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Kunst des Überlebens : Monströser Graham wirbt für Verkehrssicherheit

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wer ist dieser Graham, der in Melbourne Furore macht? Der Mann aus Kunstharz, Glasfaser und Silikon hat eine wichtige Mission.

svz.de von
erstellt am 29.Jul.2016 | 12:00 Uhr

Ein speckiger Nacken und ein riesiger Schädel, Fett im Gesicht, hängende Hautfalten am Bauch - irgendwie ist dieses Wesen grotesk und könnte geradewegs einem Monsterfilm entsprungen sein. Wenn da nicht die lieben Augen wären, die ängstlich gekräuselte Stirn und der niedliche Henriquatre-Bart im Stil von Leonardo DiCaprio. Die Figur namens Graham sieht wie ein Mensch zum Anfassen aus, täuschend echt, wie aus dem Wachsfigurenkabinett.

Der junge Mann hat eine Botschaft. Die Skulptur, so lebensecht geschaffen von der australischen Künstlerin Patricia Piccinini, soll wach rütteln. „Massenkarambolage auf der Autobahn“, „Fahrradfahrer von Lastwagen erfasst und mitgerissen“, „Kinder beim Ballspiel vor fahrendes Auto gerannt“ - solche Schlagzeilen will die australische Verkehrswacht reduzieren, mit Hilfe von Graham.

 

„Autos haben sich sehr viel rasanter entwickelt als wir, unsere Körper sind einfach nicht in der Lage, mit den zerstörerischen Kräften in typischen Autounfällen fertig zu werden“, sagt David Logan, Unfallforscher der Monash Universität in Melbourne. „Ich sehe die verheerenden Verletzungen von Autounfällen fast täglich“, sagt Christian Kenfield, Unfallarzt am Royal Melbourne Hospital. „Selbst bei nur 25 Kilometern in der Stunde sind die Gefahren riesig.“ So haben sich der Unfallforscher, der Arzt und die Künstlerin zusammengetan, um Graham zu schaffen. „Wir müsste der Körper gestaltet sein, um Unfälle unbeschadet zu überleben?“, war die Frage der Behörde im australischen Bundesstaat Victoria, die sich um Unfallopfer kümmert und Sicherheitskampagnen im Straßenverkehr organisiert (TAC). Und heraus kam die Figur aus Silikon, Glasfaser, Kunstharz und mit echtem menschlichen Haar.

Er hat einen Schädel wie ein Helm mit Knautschzonen, Fett im Gesicht, um einen Aufprall abzufedern, Hautfalten mit so etwas wie Airbags, um die Rippen zu schützen - und ein zusätzliches Sprunggelenk im Unterschenkel, das Grahams Beine wie dies eines Huftiers aussehen lässt. Damit könnte ein Passant schneller aus dem Weg springen.

Gemessen an der Zahl der Unfalltoten sind die australischen Straßen gefährlicher als die deutschen. Auf 100 000 Einwohner gerechnet kamen 2015 in Australien statistisch 5,2 Menschen um, in Deutschland 4,3.

Das ist zwar wenig im Vergleich zur Dominikanischen Republik (mehr als 41) und Thailand (gut 38), nach der Statistik der Weltgesundheitsorganisation WHO. Aber jeder Unfall ist einer zu viel.

Es geht vor allem um die Überlebenden. Manche Unfallopfer müssen ihr Leben lang mit den Folgen einer verheerenden Verletzung fertig werden. „Graham soll ein Lernwerkzeug sein“, sagt TAC-Chef Joe Calafiore. „Er soll uns daran erinnern, dass wir sicherere Straßen (und Autos) haben müssen, die uns schützen, wenn etwas daneben geht.“ Und Graham soll Autofahrer wach rütteln, die nach der Party mit Alkohol im Blut fahren wollen, Passanten, die auch beim Überqueren einer Straße am Handy-Display kleben und alle anderen, die im Straßenverkehr leichtsinnig sind.

Die Resonanz auf Graham ist überwältigend. Innerhalb weniger Tage hätten mehr als neun Millionen Menschen die interaktive Webseite meetgraham.com.au angeklickt. Die Figur in schwarzen Shorts sitzt zur Zeit auf einer Bank in der Bücherei von Melbourne. Sie soll ab August als Wanderausstellung durchs Land reisen. „Wir sind völlig baff, wir haben schon Anfragen aus den USA zum Beispiel, ob Graham dort nicht auch ausgestellt werden könnte“, sagte TAC-Sprecher Hamish Heard der Deutschen Presse-Agentur. Im Moment sei das nicht vorgesehen.

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