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STREITBAR : Mütter- und Väterquote statt Frauenquote

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Anmerkung zum Muttertag – in Deutschland macht sich subtile Kinderfeindlichkeit breit. Höchste Zeit für eine Familienpolitik, die Zukunft hat.

svz.de von
erstellt am 10.Mai.2014 | 16:00 Uhr

In Hamburg wird ein Hundehasser-Magazin verlegt. Der Macher freut sich diebisch über die Resonanz. Was kommt als nächstes? Eine Zeitung für Kinderhasser? Der Boden wird schon mal bereitet. Vorzugsweise dort, wo Edelsanierungen für trendige Dinki’s (Double Income, no kids; doppeltes Einkommen, keine Kinder) die Mietpreise treiben oder linke Loser gerne „Luxuskarossen abfackeln“, wenn sie nicht damit beschäftigt sind, Wände mit „Tötet Schwaben“ oder „Tötet Yuppies“ zu beschmieren. Also in Hamburg und Berlin. Dort brennen schon mal Kinderwagen, die in Fluren stören. Oder vor Läden stehen Schilder mit durchgestrichenen Kinderwagen. Das sind keine Ausrutscher, sondern Indizien für einen Trend: Je mehr in diesem Land über die Notwendigkeit von Kindern geredet wird, desto stärker ist der Abwehrreflex derer, die mehr oder weniger bewusst auf Nachwuchs verzichten. Kürzlich griff der „Stern“ die Stimmung auf: „Kann man ohne Kinder glücklich sein?“, schrie die Illustrierte auf dem Titel heraus, der mit einem quengelnden Balg bebildert ist. Im Blattinnern kommen dann Paare zu Wort, die diese rhetorische Frage mit allerhand Argumenten bejahen.


Glücklich ohne Kinder


Dabei ist die Antwort so einfach: Ja, jeder kann ohne Kinder glücklich werden. Doch die Gesellschaft als Ganzes kann es nicht. Das ist der Unterschied zwischen Mikro- und Makroökonomie. Betriebswirtschaftlich gesehen lebt es sich ohne Kinder besser. Doch volkswirtschaftlich ist das Gegenteil der Fall: Eine Gesellschaft ohne Kinder hat keine Zukunft. Das Land vergreist. Es verdörrt regelrecht, wenn die produktiven Kräfte und kaufkräftigen Kunden fehlen. Wenn niemand mehr da ist, der für Vitalität sorgt.

All die Hedonisten, die nun allerhand Argumente für den Kinder-Verzicht ins Feld führen – vom Mangel an geeigneten Partner bis zur Weltenrettung (CO2-Belastung, Überbevölkerung) – sind darauf angewiesen, dass ihre Mitbürger nicht so egoistisch denken. Es sind die Kinder anderer Leute, die für ihre Produkte und Leistungen bezahlen. Den feministischen Autorinnen muss man entgegenhalten: Die Migranten, die ihr gerne ins Land holen wollt, lesen weder eure Bücher noch finanzieren sie eure Honorare.

Das ist deshalb wichtig, weil in der verqueren deutschen Emanzipationsbewegung „Mütter zum Feindbild herabgestuft wurden“, wie die Autorin Antje Schmelcher („Feindbild Mutterglück“, Oerlikon 2014) wütend auflistet: Sie werden von linken Politikern als „Heimchen am Herd“ verspottet, von Soziologinnen wie Jutta Allmendinger als „Glucken“ mit dem Makel der Nichtsnutzigkeit gebrandmarkt. Wer sich herablassend über Angela Merkel äußert, nennt die kinderlose Kanzlerin „Mutti“.

Mit einem Jahresetat von rund 260 Milliarden Euro finanzieren die Rentenkassen so manche „versicherungsfremde Leistung. Doch die Nation empört sich über die paar Milliarden Euro für die Mütterrente. Diese vor 1992 Geborenen sind es, die heute mit ihren Steuern den Laden in Schwung halten und die Hörsäle der kinderlosen Professorinnen füllen. Dafür bekommen sie einen zusätzlichen „Rentenpunkt“, was einem Zuschlag zwischen 25,74 (Ost) und 28,14 Euro (West) im Monat entspricht. Wow!“ Für Kinder, die nach 1992 geboren wurden, werden hingegen zwei Beitragsjahre auf dem Rentenkonto gutgeschrieben. Es bleibt also eine Ungleichbehandlung. Doch die ist vernachlässigbar im Vergleich zu – um nur ein Beispiel zu nennen – den Aufwendungen für Pensionäre und Versorgungsempfänger: Für diese relativ kleine Gruppe von etwa 800 000 Personen muss der Steuerzahler jedes Jahr knapp 45 Milliarden Euro aufwenden. Diese Zahlenrelation verdeutlicht, um was es eigentlich geht – oder genauer: nicht geht. Das Sozialbudget Deutschland beläuft sich mittlerweile auf fast 800 Milliarden Euro. Doch thematisiert wird regelmäßig, wie viele Leistungen es für Familien gibt. Sicher ist manche dieser etwa 150 „Vergünstigungen“ fragwürdig, zumal das angestrebte Ziel, die Geburtenrate zu erhöhen, bislang nicht erreicht wurde. Und dennoch müssen auch hier die Relationen bedacht werden. Dazu genügt ein Besuch im Supermarkt, um die angebliche Familienförderung als Milchmädchenrechnung zu entlarven: Hier der vollbepackte Wagen der Familie, dort das Häufchen Biobohnen der Single-Frau. Nur dank der großen Familieneinkäufen existiert der Laden überhaupt. Nicht vom spartanischen Ein-Personen-Haushalt, der sich dafür viel Wohnraum gönnt und die Immobilienpreise nach oben treibt.

So wie es „ungewollte“ Schwangerschaften gibt, so kommt es auch zu ungewollter Kinderlosigkeit. Mal fehlt der geeignete Partner, was allerdings auch mit der zunehmenden Anspruchserwartung berufstätiger Frauen zu tun hat; mal will es mit der Befruchtung einfach nicht klappen. Doch was bekommen die Eltern zu hören, die den technischen Fortschritt nutzen, um den Schöpfungsauftrag zu erfüllen? Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff beleidigt Retortenkinder als „Halbwesen“. Es folgt eine kurze feuilletonistische Erregung – und schon ist die Büchner-Preisträgerin wieder im Geschäft. Unterdessen knausern die Krankenkassen bei künstlichen Befruchtungen, der 93-Jährige bekommt hingegen auch noch das dritte neue Hüftgelenk bezahlt. Was ist für die Zukunft – auch von AOK & Co. – wichtiger?

Doch die größte Sorge von Politik und Bundesverfassungsgericht gilt homosexuellen Paaren. Bei ihnen, die auf natürlichem Weg keine eigenen Kinder bekommen können, wird sorgsam darauf geachtet, dass nur ja keine rechtlichen oder steuerlichen Nachteile entstehen. Für die versprochene Erhöhung des Kindergeldes fehlen indes die Mittel. Auch so werden falsche Anreize gesetzt.


Staat zahlt Pflege


Selbst der ständige Ausbau des Führsorgestaates ist letztlich kinderfeindlich. Er fördert die Illusion, dass man auch in Notlagen ganz gut ohne eigene Familie zurecht kommen kann. Vater Staat wird’s schon richten. Ein Beispiel: Wer sich die Erziehung eigener Kinder erspart, dann seine Rente oder üppige Pension alleine auf Mallorca verjuckt, um dann im Falle der mittellosen Gebrechlichkeit nach Deutschland zurückzukehrt, wird im Pflegheim nicht schlechter behandelt und vom Sozialamt alimentiert. Der Zimmernachbar, der drei Kinder zu anständigen Steuerzahlern herangezogen und etwas auf die Seite gelegt hat, muss erst auf das eigene Vermögen und dann auf die Kinder zurückgreifen. Denn jenseits bescheidener Freigrenzen wird im Pflegefall der eigene Nachwuchs in Regress genommen. Selbst dann, wenn seit Jahrzehnten kein Kontakt besteht und die Kinder enterbt wurden, wie unlängst das Bundesverfassungsgericht verfügt hat. Auch so wird Kinderlosigkeit belohnt. Nichts ist für Mütter zudem gewonnen, wenn fortan eine kleine Riege „goldener Rockschöße“ noch mehr hochbezahlte Aufsichtsratsmandate in Dax-Konzernen sammelt. Oder ging es bei Karstadt nur einer Verkäuferin besser, als Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf die maroden Geschäfte beaufsichtigte? Wie unsinnig die feministisch gesteuerte Quotenregelung ist, verdeutlich insbesondere der Staatsdienst: Befördert wird im Zweifel die kinderlose Amtsrätin, die mit einem Regierungsrat verheiratet ist. Der gleich qualifizierte männliche Mitbewerber, der Frau und drei Töchter zu versorgen hat, geht leer aus. Dabei käme sein Zubrot gleich vier Frauen zugute.

Wenn wir schon unbedingt an einer Quote festhalten wollen, dann sollte sie so ausgelegt werden, dass nicht Doppelverdiener weiter gepampert werden, sondern die besondere Förderung dem Land als Ganzes nützt: Wir brauchen eine Quote für Mütter und Väter. Nicht nur finanziell, sondern auch durch Wertschätzung. Diese kommt nicht zuletzt durch Ämter und Positionen zum Ausdruck. Vor allem die Wirtschaft sollte allmählich begreifen, dass Mütter und Väter wertvolle soziale Kompetenzen mitbringen und für die Kunden von morgen sorgen. Aber selbst Familienunternehmen stellen lieber kinderlose Frauen ein, die den Betrieb als Familienersatz sehen und sich voll reinhängen. Wo sollen sie sonst auch hin?

In der Politik müssen endlich jene Vorrang haben, die Zukunft nicht nur theoretisch formulieren, sondern selbst praktizieren. Erst dann wird der Generationenvertrag mit Leben erfüllt. Eine kinderlose Kanzlerin ist das Gegenteil davon. Doch während der „Weltfrauentag“ am 8. März regelmäßig auf allen Kanälen breiten Raum einnimmt, weil es ein Anliegen der meist kinderlosen Journalistinnen ist, halten einzig die Floristen den Muttertag in Erinnerung. So wird ein wichtiges Datum entwertet. Erst im Alter spüren die kinderlosen Selbstverwirklicher die Leere: Nicht geborene Töchter und Söhne haben keine Enkel. Dann ist es vorbei mit Familie und Stammbaum. Und was im persönlichen Bereich gilt, hat auch volkswirtschaftlich seine Richtigkeit: Selbst die dicksten Sparbücher helfen gegen die Vergreisung nicht. Sie können ein paar Yuppie-Rentnern einen schönen Schlussakkord bescheren, doch am Ende versiegen Nachschub und Vitalität für alle. Dann kann man sich auch nicht mehr auf die Kinder der anderen verlassen.

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