17 Menschen getötet - Fälle ungeklärt : Mörderisches Malmö

Malmös Bürgermeister  Andreas Schönström
Malmös Bürgermeister Andreas Schönström

Seit einem Jahr treiben Morde die südschwedische Stadt um. Aufgeklärt ist keine der Taten.

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21. April 2017, 20:45 Uhr

In der südschwedischen Provinz Schonen ist die Welt noch in Ordnung. Hier wechseln sich gelbe Rapsfelder mit roten Holzhäuschen ab. Alte Bauernhöfe schmiegen sich an sattgrüne Hügel. Im Westen des Landstrichs, vom dänischen Kopenhagen nur durch den Öresund getrennt, liegt Malmö. Die größte Stadt der Gegend war bisher vor allem für den Fußballstar Zlatan Ibrahimovic und den höchsten Wolkenkratzer von ganz Skandinavien bekannt. Doch das Image ist angekratzt.

„Wir haben einen drastischen Anstieg an Schießereien und Morden gehabt“, sagt der Kriminologe Manne Gerell. 17 Menschen sind in Malmö, einer Stadt mit nur etwa 330 000 Einwohnern, seit Anfang 2016 auf offener Straße getötet worden. Hinzu kommen noch mehrere völlig anders gelagerte Fälle von Mord und Totschlag. Zum Vergleich: Im deutschen Hannover, der etwa 530 000 Einwohner zählenden Landeshauptstadt von Niedersachsen, gab es im ganzen Jahr 2016 elf vollendete Tötungsdelikte.

Hinter vielen der Taten von Malmö sollen Machtkämpfe in kriminellen Netzwerken stecken. Doch die Polizei ist hilflos, sie hat in vielen Fällen noch nicht einmal einen Verdächtigen präsentiert. „Sie kennen die meisten Menschen, die in diesen Netzwerken aktiv sind, aber sie tun sich schwer damit, Beweise zu finden“, meint Gerell.

Wer an einem Frühlingstag durch den von vielen Migranten bewohnten Stadtteil Möllevången schlendert, sieht statt düsterer Gestalten junge Frauen ihre Kinderwagen vor sich herschieben und Rentner in der Sonne sitzen. Am Mölle- vångstorget, erst im Februar Schauplatz eines Verbrechens, geht es geschäftig zu. Im Feinkostladen „Möllans Ost“ decken sich drei ältere Damen mit isländischen Bonbons ein. An einer Ecke des Platzes erinnern Rosen und ein großes Foto an den 23-Jährigen, der hier vor einem Thai-Restaurant erschossen wurde.

Nach Angaben der Polizei war er in Drogengeschäfte verwickelt gewesen. Genau diese Konflikte im Drogenmilieu seien das Problem, erzählt Marvin, der seit zwei Jahrzehnten auf dem Markt in Möllan Auberginen, Gurken und Karotten anbietet. Als Kind kam der kräftig gebaute Verkäufer vor 40 Jahren aus dem Libanon nach Schweden. Trotzdem meint er heute: „Wir haben zu viele Menschen reingelassen. Wir brauchen strengere Regeln.“ Solche Sätze sind Musik in den Ohren der schwedischen Rechtspopulisten.

„Diese Verbrechen sind keine Frage des ethnischen Hintergrunds, sondern der sozialen Klasse“, widerspricht Malmös Bürgermeister für Umwelt und Sicherheit, Andreas Schönström. „Aber darüber spricht niemand.“ Viele der rund 150 bis 200 organisierten Kriminellen in der Stadt hätten zwar ausländische Wurzeln, sagt der Sozialdemokrat. „Aber das ist nicht der Grund. Sondern, dass die Leute in diesen Gegenden unter schlechten Bedingungen leben.“

„Vor einigen Jahren hat die Polizei die Anführer im Bereich der organisierten Kriminalität ins Gefängnis gesperrt“, sagt Schönström. „Womit wir es jetzt zu tun haben, ist ein Kampf um Macht in diesen Netzwerken zwischen sehr jungen Männern.“ Im Durchschnitt seien sie 22 Jahre alt. „Sie haben viele Waffen (...) und nutzen sie sehr leicht, um ihre Streitigkeiten auszutragen.“

In Malmös Problemvierteln ändere sich jedes Jahr rund ein Viertel der Einwohnerschaft: „Wenn sie auf dem schwedischen Arbeitsmarkt Fuß gefasst und ein Einkommen haben, ziehen sie so schnell sie können um“, sagt Schönström. „Aber die Armut und die sozialen Probleme und die Kriminalität bleiben in der Gegend.“ Das will Malmö unter anderem mit einem sozialen Projekt in Sofielund ändern, einer ausgemachten Problemgegend.

Julia Wäschenbach

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