Interview mit Mario Galla : Mit einem Bein nach oben

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WOCHENEND-INTERVIEW: Für Model Mario Galla gelten „Makel“ als Markenzeichen.

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05. Mai 2018, 16:00 Uhr

In kurzen Hosen hat Model Mario Galla seinen Durchbruch geschafft. Es war der erste Walk des Hamburgers, bei dem die breite Öffentlichkeit seine Beinprothese gesehen hat. Im Interview spricht er über Beleidigungen von Designern, eine fliegende Prothese, asoziale Netzwerke und das Dschungelcamp.

Herr Galla, richtig bekannt geworden sind Sie im Jahr 2010, als Sie bei der Berliner Fashion Show auf der Präsentation des Modedesigners Michael Michalsky in kurzen Hosen laufen sollten. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie von seinem Vorschlag hörten?
Ich war froh, dass Michael mir diese Chance gab. Zu dem Zeitpunkt habe ich schon vier Jahre im Modegeschäft gearbeitet und alle Kunden haben meine Behinderung immer kaschiert, abgesehen von einer Fotostrecke in Frankreich. Für den deutschen Markt war das noch mal ein anderes Statement. Deshalb war ich sehr froh, dass sich jemand bei einer Fashion Show getraut hat, mich so zu integrieren und sich damit vielleicht den ein oder anderen Feind im Modebusiness zu machen.

Wären Sie heute da, wo Sie sind, wenn Sie damals auf dem Laufsteg keine kurzen Hosen getragen hätten?
Nein, ich denke nicht. Nicht als Mario Galla, das Model mit Handicap. Ich würde ganz normal als Model arbeiten, aber dieses Alleinstellungsmerkmal, das so offensichtlich ist und mir auch andere Chancen im Leben eröffnet, würde es nicht geben.

Nervt es Sie nicht, dass Sie immer „das Model mit der Prothese“ sind?
Es gehört halt dazu. Es ist die Geschichte hinter meiner Person, das ist vollkommen okay. Es ist das, warum man guckt: weil es auf den ersten Blick ein so großer Kontrast ist. Ich habe kein Problem damit.

Es gab auch sSchlagzeilen, in denen die Wörter „Einbeinmodel“ oder „Schock Model“ auftauchten. Wie sehr trifft Sie so etwas?
Ich muss gestehen, dass mich das am Anfang schon getroffen hat, als die ersten Medienberichte auftauchten und geschrieben wurde, dass ich nur aufgrund der Prothese gebucht wurde – ohne zu beleuchten, dass ich schon vorher ganz normal als Model gearbeitet habe. Mittlerweile habe ich aber auch durch die Modebranche und die Medien so ein dickes Fell, dass es mich nicht mehr sonderlich stört. Ich lasse solche Sachen nicht mehr an mich ran.

Wie oft werden Sie von Designern wegen Ihres Handicaps abgelehnt?
Ich glaube oft genug. Ich kriege es nicht aktiv mit. Ich bekomme den Job dann eben nicht. Es trauen sich noch nicht viele zu sagen, ich buche den Jungen für Bademoden, weil nun mal ein bestimmtes Ideal herrscht. Außer natürlich, man möchte bewusst Aufmerksamkeit erzeugen. Obwohl der Hype da auch schon vorbei ist, glaube ich.

Mussten Sie sich auch schon Beleidigungen anhören?
Klar. Im Modebusiness ist es egal, ob man eine Behinderung hat oder nicht. Da wird selbst schönen Mädchen, die einen guten Körper haben, teilweise gesagt, sie seien fett. Mir haben auch schon Designer Sachen an den Kopf geworfen wie ‚Du Krüppel‘. In Deutschland passiert das weniger, aber im Ausland gab es schon extreme Situationen. Das muss man dann einfach wegstecken und sagen, man geht da nicht mehr hin. Letztlich müssen diese Leute selbst damit klarkommen.

Was denken Sie in so einem Moment?
Ich denke ‚Du blöder Penner, was willst du von mir?‘ Aber natürlich geht man professionell damit um, sagt ‚Tschüß‘ und ärgert sich kurz. Mir tut es dann eher Leid um den anderen als um mich, weil ich kein Problem mit dem Handicap habe.

Wie tolerant ist die Modebranche heutzutage? Man sieht immer öfter markante Models, die aus der Masse herausstechen.
Als ich angefangen habe, war das noch gar kein Thema. Das habe ich an mir selber erlebt. Es kamen über die Jahre immer mehr extravagante Typen. Wahrscheinlich auch, weil sich die Marken überlegen müssen, wie sie bei diesem Überfluss an Reizen einen noch größeren Reiz schaffen können. Aber ich glaube auch, dass es wirklich viele Designer gibt, die toleranter geworden sind und sich mehr trauen.

Anfangs wurden Sie trotz der Prothese gebucht, inzwischen wegen. Wie stolz sind Sie darauf, dass sich die Modebranche so ein bisschen nach Ihnen richtet?
Für mich ist es eine supercoole Erfahrung, dass ich mein ‚Makel‘ zum Markenzeichen machen konnte. Das ist nicht easy und man braucht wirklich viel Durchhaltevermögen und ein dickes Fell, um das überhaupt zu schaffen. Deshalb bin ich da schon ziemlich stolz drauf.

Würden Sie sich wünschen, dass es in der Branche noch mehr Menschen gibt, die nicht perfekt sind?
Ja, klar. Perfekt gibt es in dem Sinne ja gar nicht. Das ist eigentlich eine Illusion, die von der Industrie geschaffen wird. Aber wenn man sagt, perfekt im Sinne von zwei normalen Beine und gerade gewachsen, finde ich es cool, dass wir mittlerweile ganz verschiedene Typen haben und alles ein bisschen bunter geworden ist. Das bildet eine wirkliche Gesellschaft ab und da finden sich dann auch die Randgruppen wieder. Ich finde das eine wichtige Entwicklung.

Was vermissen Sie aus Ihrem Leben vor der Modelkarriere?
Ich lebe ja eigentlich normal weiter, gehe dann in den Modezirkus, mache da meine Jobs und komme dann zu meinen Kumpels nach Hamburg zurück. Ich versuche immer, die Waage zu halten und mir das Leben, das ich vorher hatte, zu bewahren, damit man nicht denkt ‚Jo, ich bin der supergeile Typ, der jetzt Model ist und abhebt‘. Weil ich versuche, immer meinen normalen Kosmos beizubehalten, vermisse ich auch nicht so viel.

Wie oft gehen Sie noch in den Imbiss, in dem Sie damals entdeckt worden sind?
Den Imbiss gibt es heute nicht mehr, aber ich bin immer noch in der gleichen Region angesiedelt, gehe noch in ganz normale Fastfoodläden oder Restaurants.

Sie sind Botschafter für Handicap International. Für was setzen Sie sich noch alles ein und warum ist Ihnen das wichtig?
Für Handicap International setze ich mich hauptsächlich ein. Nicht alle Menschen auf der Welt, gerade in Krisengebieten, haben die Möglichkeit, eine Prothese zu bekommen. Ich weiß wie es ist, wenn man keine hat. Ich wäre dann wirklich eingeschränkt und könnte nicht mit meiner Umwelt interagieren. Wenn Menschen in Entwicklungsländern keine Prothese bekommen, können sie ihrer Arbeit nicht nachgehen und verhungern teilweise, weil sie kein Geld verdienen oder keinen Reis anbauen können. Dann wird die Situation dramatisch. Ich engagiere mich auch gegen Pelz. Das erfordert in der Branche aber auch Rückgrat. Neben der Behinderung fallen damit für mich noch mehr Jobs weg, was aber auch okay ist. Vor einiger Zeit war ich auch mal Botschafter der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

Sind Sie als Kind wegen Ihres Handicaps diskriminiert worden?
Ich glaube, da habe ich als Kind alle Hänseleien durch gehabt. Ob das ,Holzbein‘ war, ,Captain Hook‘ oder was auch immer. Kinder können schon fies sein. Und gerade als Kind oder Jugendlicher ist man auch noch nicht so selbstsicher. Das ist eine der härtesten Phasen für einen Menschen mit Handicap. Ich hatte schon immer und habe noch heute guten Rückhalt in der Familie und im Freundeskreis. Das macht es leichter, damit umzugehen.

Gibt es Momente, in denen Sie sich ein zweites Bein wünschen?
Gerade in der Jugendzeit gab es solche Momente. Jetzt nicht mehr, denn mittlerweile habe ich ja eine gute Situation für mich daraus geschaffen. Ich komme super damit klar und ich glaube, ich habe eine der luxuriösesten Behinderungen, die es auf dem Planeten gibt, weil ich damit alles machen kann. Früher habe ich aber öfter mal darüber nachgedacht, das Bein verlängern zu lassen. Das war aber mit so vielen Komplikationen verbunden, dass ich gedacht habe, ich lasse das.

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