STREITBAR: "hart aber fair" : Nachsitzen beim WDR

Frank Plasberg macht die umstrittene Sendung „Nieder mit den Ampelmännchen, her mit den Unisex-Toiletten – Deutschland im Gleichheitswahn“ noch einmal – mit den gleichen Gästen.
Frank Plasberg macht die umstrittene Sendung „Nieder mit den Ampelmännchen, her mit den Unisex-Toiletten – Deutschland im Gleichheitswahn“ noch einmal – mit den gleichen Gästen.

Die Neuauflage der „Ampelmännchen“-Folge von „hart aber fair“ macht die Tragödie zur Farce, findet Jan-Philipp Hein.

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29. August 2015, 12:00 Uhr

„Der Vorwurf der Zensur“, so sagte zu Beginn der Woche WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn, sei „so gravierend, dass man ihn nicht leichtfertig erheben sollte.“ Da hat der Kollege auch völlig Recht. In der Tat ist es maßlos, dem Westdeutschen Rundfunk „Zensur“ vorzuhalten, weil der nach Beschwerden von Feministinnen eine Ausgabe der Talksendung „hart aber fair“ aus der Mediathek nahm. Das war nämlich einfach nur dumm und falsch, mehr aber auch nicht. Dennoch ist der Fall seit einer Woche Thema. „Bild“ hob den Vorgang als Aufmacher auf die Titelseite, die „Frankfurter Allgemeine“ berichtete tagelang aus Köln und die eigene Branche, der Medienbetrieb, ist natürlich auch ganz aufgeregt.

Den Vorwurf der Zensur hat sich Jörg Schönenborn vielleicht selbst eingehandelt, ihn zumindest begünstigt. Als im Jahr 2012 aus der „Rundfunkgebühr“ eine „Haushaltsabgabe“ wurde, bezeichnete Schönenborn die umstrittene Finanzierung seiner Institution als „Demokratieabgabe“. Wer aus einer Rundfunkanstalt eine Verfassungsinstanz macht, kann sich kaum darüber wundern, wenn andere aus einer Fehlentscheidung einen Anschlag auf die Meinungsfreiheit machen.

„Programmbeschwerde“, „Petentinnen“, „Landesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros“... allein die Begriffswelt dieses angeblichen Zensurfalls ist nur etwas für Verbalmasochisten. Das beginnt allerdings schon beim Titel der „hart aber fair“-Sendung: „Nieder mit den Ampelmännchen, her mit den Unisex-Toiletten – Deutschland im Gleichheitswahn“ hieß die Ausgabe. Spätestens hier hätten die Beschwerdeführerinnen bereits merken können, dass sie es nicht mit einem journalistischen Format, sondern mit einem Werk aus der Unterhaltungssparte des WDR zu tun haben.

In postkarnevalistischer Stimmung (die Folge lief Anfang März) formulierten die nordrhein-westfälischen „Gleichstellungsstellen“ dann ihre Protestnote an den Senderhäuptling in Köln: „Die Auswahl der Gäste war nicht dazu geeignet, eine faire Diskussion über Geschlechterforschung zu führen. Fachfrauen beziehungsweise Fachmänner aus Wissenschaft oder Verwaltung fehlten vollständig“, hieß es da etwa. „Ampelmännchen, Unisextoiletten und brünftige Hirsche werden herausgestellt, um das gesamte Themenspektrum um Geschlechterforschung und Gleichstellungspolitik gezielt lächerlich zu machen“, monierten die Damen ebenfalls und merkten nicht, dass sie selbst dabei waren, ein Kleinod der Bewegung zu produzieren. Wäre ihre Programmbeschwerde bereits auf dem Markt gewesen, hätte Frank Plasbergs Runde auch diese noch mitverarzten und herausstellen können.

Das tierisch ernste Schreiben der Wutbürgerinnen („Als Gebührenzahlerinnen verlangen wir Auskunft darüber, ob diese Art der Sendungsgestaltung prägend für den WDR werden soll.“) erreichte schließlich Senderintendant Tom Buhrow, der den dringlichen Anliegen offenbar nicht gerecht werden konnte, weshalb sich vor ein paar Tagen der Rundfunkrat des WDR mit der Causa zu befassen hatte. Es muss ja alles seine Ordnung haben.

„Ohrfeige für Plasberg: Ampelmännchen muss in Giftschrank“ jubelten die Feministinnen nach der Sitzung der Senderwächter. Die hochweisen Ratsfrauen und -herren des WDR wiesen zwar zurück, dass „gegen die journalistische Fairness und gegen den Anspruch der Gleichstellung der Geschlechter verstoßen“ worden sei und verfügten dennoch, dass die Sendung aus der Mediathek zu entfernen sei. Dass sie damit den Zensurvorwurf provozieren, hätten die Rundfunkräte natürlich ahnen können, wenn sie auch nur ein ganz kleines bisschen Ahnung vom Medienbetrieb hätten. Aber darum geht es in den Gremien der öffentlich-rechtlichen Sender bekanntlich nicht.

Auf der operativen Ebene des Senders hätte man die Sache spätestens jetzt auf sich beruhen lassen und ein paar Tage Aufregung einfach aussitzen können. Doch beim WDR sind sie wild entschlossen, die Peinlichkeit auf die Spitze zu treiben: „Aufgrund der großen Debatte über die Sendung und ihr Thema hat die Redaktion entschieden, dass das Thema Gleichberechtigung der Geschlechter in voraussichtlich zwei Wochen in ‚hart aber fair‘ erneut aufgegriffen wird“, teilte Fernsehchef Schönenborn Anfang der Woche mit. Und deshalb hat die Redaktion auch schon mögliche Diskussionspartner angefragt, nämlich alle Gäste, die bei der nicht ganz geglückten Generalprobe Anfang März dabei waren: Schauspielerin Sophia Thomalla, FDP-Vizechef Wolfgang Kubicki, die antifeministische Autorin Birgit Kelle, Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter und Anne Wizorek, die irgendwann mal das Twitter-Hashtag #Aufschrei initiierte, unter dem eine Weile lang sexistische und frauenfeindliche Ausfälle gesammelt wurden. Bis auf Hofreiter haben auch schon alle zugesagt.

Bekanntlich wiederholt sich Geschichte einmal als Tragödie, dann als Farce. Wie die Neuauflage des Gendertalks laufen wird, ist jetzt schon sehr wahrscheinlich: „Hat was von Nachsitzen: Plasberg muss Gender-Sendung neu machen. Hoffentlich genehmigt Frauenrat Besetzungsliste“, witzelte Birgit Kelle in vorfreudiger Erwartung. Sie hoffe, dass der Rundfunkrat diesmal zufrieden sei „und wir nicht monatlich antanzen dürfen“. Wolfgang Kubicki kündigte bereits seine erste Frage an: „Lieber Herr Plasberg, was darf ich sagen, ohne gleich wieder aus der Mediathek zu fliegen?“ Warum gibt eigentlich der Westdeutsche Rundfunk einen seiner profiliertesten Moderatoren und sein Team derart der Lächerlichkeit preis?

Beim „Deutschen Frauenrat“ feiern sie das absurde Theater gerade: „Die Beschwerdeführerinnen müssen sich nicht grämen“, heißt es in einer Stellungnahme. Denn: „Sie haben eine breite öffentliche Diskussion initiiert und trotz der formalen Zurückweisung der Beschwerden einen beachtlichen Erfolg der besonderen Art errungen. Darauf können sie stolz sein.“

Dieser besondere Erfolg der besonderen Art dürfte für den Sender noch zu einem besonderen Problem der ernsten Art werden. Denn ab sofort kann sich jeder Krawallhansel auf den Präzedenzfall „hart aber fair“ berufen, wenn es zwar formal nichts zu beanstanden gibt, jedoch eine Löschung dringend gewünscht ist. Wutbürger aller Couleur dürften sich gerade warm laufen. Die wenigsten von denen werden was mit Geschlechtergerechtigkeit im Sinn haben. Seit Monaten bekommen ARD, ZDF und das Deutschlandradio beispielsweise massenhaft an den Haaren herbeigezogene Beschwerden von Putin-Fans wegen der Ukraine-Berichterstattung.

Weder Talkmaster Frank Plasberg, Intendant Tom Buhrow oder Fernsehdirektor Jörg Schönenborn können das Drama jetzt noch stoppen. Da muss eine Frau ran. Rundfunkratschefin Ruth Hieronymi ist jetzt gefordert. Sie könnte möglichst bald sagen, dass ihr Gremium die vielen internen und externen Folgewirkungen nicht bedacht habe und den Sender jetzt aber doch vor weiteren Katastrophen bewahren wolle. Dann könnte die Originalfassung der Gender-Debatte wieder in die Mediathek gestellt werden und es müsste keine Zweitfassung für teuer Rundfunkbeitrag produziert werden. Schade wäre das nur für Birgit Kelle und Wolfgang Kubicki, die sich so sehr auf die Neuauflage freuen.

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