Interview : Mit klarem Blick

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Marius Müller-Westernhagen über die Vorzüge zunehmenden Alters.

svz.de von
04. Juli 2015, 08:00 Uhr

Auch wenn er seit über 15 Jahren nicht mehr in Stadien auftritt – er könnte sie immer noch mühelos füllen. Doch Marius Müller-Westernhagen setzt mittlerweile andere Prioritäten. Wir sprechen über die Vorteile des Älterwerdens, Rockstars jenseits der 65, den Tod und seine im Herbst anstehende Tournee.

Herr… was sag ich eigentlich? Herr Westernhagen oder Herr Müller-Westernhagen?
Verhältnismäßig egal.

Wenn Sie mich anrufen – wie melden Sie sich?
Müller-Westernhagen.

Der Müller ist also nicht passé?
Nein, der war nie passé. Es war nur grafisch für Plakate schwierig aufzulösen. Deshalb bin ich da nur der Westernhagen.

Gibt’s auch Situationen, in denen Sie sich nur Müller nennen, um inkognito zu bleiben?

Das habe ich noch nie getan. Auf großen Tourneen habe ich in den Hotels immer Pseudonyme. Einmal hieß ich Perry Como, das war ein berühmter amerikanischer Sänger aus der Sinatra-Zeit. Das war ganz lustig.

Thomas Gottschalk hat mit seiner Autobiografie die Bestsellerlisten gestürmt – wann lesen wir Ihre? Sie sind doch zwei Jahre älter.
(lacht) Es gab ja schon eine Biografie in Form einer DVD, das ist auch schon wieder fast zehn Jahre her. Man macht so einen Film über sein Leben und dann geht’s doch wieder weiter und weiter. Aber eine Autobiografie schreiben – ich weiß nicht.

Gottschalk schreibt in seinem Buch: „Mit dem Älterwerden habe ich kein Problem – nur dass man es sieht, finde ich scheiße.“ Geht es Ihnen auch so?
Mich erschreckt es immer, wenn mir jemand sagt, wie alt ich bin. Ich bin dankbar dafür, wie ich mich fühle und wie fit ich bin.

Welche Vorteile sehen Sie mit 67?
Ich bin weniger selbstbezogen und fange an, die Dinge klarer zu sehen, die mich glücklich oder unglücklich machen. Und ich hoffe, die Weisheit zu besitzen, etwas zu ändern, wenn ich erkenne, dass es mich unglücklich macht. Das ist für einen Künstler sehr wichtig.

Haben Sie da ein Beispiel?
1999 habe ich ja ganz radikal beschlossen, keine Stadien mehr zu spielen. Ich sah keine Entwicklung mehr, es konnte alles nur noch immer größer werden, dafür ging es immer mehr vom Inhalt weg, während Image und Verpackung immer wichtiger wurden.

Sie haben mal gesagt, Ihre Stadionkonzerte hätten einen beinahe-religiösen Touch gehabt.
Fürchterlicherweise. Es war ja teilweise so, dass mir kleine Kinder hochgereicht wurden. Wie dem Papst. Oder wie einem Diktator. Das bin ich aber nicht. Ich bin nur einer, der Songs schreibt, sie produziert und aufführt.

Viele Textzeilen Ihrer letzten CD „Alphatier“ machen ziemlich nachdenklich. Da heißt es „Zu leben heißt sterben, es gibt keinen Grund sich zu genieren, warst Du ein Nichts oder genial, so oder so wirst Du krepieren“. Das hat ja schon fast morbiden Charme.
Wenn man schreibt und das auch ehrlich tut, reflektiert man immer die Gegenwart, und die Gegenwart ist halt düster.

Das empfinden Sie so?
O ja. Ich bin ja schon so alt wie die Republik, und ich habe weltweit eine so kritische Situation wie jetzt noch nicht erlebt. Ich habe die Kuba-Krise erlebt, aber damals waren die Krisen lokal begrenzt. Heute ist jeder Konflikt gleich ein weltweiter.

Das ist die politische Dimension, Ihre Songs haben aber auch eine sehr persönliche. Sie singen „Ich spür die Zeit verrinnen, Angst macht sich in mir breit, Oh Herr, gib mir mehr Zeit, Oh Herr, ich bin noch nicht so weit“.
Das ist eine Auseinandersetzung, die es bei mir schon seit meinem 14. Lebensjahr gibt. Damals starb mein Vater. Der Tod ist für einen jungen Menschen ein Tabu, etwas, das in Deiner Familie nicht passiert. Aber wenn dann jemand stirbt, der Dir sehr sehr nahe ist, fängst Du an, Dich damit auseinanderzusetzen. Das finde ich auch gut. Und jetzt bin ich in einem Alter, in dem mehr und mehr Leute sterben, die ich kenne. Dadurch ist man einfach gezwungen, sich konkreter damit auseinanderzusetzen.

Spielen Sie Stücke wie „Oh Herr“ auch live?
Ja, klar. Wir haben im letzten Jahr diese Club-Tournee gemacht, nachdem wir „Alphatier“ aufgenommen hatten. Und wir hatten alle das Gefühl, etwas geschaffen zu haben, was wertvoll ist, und wollten es auch zusammen als Gesamtwerk aufführen. Dass ging nicht in großen Hallen, denn dann hätte es geheißen: Ihr müsst aber auch diesen und jenen Song spielen. Ich habe dann gottseidank einen Veranstalter getroffen, der sagte: Okay, ich zieh da mit, aber Du verdienst nichts und ich verdiene nichts, selbst wenn alles ausverkauft ist. Darauf habe ich mich eingelassen, wir haben zwölf Konzerte gespielt, es war eine absolute Non-Profit-Geschichte, aber ich habe es nicht eine Sekunde bereut. Die Menschen haben so großartig reagiert, dass ich jetzt echt gespannt bin, wie es in großen Venues sein wird, wo wir auch einiges aus dieser Platte spielen werden.

Wie geht denn ein Konzertpublikum darauf ab, wenn Sie singen „Ich spür die Zeit verrinnen...“? Das ist ja nun wahrlich kein Party-Song.
Wenn Du bereit bist, wirklich zu fühlen, Deine Seele zu zeigen, das Publikum spüren zu lassen, dass Du verletzbar bist, dann geht's gar nicht mal so sehr um die Thematik, sondern um die Emotion und eine gewisse Sensibilität.

Sie werden im Dezember 67, in drei Jahren also 70. Andere Leute kriegen schon zu ihrem 40. Geburtstag die Sinnkrise.
(lacht) Die habe ich schon lange hinter mir.

Wie ist es denn so jenseits der Sinnkrise?
Das Gefühl von Freiheit ist bei mir schon 1999 gekommen, damals habe ich mich wirklich befreien können von diesem Druck, immer abliefern zu müssen und erfolgreich zu sein. Aber man kann ja daraus aussteigen, denn man muss eigentlich nur zwei Dinge im Leben: Steuern zahlen und sterben. Zu allem anderen kann man „Nein“ sagen. Das ist vielen Menschen gar nicht klar, die meinen immer: Ich muss das. Dadurch macht man sich aber zur Marionette.

Und Sie?
Ich habe immer reflektiert, was ich mache, und meine Schlüsse daraus gezogen. Wenn mich etwas unglücklich macht, kann es noch so erfolgreich sein und noch so viel Geld dabei herausspringen – dann ist es das nicht wert und ich ändere es.

Was bedeutet das musikalisch?
Heute habe ich das Glück, mit derart guten Leuten zusammenzuspielen, von denen ich mir nie vorstellen konnte, dass die mal mit mir Musik machen. Für mich eröffnet das die Möglichkeit, an diesen Leuten weiter zu wachsen und selbst besser zu werden.

Wie sieht's mit Ihrer Fitness aus? Es ist ja kein Pappenstiel, auf einer Bühne, auf der Temperaturen von 50 Grad herrschen, so ein Set zu spielen, zumal die Bühnen jetzt wieder größer werden. Haben Sie einen Personal Trainer?
Ja, den hab ich, und der quält mich auch ganz schön. Ich finde es wichtig, dass die Leute eine gewisse Kraft spüren, die von mir ausgeht – und dafür muss ich sehr hart trainieren.

Nach der Show sind Sie dann richtig platt?
Ich krieg's hin, aber nicht mit links. Wenn ich auf Tournee bin, zählen für mich nur diese zweieinhalb Stunden am Abend auf der Bühne. Danach werde ich massiert, ich esse noch was und dann geht's ins Bett.

Wenn man Ihren Namen bei Google eingibt, ist der erste Vorschlag „Dicke“. Offenbar ein Song für die Ewigkeit...
(lacht) Erstaunlich, denn ich hab ja einige Songs geschrieben, die nicht gerade ein kurzes Verfallsdatum haben. „Dicke“ habe ich ewig nicht gespielt, und es wird auch nicht mehr danach gerufen. Das haben wir so oft in allen möglichen musikalischen Formen gebracht – das geht heute wirklich nicht mehr.

Was haben eigentlich die Dicken zu „Dicke“ gesagt?
Das war ein Hymne für sie.

Eine Hymne, in der es heißt „Dicke schwitzen wie die Schweine ...“?
Ich habe den Leuten den Spiegel vorgehalten. Viele sprechen hinter vorgehaltener Hand darüber, deshalb wollte ich es einfach mal klar und deutlich aussprechen. Es hätte genauso gut ein Song über eine andere Bevölkerungsgruppe sein können, die ständig diskriminiert wird. Die Dicken haben das verstanden. Als die Platte damals herauskam, kamen bei dem Song immer ein paar Dicke auf die Bühne, haben dazu getanzt und voller Inbrunst gesungen.

Sehen wir Sie eigentlich noch mal als Schauspieler?
Diese Frage wird mir seit 15 oder 20 Jahren immer wieder gestellt. Es kommen auch immer noch Drehbücher, die mitunter auch ganz interessant sind. Aber es war noch keines dabei, das in mir den unbedingten Drang ausgelöst hat, noch mal vor der Kamera zu arbeiten und zu beweisen, dass ich schauspielern kann. Die Gefahr ist: Je länger ich nicht spiele, desto größer wird die Legende. Ich werde sozusagen von Jahr zu Jahr zu einem immer besseren Schauspieler (lacht).


 

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