)

Deutsche Ehrenrettung: Michael Schulte

Michael Schulte ist in allem das Gegenteil davon: Seine Ballade auf den toten Vater folgt einem hochprivaten Anliegen, der Auftritt in grauer Jeans und schwarzen Shirt, bei dem der 28-Jährige auf jedes Brimborium verzichtet, ist eine Absage an die sonstige Zirkusoptik des ESC. Dass der Norddeutsche mit „You Let Me Walk Alone“ den vierten Platz belegt – beim Publikum übrigens genauso wie bei den Fachjurys– beendet unerwartet erfolgreich eine Serie von Debakeln: Im letzten Jahr belegt Deutschland beim ESC den vorletzten Platz, im Jahr davor den letzten und davor den letzten ohne einen einzigen Punkt.

Lecker, Schafskäse! Postkarten aus Portugal

Der Gastgeber Portugal dagegen legt einen bitteren Sturz hin: Cláudia Pascoal, die mit „O Jardim“ ebenfalls eine tote Angehörige besingt, platziert sich als Schlusslicht der 26 Finalisten. Was das Land zu bieten hat, zeigt der Abend überzeugender im Auftritt des Vorjahressiegers Salvador Sobral und im Intro mit versierten Fado-Künstlern. Recht indezent nutzt das Land die internationale Show daneben als Schaufenster seiner touristischen Vorzüge. Die Vorstellungsfilme der Kandidaten, ESC-intern werden sie zu Recht Postkarten genannt, stellen weniger die Musiker als den Austragungsort vor: malerische Landschaften, die regionale Küche, Oldtimer und Teeplantagen auf den Azoren. Manchmal erwischt man sich bei dem Gedanken: Ist ein Künstler, der für so einen Einspieler wohlig lächelnd in Schafskäse beißt, wohl wirklich ein großer Star in seinem Heimatland?

Welche Musik repräsentiert eigentlich der ESC?

Denn das ist ja das Merkwürdige am Eurovision Song Contest: Eine irgendwie europäische Identität kann das Sammelsurium aus britischem Pop, ungarischem Metal und der dekorativen Folklore dänischer Wikinger kaum abbilden; die echte Musikszene der einzelnen Länder dürfte aber auch nicht zu sehen sein, wenn eine Band wie Equinox aus Bulgarien für den ESC erst neu zusammengestellt wurde. Der Wettbewerb ist und bleibt eine Parallelwelt mit eigenen Gesetzen und wohl auch einem eigenen Publikum. Immerhin: Dass Michael Schulte es in die Top 5 geschafft hat, wird die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Ganzen zumindest hierzulande vorerst entschärfen.

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